Sicher durch die Nacht

Hilfsangebote für Frauen und Mädchen für einen angstfreien (Heim-)Weg

Mädels, mal Hand aufs Herz - wie oft seid ihr abends oder nachts allein unterwegs und habt dabei ein mulmiges Gefühl - vielleicht sogar Angst? Da ist dieses unangenehme Kribbeln im Nacken. Ihr fragt euch: Was war das für ein Geräusch? Ist jemand hinter mir? Ihr dreht euch um, eure Augen suchen den Weg und die Straße ab, euer Herz pocht etwas zu schnell. Ängstlich kramt ihr schon mal euer Schlüsselbund aus der Tasche. Oder ihr holt vorsorglich das Handy hervor, um im Zweifelsfall jemanden anrufen zu können - oder zumindest so zu tun. Selbst, wenn weit und breit niemand zu sehen ist, bleibt die Anspannung häufig bestehen, bis man in der Sicherheit seiner eigenen vier Wände angelangt ist.

Für viele Frauen und Mädchen ist eine solche Situation leider absolut alltäglich. Fragt man mal im eigenen weiblichen Freundes- und Bekanntenkreis herum, hat eigentlich fast jede so eine Geschichte zu erzählen. Laut der Umfrage "Safe in the City?" von Plan International ist jede fünfte befragte Frau bereits Opfer von Gewalt, Verfolgung oder Bedrohung geworden.
Es muss natürlich nicht immer gleich ein 'worst case scenario' mit einem tätlichen Übergriff sein. Manchmal reicht es schon, wenn jemand einen im Vorbeigehen schief anschaut, damit das Unbehagen sich festsetzt.
Fühlt ihr euch dabei auch oft hilflos, allein? Vor allem mitten in der Nacht sind die Hemmungen, Freunde oder Familie wach zu klingeln, doch relativ hoch. Und die Polizei alarmieren, nur aufgrund eines seltsamen Gefühls? Nein, lieber nicht.
Aber was sollen wir stattdessen tun, wenn wir vielleicht mal nicht die Option haben, immer zu zweit, in einer Gruppe, oder nur belebte und gut beleuchtete Wege zu gehen?

Es gibt tatsächlich andere Möglichkeiten, sicher nach Hause begleitet zu werden. Wie das geht? Ganz einfach sogar! Nämlich mithilfe extra dafür konzipierter Apps oder bestimmter Telefonnummern. Die App "WayGuard", sowie die Initiativen "Heimwegtelefon" und "EDELGARD" können helfen, euch sicher von A nach B zu bringen oder in bestimmten Regionen sogar Schutzräume bieten, wenn dies erforderlich ist.

Heimwegtelefon: Deutschlandweit abends und nachts anrufen
Das "Heimwegtelefon" ist eine Nummer, bei der ihr deutschlandweit abends oder nachts anrufen könnt. Freitag und Samstag sind die ehrenamtlichen Telefonist_innen von 20 Uhr bis 3 Uhr morgens erreichbar, Sonntag bis Donnerstag von 20 Uhr bis 24 Uhr. Conny vom Heimwegtelefon erzählt, dass sie darauf hinarbeiten, den Dienst zukünftig vielleicht auch schon ab 3 oder 4 Uhr nachmittags anzubieten, besonders in den dunklen Monaten. Das Schöne an diesem Dienst - man wird am Telefon bis direkt vor die Haustür begleitet. So fühlt man sich weniger allein, kann ein nettes Gespräch führen und im Notfall ist gleich jemand in der Leitung, der euch helfen kann, indem er oder sie z.B. einen Notruf absetzt. Allerdings sagt Conny, dass das so gut wie gar nicht nötig ist, da über 99% der Anrufenden sicher nach Hause gebracht werden. Sollten übrigens einmal alle Leitungen besetzt sein, macht euch keine Sorgen - ihr müsst nicht lange warten, bis wieder eine frei wird!

WayGuard: Per App sicher nach Hause
Telefonieren ist nicht so euer Ding? Dann ist WayGuard (von AXA) vielleicht etwas für euch! Zwar könnt ihr auch hier mit der professionellen WayGuard-Leitstelle telefonieren (24/7 erreichbar), allerdings habt ihr auch die Möglichkeit, euch über die App "nur" virtuell begleiten zu lassen. Dabei teilt ihr ganz leicht euren GPS-Standort mit dem WayGuard-Team und auf Wunsch zusätzlich mit Freunden, die die App ebenfalls nutzen. So kann immer jemand euren Weg mitverfolgen und überprüfen, ob ihr sicher zu Hause angekommen seid. Ihr könnt außerdem einen Notruf absetzen, falls die Lage ernst wird. Ihr werdet dann an die Notrufstelle von WayGuard geleitet, von wo aus euer Notruf (inklusive Standortdaten) wenn nötig direkt an die Polizei weitergegeben werden kann. So ernst wird es aber auch hier nur selten: Laut WayGuard-Team wurden seit Start der App im Herbst 2016 von 1700 über WayGuard ausgelösten Notrufen nur 270 an Polizei oder Rettungsdienst weitergeleitet. WayGuard hat sogar schon ein Leben gerettet! Nachlesen könnt ihr Erfahrungsberichte zum Beispiel auf der WayGuard-Webseite oder Instagram. Außerhalb Deutschlands und der deutschsprachigen Schweiz steht die professionelle WayGuard-Leitstelle (für Begleittelefonate oder zur Koordination von Notrufen an die lokalen Einsatzkräfte) zwar nicht zur Verfügung, allerdings könnt ihr euch z.B. trotzdem noch von einem Freund/einer Freundin über die App begleiten lassen und mit ihnen darüber chatten oder telefonieren (es können aber je nach Handytarif evtl. höhere Kosten dafür anfallen). Auch super: WayGuard wurde zusammen mit der Polizei Köln entwickelt und kann für iOS und Android kostenlos heruntergeladen werden.

EDELGARD bietet mobile Betreuung und geschützte Orte
Apropos Köln! Aus dieser Stadt kommt gleich noch eine super Initiative. Gegründet von der "Kölner Initiative gegen sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum" (KIGSG) wurden unter "EDELGARD" das "EDELGARD mobil" und "EDELGARD schützt" ins Leben gerufen. Beim EDELGARD mobil handelt es sich um ein Fahrzeug, das bei Großveranstaltungen in Köln im Einsatz ist, so zum Beispiel an Karneval. Wenn ihr die Nummer des Mobils anruft, kommen die Helferinnen zu euch, wenn ihr euch bedroht fühlt, oder auch, nachdem schon etwas geschehen ist. Aber ihr könnt das EDELGARD mobil auch da aufsuchen, wo es steht, der Standort wird vorher immer bekannt gegeben! Polizei und Ordnungskräfte wissen auch, wo das Mobil bei Großveranstaltungen zu finden ist. Dort könnt ihr in sicherer Umgebung eure nächsten Schritte besprechen. EDELGARD schützt beinhaltet "Geschützte Orte", wie z.B. Cafés, Feuerwehrwachen oder Apotheken, die mit einem "EDELGARD"-Aufkleber gekennzeichnet sind. Vor Ort gibt es geschulte Personen, die wissen, wie sie euch helfen können. Finden könnt ihr sie eben über jenen EGELDGARD-Aufkleber an der Tür oder am Schaufenster, oder aber auch über die EDELGARD-Map, die ihr auf der EDELGARD-Internetseite erreicht. Gerade die Aufkleber sind allerdings praktisch, falls ihr mal keine Möglichkeit habt, euer Handy zu benutzen. Bisher gibt es diese Orte nur in Köln, allerdings ist das Konzept doch definitiv eines, das auszuweiten sich lohnen würde!

Ehrenamtlich telefonieren? Ihr könnt mitmachen
Ihr möchtet selbst auch helfen? Das könnt ihr! Das Heimwegtelefon freut sich über jede_n, der oder die vielleicht Lust hätte, ehrenamtlich zu telefonieren. Bei Interesse könnt ihr ganz einfach direkt dort nachfragen. Nach einem Briefing und einigen begleiteten Telefonaten könnt ihr mithelfen, Anrufer_innen ein sicheres Gefühl zu geben.
Ihr habt leider keine Zeit, habt aber eine Oma oder einen Opa in Rente? Auch ältere Menschen sind willkommen, mitzutelefonieren!
Solltet ihr in Köln in einem Café, Restaurant oder auch in einem anderen öffentlichen Ort arbeiten, könntet ihr doch mal vorschlagen, einen geschützten Ort daraus zu machen. In diesem Fall gäbe es eine Einführungsveranstaltung von EDELGARD, in der alles genau erklärt wird. Eventuell hätten ja auch Betreiber_innen in anderen Städten Lust, etwas Ähnliches auf die Beine zu stellen! Ansonsten hilft es immer, wenn ihr anderen Frauen und Mädchen von WayGuard, EDELGARD und dem Heimwegtelefon erzählt, damit möglichst viele sicher ihre Wege bestreiten können.
Natürlich können auch Jungen und Männer Angebote wie das Heimwegtelefon oder WayGuard nutzen, wenn sie sich unsicher fühlen!

Traurig ist natürlich, dass solche Initiativen und Apps überhaupt vonnöten sind. In einer perfekten Welt könnte sich jede Frau, jedes Mädchen, völlig sorgenfrei im öffentlichen Raum bewegen - auch nachts. Leider ist diese Vorstellung momentan doch noch recht utopisch. Daher ist es umso wichtiger, die Thematik nicht unter den Tisch fallen zu lassen, immer wieder darauf aufmerksam zu machen, Hilfsangebote zu nutzen und diese auch stetig Leuten näher zu bringen. Denn wenn diese Angebote zukünftig vermehrt genutzt werden, werden vielleicht langfristig immer weniger Frauen und Mädchen Opfer - oder kommen zumindest angstfreier durchs Leben.

Links zu den Hilfsangeboten:

Was denkst du darüber?
Autorin / Autor: Sarah H. - Stand: 23. November 2020