Grenzüberschreitung

Wettbewerbsbeitrag von Jonathan Lidl, 15 Jahre

Eine riesige Spritze. Wie eine riesige Spritze kam Thea Ratione die Rakete, oder besser gesagt das überdimensionale Raumschiff, vor, das vor ihr auf der
Startbahn stand. Es hatte sich geduckt wie eine Katze, die bereit zum Absprung war und gleichzeitig winkte es mit der geöffneten Seitenluke dem Beobachter einladend zu. Es war totaler Wahnsinn, was sie da machte, nie und nimmer war es mit gesundem Menschenverstand zu erklären. Und doch reizte es sie, dieses Raumschiff zu besteigen und eines der größten Abenteuer der Menschheit zu erleben - beziehungsweise das Scheitern einer Idee, das sie schon seit 10 Jahen voraussagte. Aber die jungen Ingenieure hatten ihr ja nichts glauben wollen. Das würden sie davon haben.
Mit einem vernehmenlichen Klack schloss sich die Einstiegsluke des Raumschiffs. Langsam ließ sich Thea in einem der Sessel nieder und strich bewundernd über das weiche, weiße Leder. Das Design und die Bequemlichkeit der Lightbreaker ließ wirklich nicht zu wünschen übrig. Allein dieser Name: Lightbreaker. Diese grünschnäbeligen Ingenieuere hatten wirklich vor gar nichts Respekt. Weder vor  den Gesetzen der Physik noch vor den genialen Wissenschaftlern, die diese  entdeckt hatten. Man könnte fast meinen, sie hielten sich selbst für das höchste. Während Thea Ratione still vor sich hingrummelte, wurden die letzten Vorbereitungen für den Start getroffen. Englische Kommandos hallten durch die weiß strahlende Zentrale der Lightbreaker. Und dann begann der Countdown. Thea Ratione warf nach einen letzten Blick aus den großen Frontscheiben des Raumschiffes - alleine diese Scheiben waren  Verrat an Generationen von Physikern - auf die geliebte Erde. Dann drückte auch sie der Druck des Startes tief in ihren bequemen Sessel. Nur das Brausen und  Wüten der gigantischen Triebwerke war noch zu hören, das den Raum in seiner ganzen Größe einnahm. Nach geraumer Zeit wurde Thea an den Schultern gerüttelt. Erschrocken blickte sie auf, mitten in das fast noch pickelige Gesicht eines der jungen Raumtechniker. Sie war tatsächlich weggenickt. „Hey, Professor, aufwachen. Wir haben den schlimmsten Teil der Reise schon überstanden, jetzt kommt nur noch der Pflichtteil.“ Und dann werdet ihr reich  und berühmt sein, ja ja, dachte sich Thea. Gar nichts werdet ihr sein. Schon im  Hochgefühl ihres anstehenden Triumphes setzte sie sich auf und betrachtete das Treiben mit - wie sie hoffte - herabschauendem Blick. Das, was sich diese Leute vorgenommen hatten würde nie funktionieren. Es widersprach den Universalgesetzen der Physik. Es widersprach allen berühmten Gelehrten, von Aristoteles bis Einstein. Nein, es würde nicht klappen.
„30 Millionen Meter pro Sekunde“, meldetet der erste Offizier, seine Instrumente betrachtend. Nein, das konnte doch nicht sein, das gab es nicht, das ging einfach nicht! „100 Millionen Meter pro Sekunde.“ erneut jagte es Professorin Thea Ratione einen Schrecken durch die Glieder. War es denn möglich! Erneut ging ein Ruck durch das Raumschiff. Dann folgte ein kurzer Moment der Stille. Dann verschwand draußen jedes Licht. Es wurde dunkel, wie es noch nie gewesen war und nie sein würde. „300 Millionen Meter pro Sekunde. 1 Meter pro Sekunde über Lichtgeschwindigkeit“, meldete die Stimme vom Kommandostand. Lauter Jubel erfüllte das ganze Raumschiff und die Besatzung sprang auf und tanzte durch das Raumschiff. Bis auf Professorin Thea Ratione, die starr in ihrem Sessel saß und von einer Angst überfallen wurde, die sie noch nie in ihrem Leben gespürt hatte. Einer der jungen Ingenieure rüttelte sie begeistert an den Schultern: „Sehen sie Professor, es geht! Es geht! Einstein lag falsch. Man kann schneller als
Licht sein! Wir können es!“ Lachend riss er die Arme in die Höhe. Erst da wurde Thea Ratione wach. Sie sprang auf und schon gellte ihre donnernde Stimme durch den Raum. Die Stimme, mit der sie schon ganze Hörsäle gefüllt hatte, hallte durch das Raumschiff. Und doch war auch die Stimme verloren: „Kapiert ihr das denn nicht, ihr Dummköpfe? Wir sind verloren! Wir sind da, wo keine physikalischen Gesetze mehr gelten. Es gibt uns nicht mehr. Durch euren Leichtsinn habt ihr euch selbst ausgelöscht!“ Schlagartig wurde es still im Raumschiff. So still wie im All, auch wenn dieser Vergleich ein wenig hinkte. „Aber, das kann doch nicht sein, laut den Gesetzen der Physik kann nichts vom einen Moment auf den anderen verschwinden. Martins, leiten sie die Rückkehr zur Erde ein!“ Entschlossen erhob sich der Kapitän der Lightbreaker. Doch jetzt erhob Thea wieder das Wort. „Wir sind da, wo kein physikalisches Gesetz mehr gilt. Also können wir sehr wohl hier in diesem Raumschiff existieren, auf der guten alten Erde aber wird man uns vergessen haben. Ja, man wird nicht einmal mehr wissen, dass es uns gab!“
Nachdenklich und ein wenig trotzig blieb der Kapitän stehen und wandte sich zu Thea Ratione um. In diesem Moment meldete der Steuermann: „Kapitän, wir empfangen keinerlei Signale mehr, weder von der Erde noch von irgendwelchen Himmelskörpern. Es ist, als gäbe es um uns herum nichts mehr.“
Noch einmal senkte sich Totenstille auf das Raumschiff. „Sie hatten wohl doch Recht Professor, auch der Menschheit sind Grenzen gesetzt.“

Alle Infos

Die Über All Lesung

Lasst euch von sieben der Preisträger:innen des Wettbewerbs Über All in ferne Welten entführen

Die Über All-Preisträger:innen

Vielen Dank an alle Teilnehmenden für diese spannenden Exkursionen ins All und herzlichen Glückwunsch den Preisträger:innen

Die Über All Jury

Teilnahmebedingungen

Preise - Das gibt es zu gewinnen!

Schirmherrin Dr. Suzanna Randall

EINSENDUNGEN

Autorin / Autor: Jonathan Lidl