Die perfekte Welt

Beitrag zum Schreibwettbewerb Morgengrün von Lilith Diringer, 18 Jahre

Perfekte Welt – schwer zu definieren, was sag ich mehr als unmöglich
keine einheitliche Meinung – was ist es überhaupt? Vielleicht wirklich nicht nötig
Perfekt – ein sehr seltsames Wort.

Fragt man ein Kind, ist es eine Welt, in der es selbst regiert,
in der es Süßigkeiten umsonst gibt, in der es niemals verliert,
an jeder Ecke wird Cola ausgeschenkt,
und die Schule ist abgeschafft oder soweit umgestellt,
dass sich die unbequemen Stühle in Sofas und Sessel verwandeln und die Lehrer in lustige Spaßmaschinen
Eine Welt, in der sie wie Charlie in der Schokoladenfabrik durch Landschaften aus Zuckerguss hüpfen,
aus einem Schokoladenbrunnen trinken, sich nie mehr selbst etwas kaufen müssen –
- und nichts als Abenteuer erleben.

Es ist absurd – nahezu grotesk,
was alles an Serien und Filmen, Romanen und Kurzgeschichten aus dem Boden sprießt.
Als ob sich Perfektion in jedem billigen Wochenmagazin nachschlagen ließ.
Wir machen uns scheinbar also Gedanken zu diesem Themengebiet
– und doch lebt niemand in einer perfekten Welt – wirklich kein einziger von uns.

Meint perfekt eine Welt ohne Kriege
Ist perfekt eine Welt ohne Unterschiede,
voll von Millionären, leer von Arbeitern und Sklaven
In der es nichts macht, jeden Morgen zu verschlafen?
Ein Schlaraffenland, in dem man nichts tun muss und nichts als bedient wird
Ist es wirklich der reine Wohlstand, bei dem man nichts mehr verliert? 
In der das Glück bis hin zur Perfektion getrieben und man Jedem alles erlaubt,
sodass nie mehr weder Geld noch Zeit geraubt?

Vielleicht war es früher perfekt, bevor die Entwicklung des ersten Menschen geschah,
die Mikroorganismen gemächlich, langsam und friedlich in ihren Gewässern lebten
und erst nach einiger Zeit das Chloroplast und das Mitochondrium nach einem gemeinsamen Leben als Ur-Eukaryot strebten,
– die Bildung der ersten Zelle nach moderner Vorstellung hatte damit begonnen,
Hat die Welt dadurch wohl an Perfektion gewonnen?  Umstritten.

Vielleicht war es immer noch perfekt, als sich die ersten Menschen entwickelten: Gelebt, wie sie wollten,
in ihrem Stamm zusammengehalten,
sind auf die Jagd gegangen,
haben die erstbesten Hirschvorfahren gefangen,
haben Beeren gesammelt, untereinander geteilt,
gemeinsam um ein Feuer verweilt.
Damals lebten die Menschen noch im Hier und Jetzt
und nicht im Gestern oder Morgen,
konstruierten sich nicht irgendwelche übertriebenen Sorgen,
während sie es versäumen,
die Augen zu öffnen. Statt zu erleben, was gerade um sie herum passiert, lieber träumen,
- Wie wir es tun

Aber: Wie wäre die Welt perfekt? Was bedeutet perfekt – für uns selbst?
Es wäre eine Welt, in der man nicht auf dem Boden liegen bleibt,
wenn das Schicksal einem einmal wieder die Pläne und gerade frisch gebauten Luftschlösser zerreißt,
– sondern jeder Einzelne lernt, ein Stehaufmännchen zu werden
und sie neu zu bauen – seine eigenen Träume eben nicht zu verderben.

Eine perfekte Welt, in der nicht jeder zum Schönheitschirurgen rennt,
weil die Hormone es während der Pubertät verpennt,
haben, die Brüste mehr als Körbchengröße B aufzublasen,
und sie jetzt angeblich zu klein ausfallen
– Operationen, nur um der Männerwelt noch besser zu gefallen.
In der nicht 90 % der Bevölkerung noch leben in der Perversion,
in doppel D äußere sich die weibliche Perfektion.

In der man sich auch nicht unters Messer legt,
nicht nur nach spiegelglatten Hautflächen strebt.
wenn sich langsam die ersten Falten bilden. Sondern stattdessen, in der Menschen stolz auf ihren Körper sein können, stolz auf ihre Falten,
denn sie sprechen Bände – von glücklichen Zeiten;
Schließlich ist es nicht weinen, das die Haut faltig macht,
sondern sie zeigen, wie häufig man hat gelacht.

In der jeder gerne lebt – nicht nur mein ich- Egoist –
Nicht jeder sofort seine Mitmenschen vergisst,
und ich auch Abstriche mache, mich an der ein- oder anderen Luxusgewohnheit einschränke,
ich andere auch an Nicht-Geburtstagen beschenke,
und regelmäßig an ihr Wohlergehen denke.
Eine Gesellschaft, in der nicht alle Lebensmittel die man erwirbt,
so verseucht sind, dass man Angst haben muss, dass es einem den Geschmack verdirbt,
entweder vollkommen in Aromastoffen und Zucker oder in Pestiziden gebadet,
sodass es der Gesundheit auch garantiert schadet,
Dann in stinkendem Plastik eingepackt in die Regale gequetscht, um zu Hause dann im Müll landen zu dürfen, nachdem sie auch noch dem Kühlschrank seine letzte Kraft entzogen,
und die Verbraucher in Hinblick auf das Verfallsdatum angelogen,
die diesem Druck aber noch Glauben schenken.
Und nicht bedenken,
dass Haltbarkeit nicht auf Montag um 8:53 und 3 Sekunden festgelegt werden kann.

In der es nicht jedem Einzelnen darum geht, am meisten Profit von allen zu machen, die
beste Strategie zu entwickeln, die Kunden zu belügen,
ohne dass sie es bemerken und ohne nachweislich zu betrügen
- sondern der Gesellschaft zum Glücklichsein zu verhelfen. 

Sprich: Eine Welt, in der das *Bruttosozialglück* zählt
und nicht alle Handlungen am BIP gemessen,
Gefühle und Zufriedenheit nicht mehr vergessen,
in der sich nicht jeder ständig verwählt,
sondern zufrieden sein kann mit seinem eingeschlagenen Weg.

Perfekt bedeutet, das gesunde Mittelmaß zu finden,
zwischen, sich um sich selbst zu kümmern und um andere, zu viel und zu wenig, richtig zu
verbinden,
sich einzumischen und sich doch zu enthalten,
etwas zu kontrollieren, dabei aber noch genügend Freiheit zu lassen, und nicht alles alleine
zu verwalten,
streng zu sein, dabei aber auch immer freundlich – und das nicht nur als Fassade.

Perfekt wäre folglich eine Welt aus Kompromissen,
aus in die Zukunft blicken und Altes vermissen,
ob das jemals möglich?
Die Erkenntnis wirklich unerträglich,
denn – die Chancen auf Erfolg stehen nicht gerade gut.

– auch wenn ich keine Pessimistin bin.
Doch halt!

Vielleicht wäre es auch jetzt perfekt. Wenn wir uns auf uns konzentrieren und nicht dauernd
in die Angelegenheiten Anderer einmischen, wenn wir uns mit dem zufrieden geben, was wir
haben und damit aufhören,
ununterbrochen mehr, oder etwas anderes zu verlangen, andere in ihrem Frieden zu stören,
wenn wir uns nicht immer beklagen würden, sondern das Glas einmal halb voll und nicht
halb leer sehen– vielleicht wäre die Welt auf ihre Art perfekt, wenn wir nur dazu bereit
wären,
es zu erkennen.

Wobei: Perfektion, Vollkommenheit, Unfehlbarkeit; ein Zustand, in dem Verbesserung
unmöglich,

ist das wirklich nicht schädlich?
Muss es nicht immer eine Steigerung geben?
Muss nicht uns jederzeit ein Ziel vor Augen schweben?
Perfektion - wahrscheinlich die schwachsinnigste
Innovation -
der Neuzeit.

Einfach gesagt, noch einfacher kurz daran zu denken –
und doch ist die Realität so unglaublich weit davon entfernt, uns Zufriedenheit zu schenken,
Denn das Perfektdenken
jedes Einzelnen zerstört die Perfektion der gesamten Gesellschaft. Sie stirbt an sich selbst. Zerbricht an ihrer Eitelkeit.
Wird es in Zukunft besser aussehen? Wir können nicht in die Zukunft fliegen
– aber wir können versuchen, jetzt etwas zu verändern und hoffen, dass wir in der Zukunft Belohnung dafür kriegen.
Denn das ist die wirkliche Perfektion – nie die Hoffnung zu verlieren – jeder seine eigene.

2016-2018

Mehr Infos zum Schreibwettbewerb

Autorin / Autor: Lilith Diringer, 18 Jahre