Spieglein, Spieglein...

"Was uns an der sichtbaren Schönheit entzückt, ist ewig nur die unsichtbare."
Marie von Ebner-Eschenbach

Bild: LizzyNet

Kennt ihr eine Frauenzeitschrift, die keine "Beauty-Seiten" hat? Ein Märchen, in dem nicht irgendwo von einer wunderschönen Prinzessin die Rede ist? Ein Liebeslied, in der nicht die Schönheit eines geliebten Menschen besungen wird?

Alles dreht sich um den schönen Schein. Wer schön ist, hat Erfolg, ist beliebt, wird geliebt – so scheint es zumindest auf den ersten Blick. Was aber ist denn eigentlich schön?
Gibt es etwas, das unbestritten von allen Menschen der Welt schön gefunden wird? Ist nur das schön, was man liebt? Kann man Schönheit in eine Formel packen? Kommt wahre Schönheit wirklich von innen? Und wenn ja, helfen dann Dragees, Pillchen und Kieselerde oder ist damit etwas anderes gemeint?

Was ist schön?
Mit der Wahrnehmung von Attraktivität haben sich auch in jüngster Zeit viele ForscherInnen beschäftigt. Insbesondere über die Schönheit von Gesichtern wurde heftigst spekuliert. Durschnittlichkeit und Normalität sei das eigentlich Schöne, meinen die einen. Denn wenn man Tausende von Gesichtern mit einem speziellen Programm übereinander legt, kommt am Ende ein attraktives Gesicht heraus. Andere glauben, die Symmetrie des Gesichts habe einen besonderen Einfluss auf die Attraktivität. Das allein kann es aber definitiv nicht sein, denn wenn man eine Gesichtshälfte spiegelt, so dass man ein wirklich symmetrisches Gesicht erhält, kommt häufig ein äußerst bizarres Bild dabei heraus. Wieder andere meinen, dass "Reifezeichen gepaart mit Merkmalen des Kindchenschemas" besonders attraktiv machen. Oder aber, dass Mimik und Beweglichkeit eines Gesichtes den schönen Eindruck hinterlassen. Eine Gruppe von Psychologiestudenten der Universität Regensburg hat für den Wettbewerb "Bodycheck – wie viel Körper braucht der Mensch" ebenfalls die Wahrnehmung von Attraktivität untersucht. Dazu zeigten sie Versuchspersonen jede Menge Gesichter, deren Attraktivität beurteilt werden sollte. Ein Vielzahl der vorgelegten Gesichter waren allerdings "gemorpht", das heißt sie wurden mit Hilfe eines speziellen Computerprogramms aus verschiedenen Gesichtern zusammengeschmolzen. So konnten die Studenten sehr gut überprüfen, welche geringfügigen Änderungen (z.B. eine höhere Beimischung von "kindlichen Anteilen" wie z.B. große Augen, hohe Stirn) ein Gesicht attraktiver machen. Bezeichnenderweise wurden die gemorphten Gesichter stets bevorzugt – sowohl von den normalen Testpersonen als auch von den Beauty-Fachleuten einer Modelagentur: Favorisiert wurden also Gesichter, die es in Wirklichkeit überhaupt nicht gibt. Das erscheint typisch für eine Gesellschaft, die immer unrealistischeren Schönheitsidealen hinterherjagt.

Schönheitsideale im Wandel der Zeit
All die Studien und Versuche, die unternommen wurden, berücksichtigen aber immer nur den Jetzt-Zustand an einem ganz bestimmten Ort. Sie sind weder kulturell übergreifend, noch können sie Auskunft darüber geben, ob das, was heute schön gefunden wird, auch früher Gültigkeit hatte oder später noch haben wird. Was als schön betrachtet wird, ist schließlich dem Wandel der Zeit, der Mode und den kulturellen Einflüssen unterworfen und kein statischer Wert, der sich in irgendeine Formel pressen lassen würde, auch wenn ForscherInnen das gerne hätten.
In der Steinzeit - so lässt der Fund der berühmten "Venus von Willendorf" vermuten - hatte man scheinbar nichts gegen dicke Bäuche und Hängebrüste. Im Mittelalter war man als Frau besser nicht allzu schön, war das doch ein Zeichen der Sünde. So gab man sich lieber androgyn und nicht allzu weiblich. Im Barock und in der Renaissance galten wieder volle Formen als formvollendet. In den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts galt für Frauen wieder das Schlankheitsideal: kurze Haare, eine jugenhafte Figur und ein burschikoses Auftreten waren angesagt, möglicherweise auch ein Zeichen dafür, dass Frauen sich zu dieser Zeit stärker emanzipierten und in "männliche" Bereiche vordrangen. Marylin Monroe, die mit ihren berühmten Rundungen den Geist der 50iger Jahre präsentiert, wäre dann spätestens in den 60iger Jahren mit ihrer Konfektionsgröße 42 glatt unten durch gewesen. Hier kamen nämlich plötzlich die Hungerhaken à la Twiggy in Mode, die auch heute die Laufstege dominieren. Schlank ist also keineswegs objektiv schön, sondern schlichtweg in Mode - oder eben nicht.

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Autorin / Autor: Sabine Melchior; Bild: LizzyNet - Stand: 22. Mai 2003