Die Geschichte der Tinte

Mit der Erfindung der Schrift hat die Menschheit einen großen Sprung gemacht. Beinahe genauso wichtig: Tinte! Aber wo kommt die eigentlich her?

Wenn man schreibt, denkt man anders. Die Worte werden erfahrbarer, präsenter, ausgeklügelter. Wenn sich die Sätze aufs Papier spinnen, wird ein Abbild von Welt erschaffen. Und dieses Abbild steht nicht einfach so im Raum, sondern kann auch von vielen anderen an anderen Orten und zu verschiedenen Zeiten betrachtet werden – nicht umsonst heißt es „die schlechteste Tinte ist besser als das beste Gedächtnis“. Dadurch, dass man komplexe Gedankengänge zu entwickeln vermochte und sich diese in Form von Schrift materialisieren konnten, also greifbar wurden, war eine umfassende kulturelle Entwicklung der Menschheit möglich geworden. Die Erfindung der Schrift kann daher als größte Leistung des menschlichen Geistes gesehen werden. Doch lange Zeit war das „Schreiben“ eine langwierige und zermürbende Angelegenheit. Mühsam wurde in Stein, Holz, Wachs, Ton, Metall oder Rinden geritzt und gehauen. Als dann aber die dünnen und leichten Beschreibstoffe wie Pergament, Papyrus und Leinen aufkamen, war der Knoten vollständig geplatzt. Mithilfe von flüssigen Schreibmitteln konnte nun innerhalb kürzester Zeit ein Text geschrieben werden.

Die Chinesen und Ägypter waren die Ersten

Die Chinesen waren die ersten, die um 2.500 vor Christus eine lackartige Tinte verwendeten, die mit einem Bambusstab auf Seide aufgetragen wurde. Der Erfinder soll der Chinese Tien-Tschen gewesen sein. Ab dem dritten Jahrhundert vor Christus stellte man aus verbranntem Lack und Kohle rußhaltige Tinte her. Die getrocknete und gepresste Tusche musste allerdings vor der Benutzung erst umständlich mit Wasser flüssig gerührt werden. Später wurde das aus verbranntem Öl gewonnene Ruß mit tierischem Leim gemischt und mit Kampfer und Moschus parfümiert, damit es angenehmer roch.

Die Ägypter schrieben ebenfalls mit Rußtinte, allerdings auf Papyrusrollen. Ihre Tinte war wegen des zugefügten Öls haltbarer, sodass man noch heute die mit glänzenden Zeichen beschriebenen Papyri bestaunen kann. Allgemein war Ruß eine beliebte Zutat für die Schreibflüssigkeit. Auch im alten Griechenland und Italien wurde daraus Tinte hergestellt. Die Italiener mischten noch Sepia, den braun-schwarzen Saft von Tintenfischen, bei. Auch der Saft von Purpur-Schnecken wurde für die Tintenherstellung verwendet. Diese rötliche Tinte galt als heilig, und durfte nur von den byzantinischen Kaisern benutzt werden, sonst drohte die Todesstrafe. Auch Gold- und Silbertinten waren gefragt, wenn man es etwas edler haben wollte.

Aber nicht immer blieb die Schrift sichtbar. Die Rußtinte war leicht abwaschbar, sodass die Papyri immer wieder neu beschriftet werden konnten. Andere Tinten sollten auch gar nicht sichtbar sein: die Geheimtinten. Die Griechen verwendeten im zweiten Jahrhundert vor Christi eine Galläpfelauflösung, die unsichtbar blieb. Erst mit einer Lösung aus eisenhaltigen Kupfersalzen bestrichen wurde das Geschriebene lesbar. Heute nimmt man dafür Zitronensaft und ein Bügeleisen zum Sichtbarmachen.

Schreiben wie im Mittelalter
Linda, Nesrin und Melissa von der IGS Plaidt haben sich im Rahmen von "Schüler experimentieren" in der Tintenproduktion versucht. Für ihre originalgetreue, mittelalterliche „Eisengallustinte“ sammelten sie Eicheln und Eichengallen - das sind knubbelige Gebilde an Eichenblättern, die durch abgelegte Eier der Gallwespe entstehen. Die Schülerinnen stellten hieraus ein Extrakt her und versetzten es mit einem Gebräu aus pulverisiertem Eisen und Schwefelsäure (Eisenvitriol). Diese besondere Tinte haftet extrem gut und widersteht sogar einem modernen Tintenkiller. Darum kommt sie auch heute noch als dokumentenechte Tinte zum Einsatz. Wenn die drei Jungforscherinnen nun ihre Füller auspacken, denken sie immer daran, wie aufwändig das doch früher mit der Tinte war. Und wie praktisch, dass sie nun einfach aus der Patrone kommt!

Der Siegeszug der Eisengallustinte

Die Rußtinte wurde dann im 3. Jahrhundert nach Christus von der Eisengallustinte abgelöst, die im 15. Jahrhundert die beliebteste Schreibflüssigkeit wurde. Das lag aber auch daran, dass durch die Einführung des Papiers der gesamte Schreibprozess sehr erleichtert wurde; die Tinte ist aber auch besonders beständig. Ein Rezept aus dem Jahre 1412 führt als Inhaltsstoffe gepulverte Galläpfel, Regenwasser oder Bier und Eisenvitriol auf. Das Besondere an der Tinte ist, dass sie erst nach dem Trocknen sichtbar wird. Um den Schreibprozess zu erleichtern, wurde teilweise ein Farbstoff wie Methylblau beigemischt. Als Schreibwerkzeug nahm man Schreibrohre oder –federn.

Im 18. Jahrhundert werden vermehrt Kobalttinten erwähnt, deren grasgrüne Farbe beim Erkalten erst blau, dann violett und schließlich hellrot wird. Trotzdem gerät die Eisengallustinte nicht in die Versenkung, stattdessen wird das Rezept zur Herstellung immer mehr perfektioniert. Zum Eisenvitriol und den Galläpfeln wird so noch Blauholz, Gummi und Weißwein oder Essig gemischt. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde immer wieder ein Ersatz für die Galläpfel gesucht, diese lieferten jedoch unangefochten die beste Tinte.

Unbeständige Schriften

In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die leichtflüssige und wasserfeste Chromblauholztinte und die noch beständigere Alizarintinte entwickelt. Die in letzterer enthaltene Indigosulfosäure wurde später durch wasserlösliche Anillinfarbstoffe ersetzt. Somit waren nicht nur blaugrüne, sondern auch andersfarbige Alizarintinten möglich. Diese farbigen und leichtflüssigen Tinten kamen so gut an, dass die Eisengallustinte immer mehr in den Hintergrund rückte, obwohl sie noch lange nicht so beständig und widerstandsfähig waren. Das hatte natürlich seine Nachteile: Vor allem bei Dokumenten war es doch wichtig, dass die Tinte beständig war. Deswegen wurde eine Prüfinstanz für Tinten geschaffen, die aber oft nicht gewissenhaft handelte. Dennoch konnten sich die Tinten mit den Teerfarbstoffen durchsetzen. Heute wird die Eisengallustinte nur noch für wichtige Dokumente und in der Kalligrafie verwendet, da sie in der Handhabung etwas schwieriger ist als gewöhnliche Tinte. Dieser Trend der sich „verflüchtigenden Worte“ hält immer noch an – betrachtet man einmal die Masse an Schriften, die im World Wide Web kursieren. Denn obwohl die Texte dort wahrscheinlich sogar besser aufgehoben sind als zwischen Buchdeckeln, geht damit auch eine Beliebigkeit und Austauschbarkeit einher, die es früher so nicht gab. Deshalb ruhig öfter zu Füller und Briefpapier greifen!

Autorin / Autor: Annika Willinger - Stand: 29. Mai 2012
 
 
 

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