Ein Aufruf

Beitrag zum Schreibwettbewerb Morgengrün von Rabea Raphael, 22 Jahre

Langsam öffne ich die Augen. Es ist fast ganz dunkel um mich herum, nur ein paar Streifen gelben Laternenlichts fallen durch die Spalten der Jalousie in das Zimmer. Ich kann nicht einschlafen. Schon wieder nicht. Wie spät es ist? Ich habe keine Ahnung, ich will es auch nicht wissen, nicht auch noch mitverfolgen, wie lange ich hier schon liege, in meinem Bett, wach, statt schlafend. Stattdessen versuche ich mich, das Gesicht nach oben zur Decke gerichtet, auf meine Atmung zu konzentrieren. Ein. Ich habe gehört, das soll beruhigend wirken. Aus. Aber meine Gedanken schwirren unaufhaltsam wie ein Schwarm Fliegen in meinem Schlafzimmer umher. Ohne Ruhe, ohne Rast. Mein Kopf, er hört einfach nicht auf zu denken. Wenn ich so in meinem Bett liege, nachts, um ich-weiß-nicht-wie-viel-Uhr, dann stelle ich mir vor, was alles hinter der Jalousie passieren könnte, während ich hier drinnen wach liege, abgeschirmt, blind, nichtsahnend. Sobald ich die Augen für ein paar Minuten geschlossen halte, mache ich eine Zeitreise, in Gedanken. Während ich mich auf meine Atmung fokussiere, gehen draußen, hinter der Jalousie, in einem Atemzug, wie durch ein Wunder, zehn, zwanzig Jahre vorbei, wie Sekunden fliegen sie vorüber. Also atme ich ein. Die Welt in zwanzig Jahren. Aus. Morgen früh zöge ich die Jalousie hoch, wie sähe es aus, draußen? Ein. Würden morgen früh auch noch die Vögel zwitschern? Oder wären sie verschwunden, zumindest aus den Städten? Aus. Beim aktuellen Insektensterben gar nicht mal so unwahrscheinlich. Ein. Würde die Sonne noch scheinen? Oder wäre alles grau und farblos? Aus. Der Himmel bewölkt, die Luft verschmutzt, voller Feinstaub und Smog, sodass man kaum noch atmen könnte? Ein. Gar nicht so unwahrscheinlich, in manchen Städten dieser Welt ist es jetzt schon Normalität. Aus. Die Welt in zwanzig Jahren, wie sähe sie aus? Ein. Gäbe es Hamburg und Bremen noch? Die Niederlande? Wie hoch wäre dann der Meeresspiegel? Aus. Wie sähe es mit den sogenannten „seltenen Wetterereignissen“ aus? Ein. Stürme, Unwetter, Tornados, Hurrikane - gäbe es die dann auch hier, jede Woche? Aus. Und Nahrungsmittel? Hätten wir alle noch genug zu essen, in zwanzig Jahren? Ein. Und zu trinken? Aus. Sauberes Trinkwasser? Aus. Ein - Stopp.

Das bringt doch überhaupt nichts, dieses ganze Atmungszeugs. Es wirkt alles andere als beruhigend, meine Gedanken wirken alles andere als beruhigend. Ich schalte meine Nachttischlampe an und setze mich auf. Meine Mutter behauptet, es sei kein Wunder, dass ich nicht schlafen könne, wenn ich mir über sowas Gedanken machen würde. Die meisten Menschen blenden die Zerbrechlichkeit der Stabilität lieber aus. Die Zerbrechlichkeit des Alles-ist-gut und der falschen Erwartung, dass das auch so bleibe, in Zukunft. Aber wenn wir immer so weitermachen, jeden Tag, dann wird nicht alles so gut und schön und sauber bleiben, wie es jetzt ist. Mir aber, paradoxerweise, gibt das Nachdenken über den möglichen Untergang der Welt, wie wir sie kennen, Kraft. Energie. Also stehe ich auf, gehe in die Küche, mache mir einen Tee und setze mich an den Schreibtisch. Der Grund dafür, dass ich nachts nicht schlafen kann, sind nämlich nicht meine Gedanken, sondern, dass es immer nur Gedanken sind. Es ist die Untätigkeit, die auf meiner Stirn herumtanzt, sobald ich Ruhe haben will. Das Gefühl, dass alle immer nur reden. Reden, aber nichts tun. Deshalb halten mich meine nächtlichen Zukunftsvorstellungen wach. Sie zwingen mich dazu aufzustehen, etwas zu tun. Bloß was? Was kann ich tun, damit nicht immer nur geredet wird, sondern die Menschen anfangen, etwas zu machen? Schon etwas Kleines, eine klitzekleine Veränderung, ein leichter Denkanstoß wäre ein riesiger Erfolg. Ein bisschen an dem Bett rütteln, in dem alle so sanft und sorglos zu schlafen scheinen. Da, plötzlich, fällt mir etwas ein. Ich nehme ein Blatt Papier, ein paar Stifte, schalte meinen Laptop an und fange an.

Eine Stunde später ist der Tee kalt, das Blatt vollgeschrieben. In der Hand halte ich etwas, was aussieht wie ein Flugblatt, ein handschriftliches, selbst gemachtes Flugblatt. Jetzt habe ich tatsächlich etwas gemacht, gemacht statt nur gedacht. Ein kleines bisschen stolz darauf bin ich schon. Ich habe einen Schritt gemacht, einen Schritt weiter. Ich habe dem ewigen sich-im-Bett-herumwälzen ein Ende gesetzt, die Untätigkeit heute Nacht besiegt. Wie auf Kommando muss ich gähnen. Als wäre sie meine stille Belohnung, hat sich die langersehnte Müdigkeit angeschlichen. Aber noch kann ich nicht schlafen gehen, noch fehlt der letzte Schritt, der dritte Streich. Ich stehe auf, lege das beschriebene Blatt auf den Kopierer, der unter meinem Schreibtisch steht. Anzahl Kopien: 100. Während der Laserstrahl über mein Werk fährt und mein Zimmer mit weiß-blauem Licht erhellt, wie in der Szene eines Science-Fiction-Films, strömt durch meinen Körper Tatendrang. Es knistert in mir drin, erwartungsvoll. Geduld, versuche ich mir zu sagen. Tief einatmen. Ein. Langsam ausatmen. Aus. Das soll ja schließlich beruhigend wirken.

Es muss mitten in der Nacht sein, denn draußen, auf der Straße, ist es so still, wie ich es noch nie zuvor erlebt habe. Kein einziges Auto ist unterwegs und niemand ist weit und breit zu sehen. Wie ausgestorben liegt die Stadt da, nur in der Ferne flackern ein paar Lichter hinter den Fensterscheiben. Ich halte den Stapel Kopien in der Hand, meinen Aufruf zum Ende der Untätigkeit, das Ende meiner Untätigkeit. Ich fange an, sie in die Briefkästen der Häuser zu schieben, arbeite mich von Haus zu Haus, die Straße herunter, die Straße herauf, um die Ecke. Noch neunzig Kopien, achtzig, siebzig. Ich laufe über eine einsame grüne Ampel, zur anderen Straßenseite, sechzig Kopien noch, fünfzig. Ich stelle mir vor, wie die Menschen reagieren werden, morgen früh, wenn sie ihre Briefkästen öffnen. Überrascht? Interessiert? Genervt? Vierzig, dreißig, bald habe ich es geschafft. Ob sie darüber nachdenken werden? Ob sie etwas verändern werden? Zwanzig Kopien noch. Immer öfter muss ich gähnen, stundenlang bin ich, so fühlt es sich an, schon unterwegs. Zehn noch. Meine Füße beginnen, weh zu tun. Dann halte ich die letzte Kopie in den Händen und beschließe, es mitzunehmen, als Erinnerung. Morgen früh hänge ich es auf, über meinem Schreibtisch. Ein Zeichen dafür, dass ich etwas tun kann, etwas verändern kann, auch, wenn es nur etwas Kleines ist. Dann gehe ich nach Hause, zurück in mein Zimmer, zurück in mein Bett, schlüpfe wieder in meinen Schlafanzug und falle endlich, endlich zurück in mein Bett. Todmüde, aber glücklich. Zwei Sekunden dauert es, dann bin ich eingeschlafen.

Nachricht an alle: AUFWACHEN!

Du denkst, der Klimawandel beträfe dich nicht? Du denkst, dass sei noch weit weg?
FALSCH. Ein Beispiel:

Durch den Klimawandel wird das Wetter in Deutschland trockenen und heißer. Cool, denkst du, dann kann man gut ins Freibad gehen? FALSCH.

• in so heißen Sommern gibt es europaweit mehrere Zehntausende Hitzetote
• die Erwärmung der Meere führt u.a. dazu, dass sich Blaualgen vermehren und in der Ostsee statt Menschen demnächst tote      Fischleichen schwimmen
• an der Nordsee dagegen wird der Meeresspiegel stark steigen, zu Überschwemmungen und Sturmfluten führen
• gibt es im Sommer zu wenig Regen, ist das problematisch für unsere Landwirtschaft und so können z.B. die Ernten weniger ertragreich sein

Nimm den Klimawandel ernst! Und vor allem mach’ etwas dagegen!!!
Ein paar Ideen:
• Lass das Auto stehen. Nimm öffentliche Verkehrsmittel, dein Fahrrad und geh kurze Strecken doch einfach mal zu Fuß?
• Iss weniger Fleisch. Kaufe saisonale und regionale Lebensmittel, die aus der Nähe kommen und nicht so lange Strecken hinter sich haben. Kaufe nur so viel, wie du wirklich brauchst, damit Du die Lebensmittel später nicht wegschmeißen musst.
• Sortiere deinen Müll (ja, das bringt was!), sodass er recycled werden kann. Besser noch: Versuche doch mal, weniger Sachen zu kaufen, die in Plastik verpackt sind. Nimm eine Tasche zum Einkaufen mit.
• Frage Dich, ob Du wirklich immer neue Sachen kaufen musst oder ob man alte nicht reparieren kann. Geh weniger shoppen (Denn: wusstest Du, dass man für die Herstellung eines T-Shirts 15.000 Liter Wasser benötigt?!)
• Spare Energie. Dreh die Heizung etwas runter, mach das Licht aus, wenn Du es nicht brauchst. Noch besser: Wechsel den Stromanbieter: Öko-Strom ist mittlerweile z.T. sogar günstiger.
• Musst Du mehrmals im Jahr in den Urlaub fliegen? Besonders Kurzstreckenflüge produzieren unheimlich viel CO2!! Kannst Du bitte weniger fliegen, für’s Klima?

FANG HEUTE AN. NICHT MORGEN. NICHT ÜBERMORGEN. MACH’ WAS: JETZT.

Mehr Infos zum Schreibwettbewerb