„Wo ist eigentlich dein Wohnwagen?“

Wenn es um Roma und Sinti geht, denken die meisten Menschen an ein „fahrendes Volk“. Dass viele „Zigeuner“ heutzutage in ganz normalen Häusern leben, deutsche Staatsbürger sind und einer geregelten Arbeit nachgehen, wird in der Öffentlichkeit nur selten wahrgenommen.

Über Sinti und Roma wurde immer schon viel geredet. Früher hieß es, sie würden Kinder und Haustiere stehlen. Und nicht selten drohte man unartigen Jungen und Mädchen mit den „Zigeunern“. Seit Jahrhunderten sind sie Opfer von Misstrauen und Verfolgung. Im Mittelalter genossen sie keine juristische Gleichberechtigung, 1899 wurde in München sogar eine Reichszentrale zur „Zigeunerbekämpfung“ eingerichtet. Sinti und Roma wurden zu Tausenden Opfer des Holocausts. Diesen Völkermord bezeichnen sie in ihrer Sprache, dem sogenannten Romanes, mit dem Wort „Porajmos“. Zu Deutsch: „Das Verschlingen“.

Gegen Vergessen und Unwissenheit

Dafür, dass dieser Völkermord nicht einfach vergessen wird, setzt sich der „Zentralrat Deutscher Sinti und Roma“ ein. 1982 wurde er gegründet, um sich – in Anlehnung an den „Zentralrat der Juden“ - für die Interessen der Sinti und Roma stark zu machen.
Die Sinti und Roma bilden mit zehn bis zwölf Millionen Angehörigen die größte Minderheit Europas. Ursprünglich stammen sie aus Indien. Mit der Zeit siedelten sich die Sinti überwiegend in Westeuropa, die Roma in Osteuropa an.

Ein Artikel von

Traditionsbewusst

„Die Leute wissen einfach zu wenig über uns“, erklärt die 23-jährige Tosca Reinhard. „Dabei möchten wir anderen unsere Kultur zeigen und uns von ihnen ihre Kultur zeigen lassen.“ Tosca ist Sinti und Deutsche zugleich. Schon seit Generationen leben die Reinhards in Deutschland. Tosca pflegt ihre Kultur, und sie spricht fließend Romanes. So wie Toscas Familie sind etwa 70.000 Sinti seit Jahrhunderten in Deutschland verwurzelt. Viele von ihnen haben beispielsweise im 1. Weltkrieg als deutsche Soldaten gedient.

Hartnäckige Vorurteile
Das Halbwissen über die Sinti und Roma nährt Vorurteile – auch heute noch. „Noch immer glauben viele Leute, dass wir stehlen, stinken und Tamburin schlagend ums Lagerfeuer tanzen“, erzählt Fikret Sejdic, ein junger Roma. Romantisiert, als kriminell abgestempelt und exotisch beäugt – alle Formen der Diskriminierung begegnen jungen Sinti und Roma im Alltag. Zahlreiche Arbeitgeber wollen keine Sinti und Roma einstellen, Polizisten passen besonders scharf auf. „Und manchmal, wenn irgendwo ein Taschendiebstahl geschieht, sagen die Leute: ‚Fikret, deine Familie ist unterwegs.’“ Fikret schweigt und fixiert einen Punkt in großer Ferne. Dann sagt er: „Das tut manchmal ziemlich weh.“

Mit offenen Augen
Dabei ist uns Fikrets und Toscas Kultur gar nicht so fern, wie mancher glauben mag. Viele weltbekannte Künstler sind Sinti oder Roma: Die Sängerin Marianne Rosenberg, der große russische Maler Serge Poliakoff, der Schauspieler Yul Brynner. Es gibt auch erfolgreiche Roma-Theatergruppen, wie das „Pralipe“ aus Skopje, das regelmäßig auf internationalen Theaterfestivals zu Gast ist.

„Man muss einfach die Augen offen halten“, sagt Fikret, „und darf keine Angst voreinander haben.“ Für ihn ist es nicht schwer zuzugeben, dass er „Zigeuner“ ist. Er grinst, dann zeigt er auf sein T-Shirt, auf dem in dicken Lettern steht: „Sinti/Roma do it better.“ Beide werben mit ihrer aufgeschlossenen Art für einen Umgang miteinander, der die Frage nach dem Wohnwagen irgendwann überflüssig machen wird.

Autorin / Autor: Anna Lu, 19 Jahre alt, Schülerin aus Bochum für schekker.de - Stand: 15. Juli 2008
 
 
 

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