Die Beute in der Einkaufstasche

Auf Videoplattformen boomen Fashion Hauls. Dabei werden riesige Mengen Kleidung präsentiert. Karla findet diesen Trend problematisch. Ein Kommentar.

Einkaufen, das lernen wir von Klein an, hat immer auch etwas mit erbeuten zu tun. Das letzte Teil in meiner Größe, der Farbe, die ich am schönsten, oder genau dem Schnitt, den ich am schmeichelhaftesten finde. Trendsetter_innen jagen dem It-Teil von Morgen hinterher, Fans versuchen genau die Klamotte zu finden, die der Lieblingsstar trägt, und Influencer_innen halten stolz ihre neusten Shopping Eskapaden in die Kamera.

Kleidung im Wert von 600 Euro bei Amazon Fashion bestellen, eine ganze Wagenladung voll Kleidung von Shein nach Hause liefern lassen: Was Influencer_innen in sogenannten Shopping Hauls (auf Deutsch: Beute) präsentieren, hat mit einer gefüllten Einkaufstüte nach einem Stadtbummel nichts zu tun. In den Videos wird eine meist große Menge an neu erworbenen Dingen präsentiert. Auf der Videoplattform und in anderen Sozialen Medien sind sie ein sehr beliebtes Format. Mal werden Drogerieartikel oder Lebensmittel präsentiert, meist dreht sich aber alles um die neusten Modetrends, Kleidungsstücke und frisch geschossene Schnäppchen.

Schnäppchenjagd

Das Konzept der Videos ist meist ähnlich: Hintergründe voller Einkaufstaschen, gut gefüllter Kleiderschränke oder Paketen und davor (angehender) Influencer_innen, die eine halbe Stunde lang präsentieren, was sie neu gekauft haben. Mal ziehen sie die Kleidung an, mal halten sie die Teile lediglich in die Kamera. Eigentlich immer werden die Kleidungsstücke unter dem Video verlinkt, sodass ich als Zuschauerin sie mit einem einfachen Klick nachkaufen kann. Dadurch entsteht ganz schnell das Gefühl, dass ich das Schnäppchen, das mir da gezeigt wird, auch machen kann. Und wer mag keine Schnäppchen?

Im Secondhandladen genau das zu finden, was du suchst und dann auch noch 20% Rabatt zu bekommen, weil Donnerstag ist - das ist ein absolut fantastisches Gefühl. Zumindest für einen kurzen Moment. Allerdings ist das, was in solchen Hauls präsentiert wird, in den seltensten Fällen gebrauchte Ware. Stattdessen werden enthusiastisch neue Fast Fashion Teile in die Kamera gestreckt. Gerne mit Kommentaren in die Richtung: „Ein Pulli für fünf Euro - was kann da schon schief gehen?“

Kleidung für die Tonne

Wenn du mich fragst: Alles! Fast Fashion Giganten, die jeden Monat, ja jede Woche zig neue Teile anbieten (der ultra Fast Fashion Gigant Shein brüstet sich damit, TÄGLICH mehr als 1.000 neue Produkte auf den Markt zu bringen) legen ihre Kleidung nicht darauf aus, dass sie lange hält. Schließlich sollen die neuen Trends ja gekauft werden.

Diese Kleidung ist nicht dafür konzipiert, dass du sie immer wieder trägst, regelmäßig (bei möglichst niedriger Temperatur 😉) wäschst oder sogar weiterverschenkst. Diese Kleidung sollst du entsorgen, sobald du sie ein paar Mal getragen hast, ohne schlechtes Gewissen, schließlich hast du kein Vermögen dafür ausgegeben. Und genau dieses Gefühl vermitteln auch die Produzent_innen von Haul-Videos ihren Zuschauer_innen.

Die desaströsen Arbeitsbedingungen, Umweltauswirkungen und oft mangelhafte Qualität von Fast Fashion Kleidungsstücken werden aber in den Videos nicht thematisiert. Dabei liegt es eigentlich auf der Hand, dass die Rechnung 5€ = Pulli nicht aufgehen kann, zumindest für die Umwelt und die Menschen entlang der Lieferkette nicht. Schließlich stecken in einem Pulli, den ich nur einmal trage, ebenso viele Ressourcen wie in einem, den ich immer wieder anziehe, bis er auseinanderfällt.

Ist Fast Fashion immer böse?

Natürlich gibt es Gründe, warum Menschen günstige Fast Fashion kaufen. Nachhaltige Mode wird zwar günstiger, kann aber preislich nach wie vor nicht mit konventionellen Labels mithalten. Plus-Size Größen bieten einige faire, nachhaltige Label nach wie vor nicht an, und auch im Second-Hand Laden oder in Tauschgeschäften ist XL regelmäßig die größte Größe.

Dennoch frage ich mich, wie es sein kann, dass jede_r Deutsche im Schnitt 60 neue Kleidungsstücke im Jahr kauft. 60! Das ist mehr als ein Kleidungsstück die Woche. Und Unterwäsche und Socken fallen aus dieser Berechnung hinaus. 60 Pullis, Hosen, T-Shirts und Röcke. Die meisten Menschen in meinem Umfeld kommen nicht jeden zweiten Tag mit neuen Teilen um die Ecke. Wer kauft also all die Kleidung und warum ist es so verbreitet, so viele Klamotten zu besitzen? Dass es ganz normal ist, Monat für Monat mehr Kleidungsstücke anzuhäufen, befeuert nicht nur Fast Fashion Giganten, ich möchte auch Menschen des öffentlichen Lebens zur Verantwortung ziehen.

Und Influencer_innen tun ja nun einmal genau das: Sie beeinflussen und zeigen, was ihnen gefällt (oder für was sie bezahlt werden). Natürlich gibt es auch Hauls zu Luxusmarken, die die meisten Zuschauer_innen nicht nachkaufen werden und einige Influencer_innen, die Secondhandkleidung tragen und bewerben oder mit nachhaltigen Labeln zusammenarbeiten. Aber Fast Fashion Hauls überwiegen unter den Suchergebnissen noch immer bei weitem. Da werden die neuen Must-Haves für den Herbst gezeigt oder welche Kleidungsstücke für die nächsten drei Wochen Sommerurlaub alles eingekauft wurde, ja werden musste.

Haul nicht herum

Aber mal ehrlich: Wer braucht denn für einen Sommerurlaub unbedingt eine neue Garderobe? Eine neue kurze Hose, ein luftiges Sommerkleid oder auch eine Badehose, meinetwegen, das kann ich verstehen. Auch dass es schön ist, sich neue (oder zumindest für mich neue) Kleidung zu kaufen, will ich auf keinen Fall abstreiten. Aber niemand kann mir erzählen, dass es notwendig ist, sich für einen Urlaub mit 40 neuen Kleidungsstücken einzudecken. Wenn wir ehrlich zu uns sind, dann haben die meisten von uns ohnehin einen überfüllten Kleiderschrank.

Wenn Influencer_innen vorleben, dass riesige Mengen an neuer Kleidung notwendig sind, um im Sommer zu entspannen, dann machen sie Werbung für diesen übermäßigen Konsum, dem ihre Zuschauer_innen, (oder seien wir ehrlich: ihre Kund_innen) nacheifern. Dass Shopping cool und toll ist, dass neue Kleidung zu allen möglichen Anlässen notwendig ist und regelmäßig die neuen Kollektionen großer Modelabel geplündert werden müssen, ist keine Botschaft, die ich unterstützenswert finde. Die Textilindustrie ist einer der größten CO2-Emittenten, neue Kleidung ist IMMER umweltschädlicher als die, die du schon in deinem Kleiderschrank hast, von den Arbeitsbedingungen in der Textilbranche mal ganz zu schweigen.
Wie wäre es also das nächste Mal mit einem Streifzug durch den eigenen Kleiderschrank? Da schlummern vermutlich mehrere Schätze, die du schon längst vergessen hast. Ich schaue mir dann gerne an, wie du sie neu für dich entdeckst.

Lies noch mehr Artikel aus unserem Projekt "Klima&Klamotten"

Autorin / Autor: Karla Groth - Stand: 29. September 2022