Kleiner Stern

Wettbewerbsbeitrag von Emilia Forster, 18 Jahre

FUNKEL, FUNKEL KLEINER STERN, ACH WIE BIST DU MIR SO FERN

Die Menschheit war weit gekommen, zu weit, hatte zu viele Grenzen unwiderruflich überschritten und nicht aufgehört, nicht bis auch die letzten Stücke des Nichtwissens zerschmettert waren. Die Menschen träumten nicht mehr: Sie wussten nur noch.

Im Jahr 2177 gab es kein letztes Limit der Wissenschaft, nein, nur ihren Exitus.

Aber eines blieb unverändert. Es gab den Tod und es gab das Leben. Und wenn die Erde ein lebender Körper war, dann war der Mensch der Krebs, für den sie selbst keine Heilung finden konnte. Also starb sie langsam.

Dann geriet Eta Carinae in unser Bewusstsein: der verlorene Stern, dessen Gefahr zu lange verleugnet worden war. Er brach zusammen.

Als die erste Welle von Gammastrahlen die Erde traf, starben wir oder wurden krank. Die Sonne wurde unser Feind, die Luft, die wir atmeten, zerriss uns von innen. Die Nacht zog dunkel einher, leise und mit dem Morgengrauen kam der Tod, überall. 

Die wenigen Menschen, die überlebten, entwickelten Pläne, so wie sie es immer getan hatten. Unser Ego stellte sich gegen die Gewalt einer sterbenden Sonne. Und das Leben ging weiter: Unter Spezial-Anzügen, gemacht um Gammastrahlen abzulenken. Mechaniker und Wissenschaftler entwickelten sogar einen Weg, diese Strahlung in nutzbare Energie umzuwandeln und unsere Zivilisation blühte wieder auf.

Kurzfristig. Dann zeigte uns der Himmel, dass unser Ego in Relation zur Unendlichkeit nichts bedeutet.

STRAHLEND SCHÖN AM HIMMELSZELT, ERLEUCHTEST HELL DIE GANZE WELT.

Und erst da fingen wir wirklich an, zu den Sternen aufzublicken.

Den Menschen wurde klar: Unsere Zeit hier ging zu Ende. Wir konnten Schiffe bauen, also verließen wir diesen Planeten.

Heute war ein Tag wie jeder, aber morgen würde das letzte Schiff starten. Wir warteten nur darauf, dass dieser Tag bald enden würde. So wie wir es an jedem anderen auch getan hatten.

Wir lagen auf dem Dach, in dieser einen Stunde, in der man ohne Hilfsmittel atmen konnte und warteten.

„Es ist seltsam.“ Ich hielt meine Augen geschlossen und atmete tief ein, als ein schwacher Wind über meine Wangen strich. „Es ist so seltsam, dass unser ganzes Leben von einem Stern abhängt.“

Es war kurz still, doch ich konnte meine Freundin neben mir denken hören.
„In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.“

Ich öffnete meine Augen und sah zu ihr. „Was?“

Es war zu dunkel um es genau erkennen zu können, doch ich glaubte ein kleines Lächeln auf ihren Lippen zu sehen.

„Das ist Schiller“, entgegnete sie mit Stolz. Ihre Mimik trug nun einen Ausdruck der Sehnsucht. Ich kannte den Namen nicht, den sie genannt hatte. Sie liebte die Welt schon immer mehr als ich es tat.

Eines auf dieser Welt hatte nie an Bedeutung verloren: Sie. Wir hatten vorhin gestritten, aber nun nicht mehr. Wenn die Saat der Gewalt die Sprache ist, dann war die Saat der Liebe ein Blick in den Sternenhimmel. Doch der Tag brach bald an. Ich wusste es hier noch nicht, aber für den Rest meines Lebens würde ich Sonnenaufgänge mehr lieben als Sonnenuntergänge.

DU WEISST DOCH, WENN MAN RECHT TRAURIG IST, LIEBT MAN SONNENUNTERGÄNGE.

Ich hatte das gesamte Schiff nach ihr abgesucht. Mein Hals schmerzte von den Worten, die ich hinausschrie, aber ich hörte sie kaum über dem Klang meiner Angst, meiner Wut, meines Unglaubens, der durch meinen Rücken kroch, sich um meinen Brustkorb legte, meine Lunge verengte, meinen Hals und mein Herz, mein Herz, mein Herz.

Tränen rannen über mein Gesicht. Ich bemerkte sie nicht, bis ich sie auf meinen Lippen schmecken konnte. Ich hatte noch nie geweint. „Wir müssen zurück! Meine Freundin. Meine beste Freundin ist da unten! Bitte, wir müssen zurück!“

„Wir können nicht“, antwortete mir der Commander, seinen Blick auf alles andere gerichtet, nur nicht auf mich, „Wir können nicht. Es würde sechs weitere Monate dauern bis die Startrampe wieder aufgeladen wäre und wir haben die atmosphärischen Gittergeneratoren abgeschaltet, bevor wir abgeflogen sind. Wir nahmen angesichts der Umstände an, dass sie nicht mehr nötig sein würden, also wird die Sauerstoffversorgung bis zum Morgen erschöpft sein.“

Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben Angst.

„Es geht hier um eine einzige Person. Wir können das Leben von Zehntausenden nicht zum Wohl einer Person gefährden.“

„Aber sie ist meine einzige Person! Meine einzige Person“, ich konnte meine eigenen Worte kaum hören, konnte sie kaum schmecken über der salzigen Traurigkeit, die sich auf meiner Zunge ausbreitete: Der Nachgeschmack eines aussichtslosen und unheilvollen Albtraums, der niemals enden würde.

„Wir können versuchen Funkkontakt herzustellen“, erklang die Stimme eines älteren Mannes hinter mir. Sie war zart und verzweifelt. Egal wie sehr man es verändern wollte, Herzen bestanden immer noch aus zarten Dingen: Gewebe, Blut und Muskeln. Dinge, die leicht verwundbar waren. Dinge, die dazu neigen, Narben mit sich zu tragen, anstatt zu heilen. Nach einem Durcheinander von Signaltönen und leisem Rauschen sprach der Mann in ein unscheinbares Mikrofon. Und dann, scharf wie eine Scherbe der Klarheit, schmerzhaft und schrill, dann kam ihre Stimme auf. Ihr Klang schnitt förmlich in meine Haut ein, in mein Herz.

Ich hielt das Mikrofon in meinen Händen,  wollte die Menschen um mich herum fragen, was man sagen soll, zu der letzten Person auf unserer Erde. Sobald wir an Jupiters Monden vorbei geflogen wären,  würde das Signal endgültig verloren sein. Ich war noch nie gut darin, mit der Zeit umzugehen. Sie sprach, bevor ich es konnte.

„Entschuldigung”.

Ich konnte ihren Herzschlag förmlich spüren, fühlte ihn an meiner Wange, als ich mein Gesicht gegen das kalte Metall der Wand drückte. Das hier würde das letzte Mal sein, dass ich sie atmen hörte. „Warum bist du nicht hier? Was hast du getan?“

„Ich bin zurück nach Hause gerannt.“ Sie schwieg für eine Sekunde. „Ich bin zurückgerannt, um ein Buch zu holen. Du weißt schon, „Der kleine Prinz.“ Sie hatte diese verdammten Bücher schon immer mehr geliebt als ich, und ich hatte SIE schon immer mehr geliebt als irgendetwas.

„Wir holen dich.“ Schuld füllte die Risse meines zertrümmerten Herzens, verätzte meine Worte, doch ich sprach weiter. „Wir holen dich, auch wenn ich dieses verfluchte Schiff alleine steuern muss.“

„Du wolltest ja schon immer Pilotin werden.“

„Das wollte ich“, lachte ich gequält, erstickte fast daran und drückte das Mikrofon noch näher an mich.

„Es ist Sonnenaufgang, weißt du“, sagte sie nach einer kurzen Pause. Das Rauschen wurde immer unerträglicher, halbe Silben brachen bereits ab. Die letzten Monde Jupiters waren nicht weit entfernt.

„Ist er schön?“

„Zu schön.”

Ich schwieg. Ich sah aus dem Fenster zu unserer Erde hinunter, und ich wusste, sie schaute zu mir.

„Es wird kalt“, zum ersten Mal nahm ich das Schwanken in ihrer Stimme war, und es war nicht das schwache Funksignal. „Ich habe Angst.“

„Ich weiß.“ Ich konnte nichts sagen. Drei weitere Monde.

„Ich liebe dich.“

„Ich weiß.“

„Sing für mich.“ Sie sprach wieder, schneller als zuvor, als wüsste sie, dass ihr wenig Zeit blieb.

„Was?“

„Sing für mich, das beruhigt mich. Bitte.“

„Ich kann nicht.“ Ich schüttelte meinen Kopf, als würde ich nichts von dem glauben, was gerade passierte, lehnte meine Stirn dann an die metallische Wand und atmete durch.

„Du kannst nicht?“

„Ich kann nicht!“ Ich schrie auf, so laut, dass die Lautsprecher für einige Sekunden versagten. „Ich kann nicht. Warum lässt du mich allein! Warum tust du mir das an? Sag mir warum!“

Sie antwortete nicht.

Der ganze Raum war still, ich rang um Luft und vernahm vom anderen Ende der Leitung das Umblättern einer Seite, bevor ihre Stimme wieder leise und ruhig, zarter als Gold, erklang: „Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust, wird es dir sein, als lachten alle Sterne, weil ich auf einem von ihnen wohne, weil ich auf einem von ihnen lache.“

Der letzte Mond.

Ach wie bist du mir so fern.

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Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

Teilnahmebedingungen

Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

EINSENDUNGEN

Autorin / Autor: Emilia Forster