Stundenpensum erreicht

Kurzgeschichte von Mira Ménez, 15 Jahre

Er wird später gerne sagen, dass er mit dem Finden dieser Anzeige tatsächlich zu Denken begann. Ungeachtet dessen, dass sein Job aus Denken bestand. Was er meinte, war das Denken außerhalb, außerhalb des Rahmens, den sie jedem und allen geben. Den Menschen ihr Mantra der Wiedergutmachung und Prävention, das sie in ein System aus Effizienz zwängt, der künstlichen Intelligenz den Roboterkörper. Etwas, über das er sich stets lustig macht. Die Menschen erschaffen etwas, das die Funktion hat, nicht-menschlich zu sein und können ihnen trotzdem nicht einfach ein Knäuel zum Körper geben, sondern immer einen menschen-ähnlichen Körper. Als ob die künstliche Intelligenz die menschliche Anomalie nötig hätte. Oder die beschämend trivialen Aufgaben, an denen sie ihre künstliche Intelligenz verschwenden: Putzen. Und konfigurierte Daten in Einstellungen für die Fitness-Geräte umwandeln.

Ja, die Anzeige. Oder, die Datei wohl eher, die irgendwann einmal jemand eingescannt hat, um sie für ihn und nachfolgende Generationen zugänglich zu machen, unabhängig davon, ob sich das analoge Material wohl zersetzen würde.
Sie sagt: "SCHREIBWETTBEWERB: Werden Roboter in wenigen Jahren unsere Jobs haben? Oder wird Arbeit nur noch im Kopf stattfinden?"

Verrückt, findet er, wie fasziniert die Menschen damals vom Leben heute waren, genauso wie wie das Leben damals ihn fasziniert. Er stellt sich vor, wie die Menschen vor diesen antiken "Computern" hockten und verzweifelt nach Internet suchten, so wie die Inszenierung im Museum zeigte. Er konnte kaum glauben, was sich da auf dem Inneren seiner Kontaktlinsen abspielte. Leider wurde er von dieser gottverdammten (ein Wort, was er in archivierten Chatrooms von früher fand) Mahnung unterbrochen, er hatte sein Stundenpensum nicht erreicht. So wie jetzt. Sie blinkt rechts unten auf seiner elektronischen Kontaktlinse, etwas, was noch nerviger ist, als wenn sie einfach in der Mitte platziert wäre. Und so blinkt sie da, nicht wegblinzelbar und alarmiert den Teil von ihm, der zur Effizienz erzogen wurde, bombardiert ihn mit schlechtem Gewissen. Also hört er auf zu Denken und fängt an zu denken. Ruft Meldungen auf, die ihn auf virtuellen Pfaden zu den Problemstellen führen - es gibt immer Fehler im System und es ist seine Aufgabe, sie zu lösen.
Eine Stelle, die in Ordnung ist, natürlich würde er gerne zu den Digita°-Abteilung gehören, der Elite (wie sie von allen auf und unter seiner Etage in Neid und in Ehrfurcht genannt werden), die das Netz aus Information immer weiter spinnt, bis auch der Rest der Welt - beziehunsgweise was von ihr geblieben ist, angesichts der globalen Ein-Kind-Politik und der Folgen des Klimawandels - komplett vernetzt ist. Sie alle, sowohl er als auch die unter ihm als auch die Elite, folgen den zentralen Aufgaben: Wiedergutmachen und Präventieren. Ein Mantra, mit dem er aufgewachsen ist, leben und sterben wird. Das, was Vorfahren mit der Welt angstellt haben, wiedergutmachen und sichern, dass es nicht wieder zu den dramatischen Zuständen von früher kommt - dramatisch, wie es ihm die damaligen Statistiken versichern, und dennoch machten die Menschen weiter, bis es beinahe zur Apokalypse kam. Nun hält sich die Menschheit überwiegend aus der Natur, die sie irgendwie wieder herrichten konnte, heraus, lebt in gemäßigter Population in den begrenzten Städten und flüchtet sich in virtuelle Welten.
Und sie haben alle ihren Platz: Die Kreativen arbeiten, entwickeln, verbessern in der Liber°Abteilung; biologisch und physisch Orientierte in der Corpo°-Abteilung und Leute wie er, die am Großen und Ganzen interessiert sind, in der NETZ°Abteilung.

Nur die Intelligenten schaffen es zu den oberen Etagen in den NETZ-Towern - in der Theorie. In der Praxis schaffen es diejenigen, die ambitioniert genug sind, die Abschlusstests einer zwanzigjährigen Ausbildung so zu absolvieren, dass sie im Berufsleben etwas Anspruchsvolles und Spannendes machen.
Die bräuchten dann die Tages-Freizeit nicht. Ein bestimmtes Tagespensum - bei ihm sind es zurzeit sechs Stunden, die er nach Belieben unterbrechen, jedoch jeden Tag erfüllen muss - an Arbeit, die fast alle sitzend in den intelligenten Sesseln und in virtuellen Modellen des unendlichen großen Netzes verbringen; physische Betätigung, mit der sie dafür sorgen, dass die Körper - weich und schwach im Vergleich zu den metallenen Zeitgenossen - nicht verkommen und Freizeit, ebenfalls in virtuellen Welten: Dieser Rhythmus prägt ihn und sie alle, ist ihnen ins Blut übergelaufen.

Letztens erregte eine Meldung sein Interesse, ein Server ist tot und er sollte die Dateien wiederherstellen, darunter Dokumente von zufällig ausgewählten Laptops (eine Art Computer, den Unterschied kennt er nicht), die 2018 geschrieben worden sind. Er stellte mit Blinzeln - einmal stark, zweimal schwach, den Geh-Modus ein und scrollte die virtuellen Gänge entlang. Er sah die Schwachstelle.
Nach zwei Stunden Herum-Geblinzle hatte er die Dokumente vor sich. Es konnte bestimmt nicht schaden, einmal hineinzusehen, zu gucken, ob, ja, alles in Ordnung ist. Schließlich braucht man für einen Vorher-nachher-Vergleich nicht unbedingt ein Vorher. Er öffnet ein Dokument mit dem namen "." und liest:

"SCHREIBWETTBEWERB: Werden Roboter in wenigen Jahren unsere Jobs übernommen haben? Oder wird Arbeit nur noch im Kopf stattfinden?
Er wird später gerne sagen, dass er mit dem Finden dieser Anzeige tatsächlich zu Denken begann. Ungeachtet dessen, dass sein Job aus Denken bestand. Was er meinte... "

Er wurde unterbrochen von der Meldung STUNDENPENSUM ERREICHT.  Also dann los...

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Autorin / Autor: Mira Ménez, 15 Jahre