Erfahrungsbericht in Zeiten einer Krise

Einsendung von Lea-Marie Kall, 18 Jahre

Als die ganze Fridays for future Sache mich im Dezember 2018 erreicht hat, habe ich sicherlich ein Vierteljahr jede Philosophie Stunde über dieses Thema diskutiert. Aber nicht ohne das nötige Hintergrundwissen. Mein Lehrer hatte eine ganze Präsentation zu dem Thema parat, und das noch im Dezember! Der ganze Kurs war sich einig, und das passierte nicht oft, dass wir da mitmachen wollten. Ein Teil des globalen Klimastreiks am 15. März 2019 sein.

Also fingen wir an, einen sehr gut vorbereiteten Antrag auf eine Exkursion zu stellen. Wir hatten uns in Kleingruppen aufgeteilt, um jeden wichtigen Aspekt für den Antrag wohlbedacht zu schreiben. Ich habe immerhin ein bischöfliches Gymnasium besucht. Das ultimative Argument war für uns der Schöpferauftrag Gottes an den Menschen. Spoiler… Wir haben die Exkursion nicht genehmigt bekommen. Aber mein Schulleiter war so „großzügig“ und bot dem gesamten Kurs ein Gespräch an. Der ganze Kurs hatte sich ordentlich in einem Stuhlkreis in unserem Kursraum zusammengefunden. Ich glaube, dass war die einzige Stunde in den 2 Jahren, in der niemand geschwänzt hat.

Und in dem Moment, in dem mein Schuleiter den Raum betrat und uns mit den Worten begrüßte „Egal, was ihr sagt, meine Antwort ist NEIN“, da platze auch mein letzter Funke Hoffnung. In der 60-minütigen, sich anschließenden Diskussion entgegnete er uns mit vollkommen schwachsinnigen Argumenten. Aber er wollte sich nicht umstimmen lassen und wo kein Wille, da kein Weg. Nur ich meine, wie schwach wäre es von mir gewesen, auf Grund eines total banalen Verbots nicht zur Demo zu gehen. Wohlbemerkt, es war meine erste Demo. Und das war eine echt extreme Situation für mein 16-jähriges Ich. Das erste Mal wirklich für seine Zukunft einstehen und politisch aktiv werden können. Und gleichzeitig auch das erste Mal die Ernüchterung spüren, die Bürokratie und Politik in Deutschland eben manchmal mit sich zieht. Aber das war und ist okay so.

Am Tag der Demo hat es in Strömen geregnet, es war kalt und eigentlich hatte ich Unterricht. Das war das erste Mal „schwänzen“. Aber dieses Gefühl, mit 3000 Menschen, die die selbe Motivation antreibt, eine komplette Kreuzung zu blockieren, das ist irgendwie unglaublich. Und bis zum Sommer, muss ich sagen, blieb dieses Gefühl. Aber vor allem konnte man die Veränderungen im eigenen Umkreis spüren. Weniger Fleisch, Plastik und fast fashion. Warum das Gefühl nur bis Sommer anhielt?

Ich bin von März an oft zu den Demos am Freitag gegangen. Besonders gefreut habe ich mich dabei auf die Aktion Aachen 21.06. In meiner Heimatstadt eine so groß organsierte Veranstaltung mit Liveacts und, und, und. Aber in den 3 Monaten von März bis Juni hat sich das Team und Fridays for future Aachen so sehr gewandelt. Ich hatte immer mehr das Gefühl, dass das Ganze zu einer exklusiven Gemeinschaft wird, die dabei auch noch immer radikaler vorgeht. Ich habe live mit angesehen, wie eine gute Sache in meinen Augen total negativ wurde. Für eine Sache, für die ich vor mehr als 3 Monaten noch gebrannt habe und mit meinem Schulleiter diskutiert habe, konnte ich einfach nicht mehr einstehen. Und auf der großen Demo im Sommer konnte ich mich einfach nicht mehr mit der Bewegung identifizieren.

Das klingt ist im ersten Moment schlimmer, als es letzten Endes war, denn heute lebe ich seit über einem Jahr vegetarisch, verzichte so gut es eben geht in allen Bereichen meines Lebens auf Plastik und fühle mich gut damit. Meine ganze Familie hat ihren Lebensstil verändert. Gemeinsam. Und letzten Endes ist es das, worauf es ankommt. Eine radikale Wende ist nie die richtige Lösung und vor allem wenig nachhaltig. Eine langsame bewusste Entscheidung bringt einen so viel eher an sein Ziel. Wenn man mich heute fragt, ob es fridays for future noch gibt, dann könnte ich ehrlich gesagt keine Antwort geben. Aber eine ganze Zeit lang habe ich mich wirklich noch an dem Thema aufgehalten. Doch die Energie, die ich hätte aufwenden können, um mich über die radikale Entwicklung aufzuregen, habe ich so für eine viel bessere Sache kanalisiert. Meine eigene Entwicklung. Übrigens auch ein positives Fazit, dass man aus der Corona Pandemie ziehen kann…

Ich war damals irgendwie enttäuscht von dieser für mich „gescheiterten“ Bewegung, weil ich nur die negativen Aspekte gesehen habe, aber eigentlich hat diese Erfahrung mich wirklich weitergebracht. Bleibt nur noch zu wünschen, dass alle nachziehen und ihr Leben überdenken. Man sollte ja meinen wir hatten da gerade in diesem Jahr besonders viel Zeit für.