Wo auch immer…!

"Ich bin wohl mit dem Buch im Bett eingeschlafen..."

Montagmorgen gegen 7:00 Uhr wachte ich durch den schrillen Ton meines Weckers auf. Eigentlich wollte ich weiterschlafen. „Muss die Schule halt mal auf mich warten!“, dachte ich mir schläfrig, wie schon so manchen morgen. Doch als ich mich umdrehen wollte, um es mir wieder gemütlich zu machen, jaulte ich vor Schmerz auf. Unter meiner Schulter lag „Die Outsider“ von Susan E. Hinton im Hardcover-Format. Nach so einigen spannenden Abendstunden, die ich in Tulsa/Oklahoma mit Ponyboy, Sodapop und Johnny Verbracht hatte, bin ich wohl mit dem Buch im Bett eingeschlafen. Das war nicht das erste Mal, jedoch hatte ich dadurch noch nie eine so schmerzende Schulter. Schlafen konnte ich wohl nun vergessen und so entschied ich mich, mich doch noch zur Schule zu quälen. Immerhin stehen die Abschlussprüfungen vor der Tür. Ich stand auf, ging ins Bad und dann noch schnell frühstücken. Am gedeckten Tisch saß auch schon mein Bruder. Mit begeisternd wedelnden Händen berichtete er unserer Mutter  von den vielen Abenteuern, die John Sinclair letzte Nacht in einem seiner vielen Romanen unter seiner Bettdecke erlebte. Meine Mutter hat das Talent, so zu tun als wenn sie dir zuhört, aber eigentlich was ganz anderes tut. Während sie meinem Bruder ihre Aufmerksamkeit vortäuschte, las sie neben der Spüle die Tageszeitung. Ich aß schnell ein Käsebrötchen und schwang mich dann auf mein Fahrrad.

Lese-Fans überall
Kaum bog ich vom Hof auf den Fahrradweg ab, fuhr ich fast den Streber von nebenan um. Das ging gerade noch einmal gut. Warum passt der auch nicht auf? Er lief tief mit der Nase in einem ollen Schinken aus der Bücherei versunken den Weg Richtung Bushaltestelle entlang. Dort saßen zwei kleine Mädchen, die beide den Wunschpunsch von Michael Ende lasen. Ich brauste schnell an ihnen vorbei und ihre Haare wehten in meinem Fahrtwind. Sie schienen so nahe beim Geschehen der Geschichte zu sein, dass sie nicht einmal aufblickten. Während ich um die Ecke fuhr, näherte sich auch schon der Bus. Die meisten Menschen starrten gelangweilt aus dem Fenster, wenige wiederum schienen ihre Schuhe zu betrachten. Das waren dann wohl die hartgesottenen Lese-Fans, die selbst bei der Fahrweise von Linienbussen nicht die Finger von den Büchern lassen können. Bei der letzten Kreuzung vor der Schule angekommen, erwischte ich natürlich eine rote Ampel und musste voll in die Bremse treten. Auf der Straße vor der Ampel saß mein Philosophie-Lehrer in seinem Auto und wühlte wild in seiner Ledertasche. Er zog ein Lehrbuch heraus und überflog hektisch ein paar Zeilen. Kaum war es grün, fuhr ich los. Ich radelte an der Bäckerei vorbei, an der morgens immer mehrere Lehrer stehen, Kaffe trinken und über ihre Schüler lästern.  Nur Frau Landheimer, die wortkarge Musiklehrerin, nicht. Sie stand immer abseits und las still ihre Liebesromane. Ihr Liebesleben schien sehr lieblos zu sein. Nun rechts auf den Schulhof abgebogen, beim Fahrrad-Abschließen noch schnell drei Mal an der „Guten Morgen“-Zigarette gezogen und dann schnell rein zum Unterricht.

Toilettenlektüre
Die erste Stunde verstrich wie drei und in der zweiten entschloss ich mich, mich ganz heimlich unterm Tisch wieder den spannenden Erzählungen von Susan E. Hinton hinzugeben. Während der folgenden vier Stunden, begleitete ich die „Greasers“ bis ans Ende des Buches und klappte es schließlich zu. In Gedanken ging ich noch einmal zurück, bis mich die Schulglocke aus meinen Träumen riss. Mein nächstes Ziel war nun die Bücherei, doch ein Zwischenstopp auf der Schultoilette war nötig. Kaum hatte ich mich erleichtert, hörte ich auf einmal schrille Mädchenstimmen und komische klatschende Geräusche. Die Mädchen lachten laut und kreischten wildes Zeug. Ich blieb in der Kabine und versuchte raus zu finden, was dort vorging.  Sie bewarfen sich anscheinend gegenseitig mit nassen Tüchern. Jetzt war mir auch klar, warum die Klopapier- und Trockentuchspender auf den Schultoiletten immer leer sind. Ich hatte nun die Wahl, mich durch die Horde kleiner kreischender Mädchen zu kämpfen oder in der Kabine zu bleiben. Ich zog letzteres vor und kramte in meinem Rucksack nach dem Buch „Das Parfüm“ von Patrick Süskind, welches ich eigentlich ungelesen zur Bücherei zurückbringen wollte. Ich fing an zu lesen. Nachdem endlich eine Lehrerin auf den Tumult in der Mädchentoilette aufmerksam geworden ist und ihn beendet hat, nahm ich mein Fahrrad und fuhr zur Bücherei. Auf den Stufen zum großen Eingang saßen die unterschiedlichsten Menschen, welche die unterschiedlichsten Bücher lasen. Ich lief die Treppe im Slalom hoch und betrat die Bücherei. In meiner Lieblingsabteilung suchte ich mir ein paar schöne Bücher aus und ging zum Lesesaal. Da ich nun schon mal hier war, wollte ich auch diese ruhige Atmosphäre genießen und ein Stündlein lesen. Fast alle Plätze waren besetzt. Das war ich schon gewohnt und so setzte ich mich auf meinen Lieblingsplatz; auf den Boden neben der warmen Heizung. Der Lesesaal ist immer gut besucht, denn wo liest man besser, als an einem Ort, der speziell für das Lesen errichtet wurde?

Autorin / Autor: Lyllithia - Stand: 15. Oktober 2007