Die brüllende Leere

Kurzgeschichte von Jessica Gronert, 17 Jahre

Ein Ehepaar sitzt gemeinsam auf der Couch. Das Wohnzimmer wird von Licht durchflutet. Alles in dem Raum ist weiß und kahl. Nur eine Orchidee und die kleine Gießkanne auf der Fensterbank bringen etwas Frische und Abwechslung.
„Ach John, kannst du dir vorstellen, dass es eine Zeit ohne Roboter gab?“, Ashley spricht ohne von ihrer multifunktionalen Messenger-Game-Fernbedienung aufzusehen, weil sie kurz davor ist, den Rekord ihres Lieblingsspiels „Seilspringen“ zu knacken.
„Ja, ja“, brummt John, während er durch seine VR-Brille hautnah einem Roboterfußballspiel zusieht. John interessiert sich nicht für die Vergangenheit. John interessiert sich für Roboterfußball.
„Du hörst mir gar nicht zu!“, schimpft Ashley und bricht ihr Spiel ab, ohne den Rekord geknackt zu haben. Ganz instinktiv drückt sie eine violette Taste auf ihrem Gerät mit der Aufschrift „Wut“. Bob, ihr leibeigener Roboter, kommt sofort und stampft kräftig mit seinem metallenen Fuß auf den Boden, um ihren Worten und ihrer Niederlage Ausdruck zu verleihen.
„Danke Bob“, Ashley grinst ihren Blechdiener verstohlen an.
„Sehr gerne“, antwortet dessen programmierte Stimme.
„Ach wie schade, dass Roboter und Menschen nicht gleichgestellt sind“, sie beißt sich auf ihre Unterlippe und sieht rüber zu ihrem Mann, der ihr Gesagtes nicht gehört hat. Sein Lieblings Torwart ließ gerade ein Ball durch die Latten gehen. Er seufzt und lehnt sich auf der Couch zurück.
„Früher gab es keine Roboter“, wiederholt Ashley aus purer Langeweile. Sie weiß, dass ihr Mann zu dieser Zeit kaum ansprechbar ist. Gähnend drückt sie die orangenfarbene Taste mit der Aufschrift „Massage“.
Schon seit Ashley denken kann, verabscheut sie das automatische Roboterprogramm, welches ihre Fernbedienung überflüssig machen würde. Sie möchte selbst und manuell bestimmen, wann und was ihr Diener macht. Mittlerweile weiß sie genau, wo welche von den tausenden Tasten zu finden ist. Alle haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, wie nichts anderes auf dieser Welt. Manchmal benutzt sie ihre Fernbedienung sogar im Schlaf.
Schnurstracks setzt sich Bob in Bewegung. Er stellt sich hinter die Dienstgebende und beginnt ihre Schultern zu durchkneten.
„Danke Bob“
„Sehr gerne“
Wärme durchströmt ihren Körper. Die Berührungen tun ihr gut, auch wenn sie etwas grobmotorisch sind. Sie fragt sich, wann das Nächste Update herauskommt. Das letzte liegt schon eine Weile zurück. Die VR-Brille zeigt nun eine Werbepause. John flucht. Jetzt muss er sich wohl doch mit seiner Frau unterhalten, die seine leicht vergrämte Grimasse dank der Brille nicht sehen kann.
„Früher haben sich die Menschen gegenseitig massiert“, beginnt Ashley das Gespräch, während John die Brille absetzt. Er nimmt sich Widerwillens vor nett zu sein: „Ach so?“
„So zeigten sie sich ihre Gefühle“
„Was du alles weißt!“
Ashley drückt die rote Taste mit der Aufschrift „Abbruch“. Bob lässt sie los und schreitet zu seiner Ladestation.
„Früher mussten die Menschen selbst arbeiten“, fährt die Gattin fort.
„Was arbeiten?“
„Alles arbeiten“
„Ach so?“
„Damals gab es keine Roboter“
„Was du alles weißt!“
Das Ehepaar hatte lange kein solch themenhaltiges Gespräch mehr geführt. Ashley fühlt sich wie beflügelt und setzt sich aufrecht hin: „Ich möchte es auch mal versuchen!“
„Was versuchen?“
„Das Arbeiten!“
„Das Arbeiten?“, John ist wie vor den Kopf gestoßen. Hatte Ashley vergessen, sich von Bob ihre Pillen geben zu lassen? Er selbst nimmt sie regelmäßig und gewissenhaft ein. Seine Frau weigert sich gelegentlich, was John nicht verstehen kann.
Ashley steht auf. Sie möchte etwas machen. Etwas anpacken. Arbeiten. Nur was? Sie dreht sich einmal im Kreis und untersucht den leeren Raum. Zum ersten Mal wird ihr bewusst, wie karg und trostlos ihr Zuhause ist. Etwas Schweres, Belastendes legt sich auf ihre Brust. Ein unbekanntes Gefühl. Seltsam und aufregend zugleich. Zu ihrem schweren Herzen mischen sich plötzlich auch Gefühle des Stolzes. Sie freut sich darüber, Bob heute Morgen ausgetrickst zu haben, was die Tabletteneinnahme betrifft. Überagende Glücksgefühle durchfluten ihren Körper. Ihre Haut kribbelt. Ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie dreht sich weg von ihrem Mann, um ihre verbotene Rührung geheim zu halten. Kaum merklich wischt sie sich die Tränen, mit einem Ärmel ihres Pullovers, von den Wangen und versucht ihren immer schwerer werdenden Atem zu regulieren, der sie verraten könnte. Gerade noch rechtzeitig erinnert sich Ashley an ihr Vorhaben. Tatenfreudig klopft sich auf die Oberschenkel. Entschieden geht sie rüber zur Fensterbank auf der die duftende Orchidee steht. Das einzige Objekt in diesem Raum, das sie ansprechend findet.
„Ich habe schon oft beobachtet, wie Bob die Blume goss. Ich will es nun auch versuchen“, verkündet sie mit bebender Stimme. Mutig greift sie nach der daneben stehenden kleinen Gießkanne. John bemerkt nicht, wie es um seine Frau steht. Er denkt schlichtweg an die Gesetze und weiß mit einem Mal gar nicht mehr wo sein Kopf steht. Schnell springt er auf und schreit: „Halt!“
Der Emotionsscanner an der Decke wittert die angespannte Lage. Das Gerät sprüht die Droge, die Ashley am Morgen umgehen konnte in die Luft. Sie gelangt ohne Umschweife in die Atemwege des Ehepaars.
„Warum halt?“, fragt Ashley leicht benebelt.
„Du weißt nicht was du da tust!“
„Was ich da tue?“
„Ja... Was du da tust...“
„Ich... Ich arbeite“
Ashley spürt ihre überragenden Emotionen weichen und Leere ergreift erneut Besitz von ihr.
„Aber was ist, wenn du ihr zu viel Wasser gibst und sie ertrinkt?“, fragt ihr Gatte vorsichtig.
Wie in Trance stellt Ashley die Gießkanne ab.
„Oder wenn du ihr zu wenig gibst und sie verdurstet?“, bohrt er weiter.
Ashley lässt die Gießkanne los. Kleine Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn.
„Sie wird sterben“, haucht sie und schaut bestürzt auf ihre Hände, die kurz davor waren zu arbeiten.
„Es hat einen Grund, warum das die Aufgabe des Roboters ist. Bob ist perfekt. Wir dagegen machen Fehler“.
„Du hast Recht John. Was habe ich mir nur gedacht?“
Ashley drückt die grüne Taste mit der Aufschrift „Gießen“. Bob kommt sofort und greift nach der Kanne. Die Werbepause der VR- Brille ist vorbei.

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Autorin / Autor: Jessica Gronert, 17 Jahre