Werden wir so leben WoLlen?

Wettbewerbsbeitrag von Isabel, 23 Jahre

Ich schwebe 20 Kilometer über der Erdatmosphäre. Die Luft ist kalt, das spüre ich auch durch den Anzug.
Es ist das erste Mal, seit ich geboren wurde, dass ich der Erde so nahe komme.
Der Planet sieht einladend und freundlich aus von hier oben. Blau, braun, weiß. Viel bunter als die meisten anderen Planeten. Trotzdem befällt mich eine unerklärbare Angst, wenn ich ihn betrachte.
Ich erinnere mich nicht mehr daran, wie es war, dort zu leben. Ich kenne auch keine Person, die davon erzählen könnte. Wir sind schon vor Jahrzehnten nach World of Life – kurz WoL– gezogen. Seitdem sind kaum Menschen zur Erde zurückgekehrt.
Sie sagen, die Erde ist ein in Flammen stehendes Meer. Entweder hast du mit zu viel Feuer oder mit zu viel Wasser zu kämpfen.
WoL ist sicher. Wir haben alles, was wir brauchen. Wir haben die nötigen Nährstoffe und Kalorien, wir haben Wasser und Sauerstoff. Jeder Mensch hat eine Aufgabe und arbeitet für die Gemeinschaft. Es funktioniert.
Wir alle wissen, dass wir uns glücklich schätzen können, in WoL leben zu dürfen.
Ich schaue nochmal unter mich. Ja, die Erde sieht ganz hübsch aus von hier oben. Aber das war es auch schon. Ich fühle mich ihr in keiner Weise mehr verbunden als anderen Planeten und habe auch kein Interesse, sie näher kennenzulernen.
Sie schicken uns alle mindestens einmal in unserem Leben hierher, um sicherzustellen, dass wir nicht vergessen, woher wir kommen. Aber das weiß ich sowieso. Trotzdem, nur weil ich auf der Erde geboren wurde, heißt das nicht, dass ich mich ihr verbunden fühle. Hier zu sein ändert nichts. Letztlich ist es ein Planet unter vielen.
Trotzdem genieße ich den Ausflug. Es ist schön, zur Abwechslung alleine zu sein. Sonst bin ich immer umgeben von anderen Leuten.
Ich habe kein Zeitlimit und auch sonst keine Vorgaben. Ich kann so lange bleiben, wie ich will, und so nahe an die Erde heranfliegen, wie ich möchte. Aber sie empfehlen, die Erdatmosphäre nicht zu durchbrechen, da dann die Gravitationskraft so stark wird, dass es schwierig sein wird, uns zurückzuholen.
Also schwebe ich umher. Ich sehe die Wolken und das Wasser, von denen alle immer reden. So etwas gibt es bei uns nicht. Wir leben in einem menschengemachten Komplex. Alles wird von den Techniker:innen gesteuert. Alles ist darauf ausgerichtet, uns ein möglichst komfortables Leben zu bieten.
Ich blicke nach oben zum Oval, das einige Meter über mir schwebt. Ich sehe Nyla, die mich beobachtet und darauf wartet, dass ich zurückkomme, damit wir zum Schiff zurückkehren können.
Vor ein paar Tagen war sie an meiner Stelle. Für sie war der Ausflug unfassbar bedeutsam. Sie ist etwas älter als ich und interessiert sich sehr für Geschichte. Sie hat viele Bücher gelesen, die von Menschen auf der Erde geschrieben wurden. Sie wünscht sich die Freiheit und die überraschenden Wendungen im Leben, die Menschen dort haben.
Das verstehe ich. WoL ist wundervoll, aber doch sehr einseitig. Immer die gleichen paar Orte und Menschen. Die Erde bietet in dieser Hinsicht doch deutlich mehr. Aber ich weiß, dass sie kein Ort mehr ist, an dem Lebewesen sein sollten.
Außerdem wird zumindest mein Leben nicht mehr lange so einseitig sein! In zwei Wochen beginnt meine Arbeit für die Außenkraft, worauf ich mich schon ewig freue. Dann kann ich endlich zu verschiedenen Planeten reisen und neue Orte entdecken.

Ich schaue nochmal auf die Erde und präge mir das Bild, was sich mir bietet, gut ein. Dann mache ich mich auf den Weg zurück zum Oval.
Sobald ich durch die Tür trete, kommt Nyla schon auf mich zu.
„Wie war es?“, fragt sie aufgeregt. Ich habe das Gefühl, dass das Ganze für sie wichtiger ist als für mich.
„Schön“, antworte ich. Sie schaut mich erwartungsvoll an, also füge ich hinzu „Die Erde ist ein wirklich hübscher Planet mit all den Blau-, Weiß- und Grüntönen. Und das Gefühl, so kurz über ihr zu schweben, war toll. Ich freue mich jetzt schon darauf, solche Ausflüge bei der Außenkraft machen zu können.“
Sie lächelt, aber ich sehe in ihrem Blick, dass sie dem Ganzen kritisch gegenübersteht.
„Nyla, hör auf. Ich weiß, du bist kein Fan der Außenkraft, aber wir brauchen sie“, platzt es aus mir heraus.
„Hey, ich habe doch gar nichts gesagt“, meint sie gereizt. Ich spüre, dass sie sich angegriffen fühlt.
„Nein, ich weiß, aber du hast wieder so geschaut. Was ist denn so schlimm an der Außenkraft?“, frage ich.
Sie muss nicht lange nachdenken. „Es ist wieder eine Form von Kolonialismus, findest du nicht?“, sagt sie dann. Ich weiß, dass sie das Thema schon lange beschäftigt. „Wir gehen auf Planetensuche, okay. Aber warum müssen wir diese dann auch für uns beanspruchen? Nur um uns ein Machtgefühl zu verschaffen? Nur damit wir sagen können: ‚Uns gehört dies, uns gehört das.‘? Wow. Beeindruckend. Eine großartige Leistung.“

Ich verstehe ihren Standpunkt. Ich bin mir selbst unsicher, was die Ziele der Außenkraft angeht. Trotzdem verteidige ich meine zukünftige Arbeit. „Bei der Außenkraft geht es lediglich darum, neue Planeten zu entdecken, um herauszufinden, ob es noch anderes Leben gibt und um mögliche Umsiedlungsorte für WoL auszumachen. Und das ist wichtig“, beharre ich. „Oder willst du dein Leben lang auf 25 Quadratkilometern mit 90.000 Menschen leben? Außerdem, nur weil wir eine Flagge auf dem Planeten hissen, heißt das doch nicht, dass wir ihn beanspruchen. Wir zeigen Präsenz, das ist etwas anderes.“
Nyla schaut zurück zur Erde. Sie meidet meinen Blick. „Mag sein“, sagt sie dann, „Aber ich mag ihre Art zu arbeiten nicht. Dieses ständige Besitzergreifen und Beanspruchen, dieses sich wie Gott fühlen, führt nur zu Problemen. Wenn wir nicht aufpassen, werden wir zum nächsten abgebrannten und überschwemmten Ort.“
„Ja, das stimmt“, gebe ich zu. „Ich werde das ansprechen, wenn ich anfange dort zu arbeiten. Wir müssen uns verantwortungsvoll verhalten. Die Erforschung des Universums sollte nicht auf Kosten anderer Welten und Leben gehen.“
Nyla nickt.
Wenn es diese anderen Welten und Leben gibt, denken wir beide im Stillen.
„Hoffentlich“, denken die Ilmos vom Planeten Lamo als sie die Gespräche im Oval entschlüsseln.

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Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

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Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

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