Damals auf der Erde

Beitrag von Lea Kardov, 15 Jahre

Ich seufzte leise auf. Die Sonne schien prall auf den überkuppelten Stadtpark, der sich an der dreiundzwanzigsten Straße des Familien-Viertels des Mars befand. Man konnte sie zwar nicht sehen, da das Glas unserer Stadt geschützt vor Infrarot-Strahlen war. Aber wenn man einen Moment inne hielt, spürte man den brennenden Feuerball, der schon unsere Erde verschlungen hatte, sich langsam auf dem Schutzanzug - auch hier genannt Zweite Haut -  breit machen. Es herrschte ein Tumult auf den siebenspurigen Gehwegen. Kinder, die sich von einem Ort zum nächsten teleportierten und Beam mich doch spielten. Eltern, die eilig ihr Mittagessen mit der App zu sich nahmen und Rotkehlchen, die leise zwitscherten. Ich speicherte das letzte Arbeits-Update auf meinem neuen Hirnspeicher. Und stellte mein I-Phone 33 auf stumm. Genoss die gefilterte Luft und schloss für einen kurzen Moment meine blauen Augen. Bis mich eine kleine Patschehand wieder aus meinen Flugmodus nahm,

"Lucy?", fragte ich aus mütterlicher Intuition.
"Ja Mama? Ich will nicht mehr spielen. Spielen ist doof. Lara hat mich von der Schaukel in die Pfütze teleportiert", meckerte die Achtjährige und zeigte auf die Wasserflecken an ihrer zweiten Haut. Ich gab ein schiefes Grinsen von mir und zog eines ihrer Lieblings-Bonbons aus meinem Handtaschen-Automat.
"Komm Liebes. Setz dich doch zu mir und verbring mit mir meine Mittagspause bis ich wieder zu meiner Hirn-Abendschicht muss. Wir können auch über deine Lieblings-Superhelden diskutieren?" schlug ich vor. Und fast keine Achtjährige würde dazu nein sagen. Das war mir bewusst. Denn alle Achtjährigen mochten Superhelden.
"In Ordnung Mama. Aber nur wenn wir heute über etwas anderes sprechen können?" gab Lucy aufgeregt von sich und setzte sich neben mir auf die Parkbank. Ich seufzte auf und suchte in meiner Speicherplatte nach Themen, die Kinder interessieren.
„Alexa, was haben wir heute?", dachte ich und in meinen Gedanken und in meinem Kopf kamen Bilder von der neusten Zweiten Haut, Kleidern, Hydro-Keksen und die Sesamstraße, die seit ihrer neuen Besetzung aus Robotern nicht mehr halb so gut war wie einst. Aber der Bürgermeister Old Henry entschied sich wegen der Gleichberechtigung von Mensch und Maschine dafür.

"Nicht schon wieder Mama", mahnte mich Lucy, "wieso musst du immer so langweilig sein und auf deine Suchmaschine hören?" meinte meine Tochter, die den gleichen eigensinnigen Willen ihres Vaters hatte.
"Ach was? Ich dachte, du magst Alexa doch?" schnaubte ich und schaltete meine Verkabelung, die mich mit fast dem ganzen Leben hier verband auf Standby. Damit sie nicht sauer wurde.
"Über was sollen wir reden?", fragte ich sie und schob eine Strähne ihres wilden braunen Haars hinters Ohr.
"Über früher."
"Früher?".
"Ja von ganz ganz früher", sagte sie und lächelte durch ihre Zahnlücken.
"Wie weit früher?" fragte ich vorsichtig und verbiss mir eine Bemerkung, dass ich es nicht mochte über diese Zeit zu sprechen. Denn es verletzte mich. Da ich sie vermisste und es doch nicht zulassen durfte in meiner Seele einen Virus zu bekommen.
"Wirklich das Zeitalter?" murmelte ich und sie nickte.
"Na gut, aber nur kurz meine Liebe. Du weißt doch, dass die Leute es hier nicht mögen, wenn man darüber spricht."
"Wieso nicht Mama?"
"Weil es ihnen weh tut, meine Maus", meinte ich leise und scharrte mit den Schuhspitzen auf dem Kunstrasen. Manchmal, aber nur manchmal vermisste ich es mit den Schuhen im Schlamm zu laufen. Und die Nässe zu fühlen, die unter die Sohlen kroch.
"Okay dann los?"
"Mama, wieso sind wir eigentlich hier?" fragte sie mich. Es war die Frage, die mich im Leben am meisten begleitet hatte. Ich hatte mir schon etliche PDF dafür ausgelegt, aber hatte immer Angst, dass diese eine Frage von Lucy kommen würde, wenn sie älter werden würde.
"Weil nun ja…" setzte ich an und schluckte bevor ich weitersprach.
"Weil das unser Job ist", beendete ich den Satz.
"Auf dem Spielplatz zu sein und Bonbons zu essen?"
"Nein, ich meine, es ist unser Job, hier eine Welt entstehen zu lassen, meine Kleine. Wir waren die glücklichen Auserwählten", stotterte ich. Lucy nickte.
"Und wieso Daddy nicht?" fragte sie mich und ich biss mir fast meine Zunge ab. Mein Herz begann zu rasen und am liebsten hätte ich ihr einer dieser Robo Nannys an den Hals gepackt damit sie endlich aufhörte mit den Fragen.
"Weil er seinen Job dort auf der Erde hatte, ich meine hat", verbesserte ich mich gleich und sah ihn vor meinen Augen. Er war immer dagegen weg zu gehen. Er wollte niemals weg von dem Blauen Planeten. Deshalb blieb er auch bis zum Ende. Es gab nur für jede hundertste Familie zwei Tickets zum Mars als der Zeitpunkt kam.
"Das ist unfair" murmelte sie leise.
"Ja, mein Schatz leider."
"Was vermisst du am meisten Mama?" fragte sie mich und ich fühlte das Kribbeln eines Lachens in meinen Bauch.
"Oh, den Geruch von Sommer. Das Gefühl von Wind zwischen den Haaren. Und nicht fliegende Autos. Das Gefühl von Neugier und Bäume, auf die man klettern kann. Aber am meisten vermisse ich deinen Daddy", erzählte ich ihr und sie hielt meine Hand in ihrer.
"Ich dachte, es ist dein Job, den Virus zu fangen", meinte sie und ich nickte. Früher nannte man das Polizist. Aber nun gab es nur noch Kriminalität in der Technik.
"Ja, aber unser hauptsächlicher Job ist es hier zu sein", flüsterte ich und sah in die Ferne, die irgendwo zwei Straßen weiter aufhörte.
"Das ist ein blöder Job. Manchmal da möchte ich am liebsten in unsere Rakete einsteigen und zur Erde zurück, auch wenn ich dort nie drauf war", jaulte sie und ich versuchte, nicht zu nicken.
"Doch du warst dort. Für Zwei Jahre und dann waren wir dreihundert Jahre im Schlaf bis alles hier in Ordnung war", erklärte ich und sie fragte mich nun nach einer Tatsache.
"Du bist immer noch kompliziert Mama. Nun was ist unser Job wirklich?"
"Zu leben mein Kind. Zu Leben und zu errichten", sagte ich bevor ich mich wieder ankapselte und in meinen Job als Viren-Sucherin an meine Festplatte anschloss.

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Autorin / Autor: Lea Kardov, 15 Jahre