Essen aus dem Müll

Wie New Yorker AktivistInnen gegen Konsumterror protestieren

"Dumpster Diver" oder "Freegans" durchsuchen Müll, um Ess- und anderweitig Brauchbares darin zu finden und - so weit es geht - davon zu leben. Ihr Ziel: der Protest gegen die Wegwerfgesellschaft und den ständigen Konsum.

Mit ihren eher extrem erscheinenden Aktionen wollen diese AktivistInnen deutlich machen, dass viel zu viele noch gute und brauchbare Sachen weggeworfen würden. Denn "Dumpster Diver" bedeutet "Mülltaucher", und "Freeganism" ist eine Wortschöpfung, bestehend aus "frei" und "vegan", wobei "vegan" ein Leben ohne jegliche tierische Produkte bedeutet. Dabei ist es weniger der Privatmüll einzelner Leute als vielmehr der von Lebensmittelhändlern, großen Supermärkten und anderen Institutionen, der sie anzieht. Lecker klingt das erst mal nicht: Was sie sammeln, wird auch gegessen, und manche machen daraus große Mahlzeiten, an denen dann jeder, der Lust hat, teilnehmen kann. So soll unsere Wegwerfgesellschaft angeklagt und letztlich das ganze ökonomische System boykottiert werden.

Fast alle Produkte üben schädliche Einflüsse aus
Und es ist nicht nur das Wegwerfen, so die Argumentation vieler "Freegans": Egal, was man kauft, man unterstütze immer irgend eine Firma oder ein System, das wiederum die Natur, Menschen oder Tiere ausnutzt. Alle Produkte hätten letztlich einen schädlichen Einfluss auf irgend etwas oder irgend jemanden. Also bliebe nur der Weg, so wenig wie möglich direkt zu konsumieren. Und da ist ja durchaus was dran - man könnte unzählige Produkte nennen, die mit der Zerstörung des Regenwaldes, der Ausbeutung von Arbeitern, dem Aussterben von Tierarten oder sogar Kriegen zu tun haben.
Und praktisch alle landen ziemlich schnell wieder im Müll. Die Liste ist endlos, und als KonsumentInnen nehmen wir in der Tat aktiv daran teil.

Initiativen wie die New Yorker "freegan.info" gehen außerdem in ihren Ansprüchen noch weiter - gegen Autos bzw. Benzinverbrauch, für Hausbesetzungen, eine ökologische Lebensweise oder gegen Arbeit im herkömmlichen Sinne, weil man dann ja auch Teil des Systems sei und dieses unterstütze. Schwierig nur, das auch konsequent zu leben: Die "FAZ" berichtete über einen der aktivsten Mitstreiter von freegan.info, Adam Weissman, der sich zwar seit fast zwölf Jahren aus Abfällen ernähre, zugleich jedoch bei seinem Vater in einem eher schicken Vorort wohne - in einem Haus, wo jede Generation eine eigene Etage habe (FAZ online vom 10.09.06). So einfach scheint das wohl doch nicht zu sein mit der Unabhängigkeit vom System.

Zeichen setzen

Nun ja, im Grunde wollen sie wohl vor allem ein Zeichen setzen und demonstrieren, wie brauchbar der Müll in unserer Gesellschaft oftmals noch ist. Wer sich aber sein Frühstück aus der Supermarkt-Tonne holt, muss gut aufpassen, was er da so erwischt - insofern muss man da klar von abraten. Abgesehen von den gesundheitlichen Risiken, die man mit solchen Aktionen eingeht, liegt in dem Ansatz aber auch eine gewisse Paradoxie: wenn man die Abfälle des ökonomischen Systems konsumiert, ist man ja eigentlich auch wieder ein Teil davon. Hm, schwer zu sagen - ist das nun gelungene Protest-PR und super-konsequent, oder machen sich "Freegans" nur was vor und können so doch nichts ändern?

Dieser Artikel wurde uns von "checked4you", dem Jugendmagazin der Verbraucherzentrale NRW, zur Verfügung gestellt. Vielen Dank!

Autorin / Autor: checked4you.de - Stand: 13. Oktober 2006