Familien sind was Schönes

Auch wenn einem die Mitglieder manchmal ganz schön auf die Nerven gehen - alles in allem ist die Familie einer der liebenswertesten Erfindungen...

Familien sind was Schönes. Davon bin ich fest überzeugt und lasse mich auch nicht von dieser Meinung abbringen, auch wenn es diese meine Familie anscheinend immer wieder mit aller Kraft versucht. Zum Beispiel mein Bruder, der sich für kaum etwas Anderes interessiert als Wrestling und sich unbedingt auch einmal beruflich auf diesem Feld betätigen will – und natürlich ist er fest davon überzeugt, dass die ganze Wrestling-Welt sehnsüchtig auf ihn, den großen Helden, wartet. Zum Beispiel meine Großcousine, die bis vor Kurzem kein anderes Thema kannte als Pferde und auch jetzt noch einen Großteil ihrer Zeit damit verbringt, Pferdebücher zu lesen und ihre zehn verschiedenen Reiterhofspiele (die auf mich alle genau gleich wirken) am PC zu spielen. Leider sieht sie partout nicht ein, dass mich dieses Thema so gar nicht interessiert. Zum Beispiel mein Cousin, der mir liebend gern unter die Nase reibt, dass er mich ständig beim Cluedo schlägt und auch sonst nicht die kleinste meiner Schwächen jemals vergessen wird, mit der er mich ärgern kann.

Was wäre aus mir geworden ohne meine Familie?
Aber mit wem sollte ich mich wohl mal wieder so richtig schön kabbeln, wenn ich ihn nicht hätte, oder über Sinn und Unsinn unseres Schulsystems diskutieren? Wer würde mir die kleine Schwester ersetzen, die ich nun mal nicht habe, wenn nicht seine Tochter, die mit dem Pferdetick? Und was wäre um Gottes Willen aus mir geworden, wenn ich als Einzelkind aufgewachsen wäre, ohne meinen Bruder – so nervig er auch immer sein mag – als ausgleichenden Gegenpol zu haben?

Nichts liebt man so vorbehaltlos wie die Familie
Bis vor einiger Zeit habe ich eine meiner Schulfreundinnen, die auf jedem Familienfest präsent war und ihre kleinen Brüder und Cousins gradezu vergötterte, immer nur belächelt. Inzwischen muss ich feststellen, dass ich vielleicht einfach nur neidisch war, weil ich selbst bis dato keine ganz so enge Bindung zu meiner Familie hatte. Das Problem scheint mir zu sein, dass man niemals in der Lage ist, seine eigene Familie genauso zu sehen, wie man sie sehen würde, wenn es eine fremde Familie wäre. Oder vielleicht ist es vielmehr ein Glück, dass dem so ist, denn bei Fremden ließen wir uns wohl niemals manche Dinge gefallen, die in der eigenen Familie als ganz normal gelten – und würden dadurch viele wunderbare Menschen womöglich nie kennen lernen. Ich denke da zum Beispiel daran, wie ich mich früher immer über den kleinen Bruder besagter Schulfreundin geärgert habe, weil er beim Essen mäkelig war, jedem seinen Willen aufzwingen wollte, fremde Unterhaltungen störte – kurz, in meinen Augen ein schreckliches, rundum verzogenes Kind war. Inzwischen fällt mir in wachen Momenten manchmal auf, dass meine geliebten kleinen Großcousins auf dem besten Weg sind, genau so zu werden, wenn sie es nicht sogar schon sind. Und was ist? Ich liebe sie trotzdem heiß und innig.

Keiner verzeiht einem so wie die Familie
Anders herum gibt es wohl kaum jemanden, der gegen meine Macken so geduldig ist wie meine Familie. Ich kann die vielen Male, die ich meine Eltern durch schlechte Noten, hohe Telefonrechnungen und unerträgliche Morgenmuffelei entsetzt und zur Weißglut getrieben habe, gar nicht mehr zählen, aber unserer Beziehung hat es, würde ich sagen, nicht geschadet. Dafür habe ich mir inzwischen abgewöhnt, stundenlang zu telefonieren (ungefähr zur gleichen Zeit, wie meine Eltern aus Resignation eine Telefon-Flatrate bestellt haben) und reiße mich, wenn möglich, in der Schule so weit am Riemen, dass es selbst in meinen allerschlechtesten Fächern, von denen ich Gott sei Dank nur zwei habe, meist für eine Vier reicht. Interessanterweise haben mich aber nicht die Strafpredigten meiner Eltern dahin gebracht, das Gefühl, sie zu enttäuschen, war ein weit stärkerer Antrieb, meine Gewohnheiten zu ändern.

Familie - eine geniale Erfindung!

Mir scheint also, als Gott die Familie erfand, muss er entweder einen seiner besten Tage gehabt haben, oder aber er muss bis heute über die Genialität seiner Schöpfung staunen. Ich kenne keine andere Institution, natürlich oder von Menschen geschaffen, die so viele Funktionen auf ein Mal erfüllt: wenn es richtig läuft, gibt uns die Familie Rückhalt, wenn wir es mal schwer haben, lässt sich exzellent für Dinge wie die Feiertagsgestaltung oder das Ausfüllen einiger sonst doch vielleicht zu langer Ferienwochen hernehmen, unterstützt uns bei unseren Plänen, vermittelt Werte, die man sonst nirgends lernt, schleift ganz nebenbei die Persönlichkeit etwas zurecht und – ach, ich weiß gar nicht, was noch alles. Und natürlich gibt es nichts Besseres, um ein abgehobenes Gemüt wieder zurecht zu rücken als einen schönen Familienkrach, ähnlich wie nach einer schwülen Sommerperiode immer mal wieder dringend ein Gewitter von Nöten ist.

Autorin / Autor: pfefferminztea, - Stand: 19. April 2007