Hart, smart, Salat

Kurzgeschichte von Christina Mikalo, 25 Jahre

2001

„Jeannine, sei so gütig und trag‘ die letzte Strophe der Fabrik von Gerrit Engelke vor.“
„Tag und Nacht: Lärm und Dampf,/Immer Arbeit, immer Kampf:/Unerbittlich schröpft das Moloch-Haus/Stahl und Mensch um Menschen aus.“
„Sehr schön. Du hast eine sehr angenehme Stimme, Jeannine! Perfekt zum Vortragen.“
„Herr Sommer? Möchten Sie nicht meine Gedanken über das Gedicht hören?“
„Nun, Jeannine...na gut, schieß‘ los.“
„Ich finde es sehr wichtig, dass Engelke die strapaziösen Arbeitsbedingungen, die seiner Zeit in der Fabrik herrschten, anprangert. Die Gleichförmigkeit, Rastlosigkeit und Omnipräsenz der Arbeit sind Herausforderungen, vor denen wir auch heute noch stehen.“
Im Klassenzimmer bricht Gemurmel aus.
„Strap–was? Hat sie was mit Strapsen gesagt?“
„Nun Jeannine“, wiederholt Herr Sommer und schiebt seine Brille zurecht, die, wie Jeannine findet,  mit ein paar Hightech-Funktionen ausgestattet werden könnte. Automatische Verzeichnung der Antworten der Schülerinnen und Schüler zum Beispiel, damit der Lehrer am Ende des Schuljahrs sieht, wer durchweg klug und wer dumm war, und leichter benoten kann.
Das wäre doch smart.
„Dass die Arbeit eine große Monotonie birgt, ist der Preis, den jeder von uns zahlen muss“, fährt Sommer fort. „Ich meine, ohne Plackerei gäbe es keinen Grund für Entlohnung, nicht wahr?“ Er lächelt. „Du wirst das sicher später merken, wenn dich deine Kinder am Ende eines anstrengenden Tages anlächeln.“
Jeannine ist sprachlos. Hätte sie eine smarte Brille, wüsste sie, welche Note sie Sommer geben würde.


2022

„Arbeit in Zukunft ist jene Leidenschaft, die sich selbst bezahlt“, steht auf der Innenwand des Bürogebäudes. Auf ihr klebt auch ein Siegel: „Für diese Wand wurden ausschließlich nachhaltige Rohstoffe verwendet.“ Es macht mir Hoffnung.
Aufgeregt erklimme ich die Stufen zum Büro der Chefin.
Als ich nach einem Klopfen eingelassen werde, fühle ich mich wie in der Werkstatt von Daniel Düsentrieb: Überall stehen SoBos. Bei ihrem Anblick schießt mir der Werbe-Jingle in den Kopf: „Mit Noah haben meine Kinder im Handumdrehen Sprechen gelernt! Ohne Florence wüsste ich nicht, wie ich mich mit Medikamenten versorgen sollte! Vor Paul gab es jeden Tag Pizza. Jetzt ernähre ich mich gesund! Danke, SoBos!“
SoBo ist die Kurzform für „Social Robots“  – Haushaltshilfen, die die Firma seit einem Jahr herstellt. Mein Blick klebt an ihnen, bis eine Stimme fragt: „Sie richten Ihre Aufmerksamkeit gleich auf das Wesentliche?“
Zu meiner Überraschung steht die Chefin neben mir. Hat sie nach Noah, Florence und Co. nun auch noch das Teleportieren erfunden?
Ich strecke die Hand aus. „Frau Dü-, äh, Hopp.“
Sie ergreift sie. Lächelnd. „Angenehm, Frau Gudelle.“
Hopp trägt diesen Gesichtsausdruck, der sagt: „Ich will etwas für die Gesellschaft erreichen.“ Ich kenne ihn, weil ich ihn jeden Morgen im Spiegel sehe.
„araþi“, sagt Hopp. „Das war doch das griechische Wort, von dem Sie am Telefon meinten, dass sich davon unser Arbeitsbegriff ableitet. Heißt so viel wie ‚Mühsal‘ oder ‚Plage‘, nicht?“
„Fast – es kommt aus dem Germanischen“, entgegne ich. Ich wusste es: 12 Semester Germanistik zu studieren zahlt sich irgendwann aus.
„Ah. Okay. Ich bin eher ein Technik- als ein Sprachmensch.“ Wir setzen uns. Über Hopps Schreibtisch hängt ein eingerahmtes Gedicht. Etwas irritierend angesichts ihrer Aussage, sie sei kein Sprachmensch.
„Dafür denken wir ähnlich über Menschen und Arbeit“, fährt Hopp fort. Ich nicke. Hopp beugt sich vor.
„Entschuldigen Sie, sind das Smart Glasses, die Sie da tragen?“
„Was?“
„Schon gut“, sagt Hopp und lehnt sich zurück. „Nun schießen Sie mal los: Was ist Ihr Plan und wie sollen Ihnen meine SoBos dabei helfen?“


2030

„Vita, sei so nett und sag‘ mir, wie warm es heute wird.“
„25 Grad.“
Jeannine Hopp nickt und wendet sich vom SoBo ab, um die Zuschauergruppe zu fixieren. „Eine gute Temperatur, damit die Tomaten keimen“, verkündet sie. „Schauen wir sie uns an.“ Die Gruppe macht sich mitsamt dem Roboter auf dem Weg zum Gewächshaus.
Wann immer sie auf diesem Berliner Hochhausdach ist, fürchtet Jeannine, dass Vita von ihm herunterfallen könnte. „Deine Sicherheit ist dir egal“, feixt Aleyna dann. „Aber die deiner Maschinchen...“
Vor dem Gewächshaus bleibt Jeannine stehen. „Da wären wir. Vita: Erklär‘, was hier wächst.“
Der Roboter schießt los: „Tomaten, Zucchini, Zwiebeln, Radieschen, Kartoffeln, Süßkartoffeln, Bohnen.“
„Und was machst du und was ich?“
„Ich stehe meist um 6 Uhr morgens im Gewächshaus und wässere die Pflanzen, während du noch im Bett schnarchst.“
Die Gruppe lacht.
„Außerdem stelle ich die Temperatur ein und vernichte Schädlinge – ohne Pestizide, damit keine Nutzinsekten getroffen werden. Dadurch kannst du dann ‚nachhaltig‘ auf das Gemüse schreiben, dass Aleyna zu solchen Spottpreisen verkauft, dass es sich eigentlich gar nicht lohnt.“
Mehr Gelächter. Jeannine ist zufrieden.
„Was Vita in ihrem, ähm, individuellen Charme sagt, ist, dass sie die nervigen Arbeiten verrichtet: das frühe Aufstehen, monotone Bewässern und Schädlingsvernichten. Dadurch habe ich Zeit, Energie und Geld, um kreativeren Tätigkeiten nachzugehen. Das macht Spaß, und nebenbei unterstützen meine Partnerin Aleyna Gudelle und ich die nachhaltige Entwicklung.“
Ein Mann in der Gruppe räuspert sich.
„Aber rentiert sich das?“, fragt er.
„Es reicht zum Leben, nicht zum Reichwerden“, entgegnet Jeannine achselzuckend. „Das ist es uns wert. Kennen Sie das Gedicht Die Fabrik von Gerrit Engelke? Es hängt in meinem Büro, weil es mich daran erinnert, wie ich nie arbeiten will: als Mensch, dem seine Ängste die Freiheiten nehmen.
Wir fürchten uns vor Burnouts und Billiglöhnen, Robotern, die uns die Jobs wegnehmen und Renten, die zu niedrig sind. Dabei vergessen wir, dass diese Szenarien nicht eintreten müssen. Es liegt in unserer Hand, die Arbeitswelt zu gestalten! Was wir dazu brauchen...“, Jeannine hält inne. Sie hat einen Geistesblitz. Endlich weiß sie, wie sie ihr neues Projekt umsetzen kann. 
Endlich würden die Smart Glasses kommen.
Endlich.
„...sind herausragende Ideen.“

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Autorin / Autor: Christina Mikalo, 25 Jahre