Fremde Heimat

"Alemanya, ein, zwei Jahre - und dann zurück"

Erfolgsentwürfe und geplatzte Lebensträume

620.000 Menschen mit italienischem Pass leben in Deutschland. "Aber sie sind überhaupt nicht integriert, das Bild von der guten Pizzeria und der Eisdiele um die Ecke täuscht", sagt Dr. Maurizio Libbi, Projektleiter von Versus, einem Projekt, das sich seit Oktober 2003 um italienische Migranten in Nordrhein-Westfalen kümmert. Die Statistik spricht für sich: An der Sonderschule liegt der Anteil der Italiener bei 14 Prozent, höher als der türkische. Eine Ausbildung beginnen nur 45 Prozent der Italiener - bei den Deutschen immerhin 64 Prozent.

*Hauptproblem bleibt die Sprache*
Die Abbrecherquote ist hoch, in den Familien wird oft nicht verstanden, warum Schule und Ausbildung so lange dauern. Hauptproblem aber bleibt die Sprache. "Die meisten kommen aus dem armen Süden, aus Sizilien und Kalabrien. Sie sprechen Dialekt, sehr schlecht Hochitalienisch und lernen deshalb viel schwerer Deutsch", sagt Libbi. "Die Italiener sind Arbeitstiere. Aber sie haben selten eine Berufsausbildung. Bei einer Rationalisierung sind sie deshalb die ersten, die rausfliegen." Die Arbeitslosenquote beträgt fast 20 Prozent, doppelt so hoch wie die der Deutschen. Das gilt nicht für alle Italiener in Deutschland. "Vielen Selbstständigen geht es nicht schlecht", sagt Libbi. Fast 90 Wirtschaftszweige deckten sie ab: von Gastronomie, Computerfirmen bis zum Friseurklingen-Marktführer.

*Ein Mädchen aus Kalabrien*
Spanier und Portugiesen, auch die 2,5 Millionen Türken seien oft besser integriert als viele Italiener. Die neue Generation Italiener kenne die Heimat der Eltern nur aus Urlauben, betrachte sie dennoch als Heimat. "Viele suchen sich sogar ein Mädchen aus dem Dorf, um die Verbindung zu halten", sagt Politologe Libbi. "Die Bindung an Italien ist viel stärker und negativer. In Frankreich erkennt man die zweite Generation der Italiener nicht mehr, in Deutschland die dritte sofort."

Nicht nur Angenehmes wird in der Geschichte der Migration zu entdecken sein. Gerade ein Grund für das Museum, findet Motte: "Nur weil wir möchten, dass jeder Ausländer integriert, ein Sympathieträger ist, können wir nicht auf kritische Dokumentation verzichten", sagt er. "Genauso wenig, wie wir die betrieblichen Gastarbeiterwohnheime und Wuchermieten der Sechziger schönreden können."

*Entscheidend ist, wer erzählt*
Besonders Vergleiche seien spannend, etwa in der Kopftuchdebatte: "In den Sechzigern kamen junge, selbstständige Türkinnen, sehr emanzipiert, mit Sonnenbrillen, modisch gekleidet, die sich in Deutschland Freiräume geschaffen haben." Nicht nur Niederlagen-, auch Erfolgsgeschichten seien diese Fluchten in Ersatz-Heimaten gewesen. "Das Wichtigste ist, wer sie erzählt", betont Mathilde Jamin, Historikerin am Ruhrlandmuseum Essen und Vereinsmitglied wie Motte. "Nur wenn Einwanderer ihre Geschichte erzählen dürfen, können sie heimisch werden", sagt sie. "Diejenigen, die geblieben sind, sind ja vielfach Einwanderer wider Willen in einem Einwanderungsland wider Willen." Die Anerkennung ihrer Erfahrungen und Leistungen als "geschichts- und museumswürdig" könnte das ändern.

Viola Keeve schreibt als freie Autorin für zahlreiche Zeitungen und Magazine. Sie lebt in Köln.

*Infos:* Allein zwischen 1955 und 1973 kamen 5,1 Millionen Menschen aus acht Anwerbestaaten zur Arbeit in die Bundesrepublik. Heute leben rund sieben Millionen Menschen ausländischer Herkunft in Deutschland, davon haben 2,5 Millionen ihre Wurzeln in der Türkei. Die DDR-Regierung holte Ende der Siebziger Arbeitskräfte aus Vietnam, Kuba, Mosambik und Angola wegen Produktionsengpässen. 1989 arbeiteten dort 90.000 Vertragsarbeiter. Nach den Mordanschlägen in Solingen und Verfolgungen in Hoyerswerda und Rostock reisten die meisten aus.

Ellis Island: Seit 1973 werden hier 22 Millionen Namen von Passagieren, die in New York zwischen 1892 und 1924 angekommen sind, mit Geburtsort, Alter, Familienstand und Nationalität gespeichert, 71 Prozent aller Ankömmlinge - meist aus Italien, Österreich-Ungarn, Russland, Finnland, England, Irland, Schottland, Kanada, Neufundland, Deutschand und Polen. Heute gibt es schätzungsweise 100 Millionen Nachkommen der Einwanderer von Ellis Island. Der Ansturm auf das Immigration Center ist groß: In Amerika erforschen mehr als 113 Millionen Menschen ihre Familiengeschichte. Ellis Island ist Vorbild für ein deutsches Migrationsmuseum.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise von fluter.de, dem Jugendmagazin der Bundeszentrale für politische Bildung zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Autorin / Autor: Viola Keeve - Stand: 14. Juli 2004