Von Aliens und Krankenschwestern

Wettbewerbsbeitrag von Siri Spence, 25 Jahre

„Dann würde ich die gesamte Welt- mein Universum- regieren.“
Die Therapeutin schaut mich nachdenklich an und schüttelt konsterniert den Kopf. Ich hatte mich entblößt und hatte diesen Prozess nicht manipuliert. Sie schätzte mir meine Ehrlichkeit zu wenig. Langsam, während ich auf der Bloßstellcouch liege, vor einem Tisch mit einem darauf liegenden 100-Kilokalorien-Apfel, will ich in meine Gedanken abdriften…

Ich philosophiere. Hatte es damit angefangen, dass meine sich fremd gewordenen Eltern überwarfen und ich, verängstigt, meine Macht entdeckte. Später würde ich meine Eltern regelmäßig gegeneinander aufbringen, indem ich mich als Opfer des jeweils anderen Teils darstellte. Ich wurde jeweils verhätschelt. Doch das Gefühl der lauernden Bedrohung einer offiziellen Scheidung verlieh mir schlaflose Nächte.
Inzwischen war ich eine Astrophysikerin geworden, jedoch nicht schlank genug.
Da ich gelernt hatte, dass der Fokus auf meine Leistungen nicht zuträglich für meine Diagnose ist, werde ich meinen exzellenten Abschluss und das hochkarätiges Labor, in dem ich arbeite, nicht weiter ausführen.

„Grandiosität… sagt Ihnen was, Frau Ries-Pola?“, fragt mich die Psychologin und bringt mich in die Realität zurück. Eine, in der ich seziert wurde, vom Innersten hinaus- von meiner Schale bis in die Seele. Ich sah auf den angebissenen Apfel auf dem Tisch.
„Grandiosität wird definiert als „ein übertriebenes, unbegründetes Gefühl der eigenen Bedeutung und Talente“ und wird in Zusammenhang mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung (…), assoziiert“, dachte ich.
Allerdings wusste ich, dass die lehrbuchliebende Menschenanalytikerin genau das von mir hören wollte, um mich auf mein besserwisserisches Verhalten hinzuweisen. Doch darauf fiel ich nicht hinein.

Ich wende mich ab und fliege in die Welt meiner Fantasien. Mir ist klar, dass ich öfters nicht ausreiche. Die Fantasien richten mich auf, geben mir Hoffnung, Selbstwert, es steigt mir zu Kopf… Dort bin ich Herrscher der Welt, des Universums… über das All.
Blauhäutige Aliens verneigen sich vor mir und ich sehe in ihren Glupschaugen Respekt. Rote Aliens mit Erdbeerkörben winken mir zu. Mafia-Bosse schreiben mir Ehrenworte und Großindustrielle loben mich. Ich reise im Helikopter und sonne mich im gut sitzenden Bikini am Meer…

„…und somit nutzen Narzissten ihre Fantasie als Ausgleich für ihr mangelndes Selbstwertgefühl.“ Ich kehre mit einem heftigen Einatmer in die Realität zurück.
Die Psychologin mustert mich. „Sie waren genau da, was?“.
Ich räuspere mich. „Möchten wir Ihr Selbstwertgefühl erkunden?“, fragt sie wieder faktisch und lehnt sich mit dem auf ihren verschränkten Beinen liegenden Papier zurück.

„Guten Morgen, Frau Ries-Pola. Was darf’s sein?“, fragt mich freudig-erregt die Bäckerin frühmorgens. „Ein erträglicheres Leben“, meinte ich und fügte hinzu: „Schwarzen Kaffee, bitte“. Sie mustert mich eine Sekunde zu lang und lächelt mitleidig. „Man bekommt eben nicht immer das, was man sich wünscht, nicht wahr?“, philosophiert sie und schüttet einen Haufen fettig-zuckrigen Kakao-Puder mitsamt Milch über meinen schwarzen Kaffee. Heute steht also Sport an…
Was hatte sie denn für Qualifikationen, mir zu sagen, wie die Welt lief? Bestellungen falsch aufnehmen? Intelligenz also nicht… oder etwa doch? War etwa meine Wahrnehmung falsch? Waren MEINE Gedanken fehl am Platz? War ICH das Problem??

…Eine Welle erfasste mich und kippt mich, mitsamt Surfbrett, um. Mein Impuls zu atmen ist wichtiger, als die Angst vor Haien. Doch es geht nicht. Zwischen Wasserfluten huste ich mir die Seele aus dem Leib.
Tränen schießen mir in die Augen. Den kalorienbombigen „Latte Macchiato“ nehme ich mit einem würgenden Kopfnicken entgegen und setze mich auf den nächstgelegenen Stuhl. Mir ist schwindelig.

Was sagt meine Psychologin immer? „Atmen Sie. Konzentrieren Sie sich auf das Hier und Jetzt. Ihren Herzschlag, die Wärme ihrer Haut, den Geruch um Sie herum.“ Also erden. Ich hatte keine Erde. Ich lege auf einem Mehlsack die Beine hoch. Ich konzentriere mich so, dass ich aus den Wellen auftauche und Luft schnappen kann. Ich spüre einen Griff um meinen Oberarm und schaue auf. Es war die Bäckerin.
„Soll ich jemanden für Sie anrufen?“. Unsterniges Pech: Es gab Niemanden.

Als mir nur noch grau vor Augen ist, gehe ich in meinen Stöckelschuhen und mit meinem Kaffee im To-Go-Becher durch die automatische Schiebetür, bleibe hängen, verbrühe mich und falle hin. Hastig stehe ich auf, da wird mir schwarz vor Augen. Nach noch einem Aufenthalt auf den Getreidesäcken, erscheine ich auf der Arbeit. Meine Kollegen mustern mich, da sehe ich im Spiegel, wie mir meine spröden Haare in alle Richtungen abstehen. „Mist“, schimpfe ich genervt.

Ich machte Bekanntschaft mit Aliens, Haien, Getreide, Schwindel und… einer Krankenschwester.
Sie berührt sanft meine Stirn und meint: „Die Kaltschweißigkeit lässt nach, der Puls hat sich beruhigt. Patientin ist seit fünf Minuten nicht ohnmächtig geworden“. Ein Praktikant oder ein sonstiger Unqualifizierter schreibt eifrig mit. Mir ist schlecht.
Mein milchkaffeehaltiger Mageninhalt ergeißt sich über die Füße der Schwester. Wenigstens war mir eine Gewichtszunahme erspart gewesen.

Und da ist sie wieder. In Begleitung eines überreifen Apfels. „Hallo, Frau Pola-Ries! Wieder da?“, fragt sie mit einem besonnenen, der Situation unangemessenen Lächeln. Sie sieht aus wie ein Engel in einer Apokalypse. „Ries-…Ries-Pola“, flüstere ich mit letzten Kräften. „Ich weiß- das war ein Test für Ihre Vigilanz“, flüstert die Psychologin. „Die Komplikationen durch mögliche Organschäden müssen engmaschig beobachtet werden“, weist Jemand Jemanden sachlich an.
Ich falle ungläubig in mein Bett zurück, will hier raus- doch bin gefangen im eigenen Körper. Ich kann nicht weinen. Etwas Kühles, nach Apfel duftend, legt sich auf meine Stirn. Fluten übermannen mich, doch ich werde nicht untergehen.

Alle Infos

Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

Teilnahmebedingungen

Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

EINSENDUNGEN

Autorin / Autor: Siri Spence