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Kurzgeschichte von Rita Lara, 17 Jahre

Es heißt, Roboter seien effizienter als Menschen. Vielleicht ist das wahr. Das bedeutet allerdings nicht, dass ich das einsehe.
Missmutig ziehe ich an Maradonas Leine. Er ist der vermutlich älteste und hässlichste Hund der Welt. Maja wollte damals unbedingt einen Hund aus dem Tierheim, und nach einigem Hin und Her hatte ich zugestimmt. Ihre Wahl fiel ausgerechnet auf den struppigsten Straßenköter von allen. Nachdem wir uns getrennt hatten, blieb er an mir hängen. Ironie des Schicksals.
Heute sollen es 45 Grad warm werden, und jetzt, um 7 Uhr morgens, beginne ich bereits zu schwitzen. Ich nehme mir mein Baseballcap ab und fächele mir damit Luft zu. Gleichzeitig binde ich Maradona an den nächstgelegen Pfahl im Schatten eines Baumes. Nach einem langen Blick aus seinen großen traurigen Augen legt er sich hin. „Tut mir leid, Kumpel“, sage ich entschuldigend, tätschele kurz seinen Rücken und weise auf das Hundeverbotsschild: „Da kannst du nicht rein.“
Ich werfe einen letzten Blick auf das langgezogene Gebäude, das sich vor mir erstreckt. Mit den schief entworfenen Fenstern und den umfassenden Glasflächen erinnert es mich ein wenig an das Tanzende Haus in Prag. Die Tatsache, dass es sich nicht um ein Hochhaus, sondern einen Flachbau handelt, sowie der große unheilvolle Schriftzug, der am Eingang des Gebäudes prangt, lassen meine Erinnerungen an den letzten Kurzurlaub schwinden.
Ich hole ein letztes Mal tief Luft, schlucke meine Wut hinunter und trete ein. Sogleich empfängt mich angenehme kalte Luft, verursacht durch die surrende Klimaanlage. Entschlossen gehe ich zum Empfang, nenne meinen Namen und meinen Termin. Ich muss noch kurz Platz nehmen, doch da ich heute der „glückliche“ Erste bin, werde ich kurz darauf aufgerufen.
Nach einigem Suchen finde ich die Tür mit der passenden Nummer. Wie sich nach dem Öffnen ebendieser herausstellt, befindet sich dahinter ein kleines Bürozimmer. An einem Schreibtisch in der Mitte des Raumes sitzt eine ältere Dame, vermutlich um die Anfang sechzig. Sie besitzt orange gefärbte Haare und farblich passende, neonfarbig lackierte Fingernägel. Auf ihrer Nase sitzt eine modische Brille mit rotem Gestell und einer befestigten Schnur. Sie tippt etwas an ihrem Computer ein, doch als sie mich sieht, hört sie abrupt auf.
„Guten Morgen.“
„Guten Tag.“ Sie nimmt eine Unterlage aus einer ihrer zahlreichen Schreibtischschubladen hervor und schlägt sie auf. „Sie müssen Herr…“
„Herr Schmitt“, antworte ich.
„Ach, genau, Herr Schmitt“, wiederholt sie, als ob sie mich kennen würde und den Namen nur unter den vielen anderen vergessen hätte. Aufmerksam liest sie sich die aufgeschlagene Mappe durch.
„Es kam zur Streichung ihrer Stelle, nicht wahr?“
„Ja.“ Ich spüre, wie mit einem Male die Wut zurückkehrt. „Ich war als Ingenieur der Elektrotechnik tätig.“
„Wie ich sehe, bei einer sehr renommierten Firma. Speed Electrics.“ Endlich blickt sie auf. “Unter welchen genauen Umständen kam es zur Streichung?“
Eigentlich könnte ich ihr das beantworten, doch sie hätte die Antwort wissen müssen. Wortlos krame ich in meiner Tasche. Ich ziehe die Zeitung der letzten Woche hervor und reiche sie über den Schreibtisch. „Seite dreizehn“, sage ich knapp.
Die Dame am Schreibtisch blickt mich kurz prüfend an, schlägt besagte Seite auf, lässt ihre Brille ein wenig nach unten rutschen -offenbar ist sie weitsichtig- und lugt über den Rand des Brillengestells hinweg auf die Zeitung.
Von der anderen Seite des Schreibtischs lese ich mit. Ich habe den Artikel schon gefühlte zwanzig Mal überflogen, wieder und wieder.

Schließlich ist sie fertig und gibt mir die Zeitung zurück. „Nun, das habe ich tatsächlich nicht mitbekommen. Haben Sie denn die Entschädigung der Firma angenommen?“
Ich schüttele den Kopf. „Sie belief sich auf 20.000 Euro. Ich habe abgelehnt und gekündigt.“
Die Dame am anderen Ende starrt mich an. „Oh.“ Dann nimmt sie sich einen neuen Ordner zur Hand. „Sehen wir uns einmal an, was es für Stellenangebote für ihren Tätigkeitsbereich gibt. Nein, da sind Sie unterqualifiziert… nein, das passt auch nicht. Nein… unpassend… Hm.“ Sie runzelt die Stirn. „Die Konkurrenz. Vielleicht das?“ Sie reicht mir ein ausgedrucktes Stellenangebot über den Tisch und besieht sich weitere Angebote.

Ich überfliege die allgemeinen Daten und komme zur Beschreibung des Unternehmen

Ich muss ein wenig schmunzeln. „Nein, ich denke, das ist nichts für mich“, sage ich ehrlicherweise.
Auch die Dame am Computer blickt leicht schmunzelnd auf, als sie mein leichtes Glucksen gehört hat. Zum ersten Mal fallen mir die Lachfältchen auf, die ihre Augen umgeben. Das macht sie um einiges sympathischer. Dann vertieft sie sich wieder in ihre Unterlagen und hält plötzlich inne. „Die entgeltliche monatliche Summe passt bei diesem Angebot. Ich weiß allerdings nicht, ob das wirklich etwas für Sie ist…“
„Worum handelt es sich?“, frage ich vorsichtig.
„Um eine Stelle im Schwarzwald.“

„Was?“ Ich spüre, wie mir die Kinnlade herunterfällt. Das ist doch völlig unmöglich…
Die Dame hinter dem Schreibtisch bemerkt meine Verwunderung und sieht mich ohne ein Zucken der Wimpern an. „Gibt es damit ein Problem? Ist es zu weit entfernt?“ Plötzlich wirkt sie mir gar nicht mehr so menschlich wie noch vor wenigen Minuten…
„Nein, nein… daran liegt es nicht. Mit dem Hochgeschwindigkeitszug wäre man ja in einer Stunde dort.“ Ich schüttele fassungslos den Kopf. „Nein, es ist eher die Tatsache, dass es sich um den letzten Wald Mitteleuropas handelt! Sind Sie sicher, dass Sie sich nicht verlesen haben?“
Die Angestellte sieht mich starr an. „Haben Sie es denn nicht in den Nachrichten gesehen?“ Als ich wiederum den Kopf schüttele, redet sie weiter: „Im Schwarzwald entsteht ein neues Industriegebiet. Viele Arbeitsplätze entstehen.“ Sie reicht mir das Stellenangebot, und zum ersten Mal fällt mir die unscheinbare Naht an ihrem Handgelenk auf.
„Was? Hier auch?“ Ich zucke zurück. „Man macht euch immer menschlicher.“
Sie beziehungsweise es folgt langsam meinem Blick. Nun verstehe ich, wieso sie mir die ganze Zeit so unmenschlich vorgekommen war…
„Nun, auch das war in den Nachrichten“, bemerkt der Roboter hinter dem Schreibtisch trocken, doch ich höre bereits nicht mehr zu.
Ich schnappe meine Tasche und renne hinaus zu Maradona.

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Autorin / Autor: Rita Lara, 17 Jahre