Die Reise

Einsendung von Johanna Vogt, 23 Jahre

Geräuschlos rollte der Lehr-Roboter auf Frau A zu. „Grün ist die Farbe der Hoffnung.“
„Grün ist die Farbe der Hoffnung“, entgegnete sie und rückte schnell ihre Brille zurecht.
„Es freut uns sehr, dass Sie sich die Zeit genommen haben, unseren Lernenden von der Vergangenheit zu erzählen. Bitte folgen Sie mir.“
Gehorsam lief Frau A hinter dem metallenen Geschöpf her. Neonröhren. Alte Knochen. Ein langer Flur.
Der Roboter errechnete, dass er mit Frau A im Schlepptau drei Minuten, 45 Sekunden und 26 Zehntelsekunden länger zum Versammlungsraum brauchte als sonst. Doch seine Programmiererinnen hatten großen Wert auf seine Sensibilität gelegt, weswegen er diese Information stillschweigend für sich behielt.
Als sie endlich an ihrem Ziel ankamen, fragte er: „Haben Sie noch Wünsche, bevor ich die Tür entriegele?“
Ihre Blase drückte, sie hatte zu wenig gegessen und Schweißperlen liefen ihren Rücken hinunter. Frau A schüttelte den Kopf.
Als sie den Raum betrat, verstummten die brav aufgereihten Kinder. Sie spürte die neugierigen Blicke auch ohne hinzusehen. 
„Grün ist die Farbe der Hoffnung“, krächzte Frau A mit zitternder Stimme in das Mikrofon.
„Grün ist die Farbe der Hoffnung“, antwortete der Chor und dutzende Hände schnallten in die Luft.
Frau A nahm einen Jungen aus der ersten Reihe dran. „Ist es wahr, dass es früher viele Länder mit einzelnen Regierungen gab?“
Gott sei Dank, eine einfache Frage. „Ja“, antwortete Frau A. „Als ich in eurem Alter war, waren alle Kontinente der Welt bewohnbar und die Zentrale für globale Naturangelegenheiten gab es damals noch nicht.“
Er schien sich mit ihrer Antwort zufrieden zu geben. Als nächstes deutete Frau A auf ein Mädchen mit raspelkurzen Haaren. „Ich habe in der Digi-Welt gesehen, dass es hinter der Kuppel wahrscheinlich noch Tiere gibt. Glauben Sie, dass das stimmt?“
Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte und zuckte daher nur mit den Schultern. Frau A war keine Wissenschaftlerin, sondern nur eine ganz normale alte Frau. 
Eines der Kinder machte laut schnipsend auf sich aufmerksam. „Wie viele Pflanzen haben Sie in ihrem Leben gezüchtet?“
„87“, antwortete Frau A. Schockiertes Schweigen.
„Ich habe schon 2003“, sagte das Kind leise. „Meine Eltern meinen, ab 20.000 hat man eine Chance auf einen bezahlten Beruf.“
Schnell nahm sie den nächsten dran. „Erzählen Sie uns von der KATASTROPHE!“
Frau A erinnerte sich nicht gerne an die KATASTROPHE zurück, doch natürlich hatte sie mit der Frage gerechnet. „Als die KATASTROPHE anfing, war ich 24 Jahre alt. Es gab ein großes Feuer, dass sich auf den gesamten Planeten ausbreitete. Ich habe meine Eltern und meinen Bruder an die Flammen verloren.“
„Wie haben Sie es geschafft, zu überleben?“
„Viele verletzte Menschen haben Zuflucht in den Bunkern gesucht und weil ich Sanitäterin war, haben die Aufseher mir den Zugang gewährt.“
Damals waren viele Menschen gestorben, denen sie nicht hatte helfen können. Nicht einmal ein Pflaster hatte sie gehabt. Alles, was sie besessen hatte, war die Kleidung, die sie getragen hatte. Keine Decke, keine Nahrung, kein einziges Foto.
„Nach dem Feuer kam die planetare Überschwemmung“, fuhr Frau A fort. „Es gab zwar keinen Wohnraum mehr, aber immerhin hatte der Rauch sich verzogen und wir konnten wieder frische Luft atmen. Die nächsten zehn Jahre habe ich auf einem klapprigen Schiff verbracht.“
Von ganz hinten rief jemand: „Und dann sind Sie irgendwann auf das Land des Neubeginns gestoßen und leben seitdem hier?“
Frau A lachte kurz auf. „So einfach war das leider nicht. Wir mussten alles neu aufbauen. Von den Stelzen, auf denen unsere Zivilisation errichtet wurde, bis hin zu den Stühlen, auf denen ihr sitzt.“
Ein Junge in einem Rollstuhl stellte die nächste Frage.  „Waren sie damals auch eine Gottes-Gläuberin? Ich habe gehört, dass die versucht haben, die KATASTROPHE als Strafe Gottes auszulegen, weil es sowas in ihrer Bubel schon mal gab.“
„Bibel“, korrigierte Frau A. Nach kurzem Nachdenken wich sie der Frage gekonnt aus. „Die Menschen haben eine gerechte Strafe dafür bekommen, was sie der Erde angetan haben. Wenn ihr nicht genauso leiden wollt, wie ich, dann solltet ihr versuchen, es besser zu machen. Wir sind auf einem guten Weg.“
Finsternis.
Eva Andersson schreckt schweißgebadet auf. Ihre Augen brauchen einen Moment, um sich an die Dunkelheit zu gewöhnen. Blut auf ihrer Zunge.
Was war da gerade mit ihr passiert? Sollten Träume nicht eigentlich verblassen, wenn man wach wurde?
Vorsichtig stellt sie einen Fuß auf den kalten Boden. Eva braucht einen Moment, um sich zu orientieren und tapst dann auf wackeligen Beinen zum Lichtschalter.
Für einen kurzen Augenblick glaubt sie, die Frau aus ihrem Traum blicke sie durch den Spiegel hindurch an.
„Wach auf, Eva Andersson“, ermahnt sie sich selbst. „Du hast keine Zeit weiterzuschlafen. Es gibt viel zu tun!“

Autorin / Autor: Johanna Vogt, 23 Jahre