Nachricht aus Arecibo

Wettbewerbsbeitrag von Laura Wögler, 22 Jahre

Gedankenverloren starrte Yolanda aus der riesigen Frontscheibe der Tardis, ohne dass sich ihr Blick an etwas Bestimmtes festhielt. Gähnende Leere. Nicht ein einziges verirrtes Teilchen bahnte sich seinen Weg an dem verbeulten Raumschiff vorbei, um sich irgendwo im unendlichen Vakuum zu verlieren. Noch immer zehrte Yolanda von dem atemberaubenden Anblick des rasend schnell rotierenden Pulsars, auf den sie vor einigen Jahren gestoßen war. Als würde er von einem hungrigen Prädator umkreist, hatte ein hell schimmernder Ball immer enger werdende Bahnen um ihn gezogen. Natürlich wusste Yolanda, dass die Bedrohung in Wahrheit weniger vom schimmernden Diamant-Planeten ausging, vielmehr von dem rotierenden Neutronenstern, dem Pulsar, der mit seiner gierigen Anziehungskraft die glitzernde Diskokugel, die sich tanzend um ihn drehte, immer tiefer ins Verderben lockte. Irgendwann würde der Pulsar den funkelnden Planeten in winzig kleine Diamanten zerbersten und damit einen Schauer aus glitzernden Steinen ins Universum gießen. Yolanda seufzte. Die ganze Szenerie war ihr noch so lebhaft vor Augen. Sie wünschte, es würde sich wieder ein ähnliches Schauspiel ergeben, von dem sie jahrelang zehren könnte. Doch der Raum hinter der Frontscheibe blieb leer. Seit mehreren Wochen waren sie nicht an einem einzigen Planeten vorbeigekommen, hatten kein Raumschiff passiert und mit keinem Lebewesen Kontakt gehabt. Yolanda war heilfroh, dass sie zumindest Rüdiger an ihrer Seite hatte, der zwar nicht sehr gesprächig war, dafür ein ausgezeichneter Zuhörer. Derzeit saß er auf dem Cockpit-Stuhl neben ihr, hatte seinen kleinen Schildkrötenkopf in seinen blauvioletten Panzer eingezogen und schnarchte. „Äh Entschuldigung! Hallo?“ Was gibt’s? „Passiert hier jetzt auch noch was? Oder soll die ganze Geschichte jetzt nur davon handeln, dass wir durchs grenzenlose Weltall dümpeln?“ Entschuldigung zurück? „Ich mein ja nur, ist vielleicht nicht so giga spannend.“ Sowas nennt man Intro, dass soll den Leser langsam in die Geschichte einführen. „Ich find’s ultra langweilig.“ Jetzt entspann dich mal. Während das grenzenlose … „Ja, wir haben es verstanden, das grenzenlose, verlassene Weltall, ladida …“ Ein dumpfer Schlag jagte durch das ganze Raumschiff. Rüdiger wurde von seinem Sitz geschleudert und fiel mit lautem Gepolter in den Fußraum. „Was war das?“ Yolanda verharrte einige Sekunden – ihre blaugrüne Haut war kreidebleich. „Sind wir mit etwas zusammengestoßen? Grade hieß es noch hier im Weltall ist nichts …“ Im Weltraum ist buchstäblich ALLES. „Oh Mann, du nervst.“ Tatsächlich war sie in ihren 20986 Jahren Reisezeit kein einziges Mal mit etwas zusammengestoßen. Die Wahrscheinlichkeit war einfach viel zu gering, insofern man sich an die einfache Regel hielt, nicht in der Umlaufbahn von irgendwelchen Planeten zu reisen. Verwirrt krabbelte Rüdiger aus dem dunkeln Fußraum hervor. Er hustete kränklich. „Bitte mach jetzt kein Theater, Rüdiger – bleib hier, ich werde mal nachschauen, was das war. Unser Ortungsgerät zeigt mir nichts an. SOPHIA?“ Stille. „SOOPHIAA.“ „GUTEN MORRR … GUTEN MORGEN, WAS KANN ICH FÜR SIE TUN?“ „Also erstmal ‚guten Morgen‘? – stell mal deine Uhren nach, du einfältige KI. Ich möchte, dass du mir einen Fehlerbericht der letzten 10 Minuten zusammenstellst.“ „FEHLERMELDUNGEN 1.“ „Was für ein Fehler?“ „VERZEIHUNG, ICH HABE BEI MEINER LETZTEN ANTWORT EINEN FEHLER GEMACHT, DIE RICHTIGE ANTWORT IST 0.“ „Diese KI macht mich krank. Dann schau’ ich jetzt doch selber nach.“ Yolanda erhob sich von ihrem Ledersitz und kletterte in den hinteren Bereich des Schiffes. Sie kämpfte sich durch ein Wirrwarr an herunterhängenden, wahllos zusammengeknoteten Kabeln und passierte zahlreiche Knöpfe und Regler, deren Funktion sie vergessen hatte, oder die ohnehin schon, seit sie sich erinnern konnte, rot leuchteten, ohne dass es je zu Problemen geführt hatte. Sie stolperte weiter bis an die hintere Heckscheibe und blickte nach draußen. Nichts. Zähneknirschend machte sie sich wieder auf den beschwerlichen Rückweg zum Cockpit und hob den vor Angst zitternden Rüdiger auf, setzte ihn auf ihre Knie und wippte ihn leicht. „Du bist wirklich der größte Hasenfuß, den ich je erlebt habe.“ Ein leises Piepen ertönte vom Kontrollfeld. Eine, Yolanda unbekannte Lampe begann in einem langsamen Rhythmus gelb zu leuchten. „SOPHIA. SOOPHIAA!“ „GUTEN MORRR … GUTEN MORGEN, WAS KANN ICH FÜR SIE TUN?“ „Kontrollleuchten Update!“ „SIE HABEN EINE NEUE NACHRICHT!“ „Eine Nachricht?“ Yolanda sah auf den Bildschirm ihres Radiowellenempfängers. Tatsächlich. Dort wurde eine 169 Sekunden lange Botschaft angezeigt. „Seit wann erschüttert es denn das ganze Raumschiff, wenn man eine Nachricht empfängt?“ Keine Ahnung. Spannung? Schien mir zu unspektakulär, wenn nur die Lampe leuchtet. Yolanda verdrehte die Augen, setzte sich aber ohne etwas Weiteres zu sagen an ihren Bordcomputer. „Was zum … wer schickt denn heutzutage noch Radiowellen?“ Rüdiger streckte derweilen alle Achte von sich. „Ich glaube, das ist von diesem mini Planeten der vor kurzem entdeckt wurde – in den Nachrichten wurde etwas davon erzählt, ist aber ein bisschen untergegangen, nach der Supernovae 678K0. Ich glaube, der heißt ‚DRECK‘ oder so ähnlich.“ – Erde. „Wie auch immer“. Yolanda machte sich daran, den binären Code zu übersetzen. Mit einigen gezielten Schlägen auf der Tastatur erschien letztendlich ein Raster mit zahlreichen Einsern und Nullen. „Die erste Zeile wirkt wie eine Leseanleitung.“ Yolanda klickte weiter. „Die haben tatsächlich ihre Position vermerkt und schau mal Rüdiger – das ist wahrscheinlich einer dieser Erdlinge. Hier kann man sogar die Durchschnittsgröße ablesen: 176,4 cm – fast so groß wie du Rüdiger! Paar chemische Elemente … bla … bla … ganz nett. Ich denke, ich texte was zurück – was meinst du, Rüdiger?“ Rüdiger bleckte die Zähne und gurgelte zufrieden. Nach ein paar Sekunden drückte Yolanda auf absenden.

Liebe Erde, danke für die Nachricht!
Wir kommen gerne vorbei – hoffen, ihr schmeckt lecker.

Alle Infos

Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

Teilnahmebedingungen

Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

EINSENDUNGEN

Autorin / Autor: Laura Wögler