Was bleibt übrig, wenn…

Beitrag zum Schreibwettbewerb Morgengrün von Anka Lisa, 19 Jahre

Eiskalte Finger umschlingen leere Pfandflaschen,
Ein müdes Lächeln gilt dem zotteligen Hund,
Ebenso Leere Gesichter, leere Teller, leere Taschen,
Kein Klimpern im Kaffeebecher, die Haut rot und wund.

Was bleibt übrig, wenn wir weiterzusehen, wie andere zu Grunde gehen und um Erbarmen flehen?

Anpreisungen weniger Euros locken zum Kauf,
Sie flanieren auf prall gefüllten Einkaufsstraßen,
Vorbei an leeren Kaffeebechern, Leid zuhauf,
Tragen Kleidung von Näherinnen, die sie vergaßen.

Was bleibt übrig, wenn niemand zuhört, sich auflehnt und rausgeht in diesem Jahrzehnt?

Tüten häufen und Becher stapeln sich,
Strohhalme ertränken unser Meeresglück,
Der Ozean einer endlosen Müllkippe wich,
Sekundenwut vergeht, scheinbar kein Zurück.

Was bleibt übrig, wenn alle Coffe to go lieben, guten Gewissens Kleidung abschieben, bei eingestaubten Meinungen blieben?

Grüner Wald weicht einem Tagebau,
Ein riesiges Loch, eine klaffende Wunde,
Viele Braunkohlegegner machen Radau,
Der Hambacher Forst in aller Munde.

Was bleibt übrig, wenn die Bagger weiter Wurzeln aus- und Häuser abreißen, wenn tausende Stimmen ungehört bleiben?

Schaulustige stehen sich die Füße platt,
Kinder drücken ihre Nasen gegen Glasscheiben,
Löwen, Geparden und Pinguine haben es satt,
Niemand fragt sie oder beendet das unrechte Treiben.

Was bleibt übrig, wenn wir schweigen, sorglos unsere Hunde, Katzen streicheln während andere Tiere leiden?

Deutsches Leitungswasser schmeckt mir nicht,
Will lieber Sprudelplastik vom Discounter trinken,
Obwohl dafür mehr als ein Konzern mit Ethik bricht,
Unser aller Wasser privatisiert - Captain, wir sinken.

Was bleibt übrig, wenn sauberes Trinkwasser ein Luxusgut bleibt, das nie für alle ausreicht?

Sie konsumieren gern, die Tüten tragen schwer,
Den Kopf noch leer, das Gewissen noch rein,
Rote Schildchen, 50%, 3 für 2 – wollen immer mehr,
Aber muss das wirklich jedes Mal aufs Neue sein?

Was bleibt übrig, wenn Gleichgültigkeit siegt, man sich ständig neu verliebt, und einem nichts mehr Genugtuung gibt?

Zufluchtsuchende kommen zu uns nach Deutschland,
Fliehen vor Krieg und Hass - nur Hoffnung, kein Neid,
Obwohl ihre Abschlüsse werden fast nie anerkannt,
Manche heben den rechten Arm, suchen Streit,
Und suhlen sich im Selbstmitleid.

Was bleibt übrig, wenn niemand mehr Grenzen aufsprengt, Mauern einreißt und entrüstet aufschreit?

Ein grobes Stück Teewurst, Salami oder Backfisch,
Von gierigen Mündern schnell verschlungen,
Vom „Bauern nebenan“ direkt auf unseren Esstisch,
Dazwischen ein großes Fragezeichen, Tierhaltung misslungen.

Was bleibt übrig, wenn Geschmack vor Ethik steht, wenn Tiere eingepfercht in Ställen darauf warten, auf deinem Grill zu braten?

Menschlichkeit. Menschlich sein. Mensch sein.

Was bleibt übrig? Bleibt was übrig? Übrig bleibt was?

Nichts bleibt übrig, wenn wir nicht hin- sondern wegsehen,
Unsere Augen stetig abwenden vom aktuellen Geschehen,
Und uns weigern zu handeln, immer nur stillstehen.

Was bleibt übrig? Bleibt was übrig? Übrig bleibt was?

Nichts bleibt übrig, wenn Wälder weichen für Geld,
wenn leeren Mägen leere Augen folgen – wo ist dann unser Held?
Kein Retter uns erhellt, niemanden der euch, uns Schuldige stellt.

Was bleibt übrig? Bleibt was übrig? Übrig bleibt was?

Nichts bleibt übrig, wenn wir unsere Menschlichkeit begraben,
immer wieder bewusst menschlich versagen
und niemals wahrhaftig das Menschsein wagen.

Aber was, was bleibt dann übrig?
Er, sie, ihr, du, ich – wir. Wir, sonst nichts.
Nur wir können retten, was noch übrig ist von dieser Welt.

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Autorin / Autor: Anka Lisa, 19 Jahre