2050

Einsendung von Marie Resch, 24 Jahre

I.
Es ist Donnerstagnachmittag, es ist Sommer, Du stehst am Fenster deiner Dachgeschosswohnung. Von hier oben kannst Du über die ganze Stadt schauen. Nur öffnen willst Du das Fenster nicht, die Hitze draußen ist beinahe unerträglich. Eine Klimaanlage kannst Du dir nicht leisten. Du schaust hinunter auf die Straße. Leere. Du denkst oft daran, über die Sommermonate an einen anderen Ort zu reisen, irgendwohin, wo sich die Außentemperatur nicht anfühlt wie in der Sauna. Aber Du kannst es dir nicht leisten zu verreisen. Immerhin kannst Du noch träumen. Träumen von längst vergangener Zeit, als Du jung warst und die Sommerferien am Meer im Süden verbracht hast. Du erinnerst dich an Spaziergänge am Strand, an warmen Sand unter den Füßen, an Wassertropfen auf der Haut, die in der Sonne schimmerten, an den Duft des Meeres in der Nase, das Rauschen der Wellen in den Ohren und den leicht salzigen Geschmack auf der Zunge. Du erinnerst dich daran, wie Du dich ins kalte Nass gestürzt hast, an den Moment, als Du untergetaucht bist. Dort unten war es immer ganz still. Dort unten konntest Du für einen Moment alles um dich herum vergessen. Du erinnerst dich ans Schnorcheln an farbenfrohen Korallenriffen, an die bunten Fische und Meerestiere, die aussahen, wie aus einem anderen Universum und an die verschiedenen Blautöne des Wassers um dich herum. All das wirkte auf dich, wie ein anderes Universum, eine andere Zeit. Diese Erinnerungen erfüllen dich mit Schmerz und Schuldgefühlen. Die bunten Fische und die farbenfrohen Korallen gibt es seit Jahren nicht mehr. Das Meer, was dir früher ein so sicheres und beruhigendes Gefühl gegeben hat, erfüllt dich heute mit einem Gefühl von Furcht und Unbehagen. Die Ozeane sind unkontrollierbar geworden, breiten sich immer weiter aus, reißen alles mit sich, Häuser, Tiere, Menschen. Ganze Städte haben sie verschluckt. Wer den reißenden Fluten nicht zum Opfer fällt, muss fliehen, die eigene Heimat hinter sich lassen, in der Hoffnung einen besseren Ort zum Leben zu finden. Meist ohne Erfolg. Du denkst, dass Du eigentlich dankbar sein müsstest. Dankbar, dass dir deine Wohnung nicht von dem tosenden Gewässer genommen wurde, dankbar, dass Du nicht, wie so viele andere, um die letzten Trinkwasserreserven kämpfen musst, da die Süßwasserbestände durch das Eindringen der salzigen Meere zu Gift geworden sind. Aber Du empfindest nichts außer Angst, Schmerz und Schuld. Schweißtropfen rinnen dir den Nacken herunter und werden vom Saum deines T-Shirts aufgefangen. Die Hitze ist kaum noch zu ertragen. In den Nachrichten zeigen sie täglich Wissenschaftler_innen, die spekulieren, wie viel Zeit noch bleibt. Wie viel Zeit noch, bis auch hier, bei dir, die Trinkwasserreserven knapp werden. Hier wird nicht das Meer für Leid sorgen, sondern Dürren und Hitzewellen, die wie der Tod selbst um sich greifen. Wenn der Zeitpunkt gekommen ist, stehst Du vor der Wahl, hier bleiben, bei tödlichen Hitzeperioden und andauernden Kriegen um Trinkwasser oder fliehen und mit Millionen anderen Klimaflüchtlingen an den Landesgrenzen campieren, wo ausreichend Nahrung und medizinische Versorgung für alle längst zu einen Wunschtraum geworden ist. Die Wahrscheinlichkeit zu überleben ist gering, egal für welche Möglichkeit Du dich entscheidest. Du wendest dich vom Fenster ab. Wofür eigentlich überleben, fragst Du dich. Warum solltest Du dich an das Leben klammern, wenn es längst nicht mehr lebenswert ist.

II.
Es ist Donnerstagnachmittag, es ist Sommer, Du machst einen Spaziergang durch den Wald. Du atmest tief ein, der Duft von Tannennadeln, Moos und frischem Holz steigt dir in die Nase. Hoch über dir wölben sich grüne Baumkronen und bilden ein schützendes Blätterdach. Sonnenstrahlen haben sich einen Weg durch die Zweige gebahnt und tauchen den Wald in ein angenehm warmes Licht. Du lauschst dem Vogelgezwitscher, dem Rascheln der Blätter im sanften Sommerwind und dem knarrenden Unterholz unter deinen Füßen. Du kannst dir keinen Ort vorstellen, an dem Du jetzt lieber wärst. Du erinnerst dich daran, wie viel Zeit Du in deiner Jugend hier verbracht hast. Jede Woche bist Du auf dein Fahrrad gestiegen, um mit den anderen in den Wald zu fahren. Manchmal habt ihr nur gemeinsam dagesessen, geredet und gesungen. Manchmal habt ihr euch auch hoch oben in den Baumwipfeln verschanzt, um zu verhindern, dass die vielen Polizist_innen euch zum Gehen zwingen konnten. Kaum merklich schüttelst Du den Kopf. Du kannst dir nur noch schwer vorstellen, dass die Menschen drauf und dran waren, dieses einzigartige Stück Natur zu vernichten. Du bist froh, dass Du damals jede Woche hergekommen bist. Mit jeder Woche bist Du deinem Ziel, den Wald zu retten, ein Stück nähergekommen. Du bist froh, dass Du damals durchgehalten hast. Immer weiter gemacht hast, auch wenn der Kampf für eine bessere Zukunft manchmal sinnlos erschien. Du bist froh, dass Du es geschafft hast. Dass Du heute an diesen Ort kommen kannst, um Ruhe und Frieden zu finden. Während deine Gedanken noch um vergangene Zeiten kreisen, tragen dich deine Füße weiter über den erdig weichen Waldboden, bis Du einen gurgelnden Bachlauf erreichst. Du näherst dich dem plätschernden Gewässer. Das klare Wasser bahnt sich seinen Weg über Steine und Hölzer und fließt langsam zwischen den hochgewachsenen Bäumen hindurch. Du lässt dich am Ufer nieder. In diesem Moment vergisst Du alles um dich herum. Du fühlst die warmen Sonnenstrahlen auf der Haut, atmest den frischen Duft des Waldes ein und lauschst dem sanften Plätschern des Baches. Tief in dir fühlst Du Dankbarkeit. Dankbarkeit für dieses Geschenk der Natur. Und Sicherheit. Sicherheit, dass dieser Zustand noch eine lange Zeit anhalten wird. Das tiefsitzende Gefühl von Angst, was dich in vergangenen Jahren täglich begleitet hat, ist verschwunden. Die Angst vor der Zerstörung der Erde, vor dem Ende des Menschen, sie ist überwunden. Du bist jetzt hier und darfst diese zauberhafte Welt dein Zuhause nennen.