Zu viele Freunde

Beitrag zum Schreibwettbewerb "Total digital" von Anne, 17 Jahre

Eines Tages erwachte ich.
Wie jeden Morgen war ich mutterseelenallein in diesem riesigen Haus mit Garten, das viel zu groß für einen Menschen ist. Ich musste nicht extra die Etagen absuchen, um zu wissen, dass man mich wieder alleingelassen hatte.
Obwohl ich hungrig war, blieb ich liegen. Manchmal sehe ich keinen Sinn darin, an Tagen wie diesen aufzustehen.
Um mich herum sind nur vier Wände. Ich weiß nicht, ob sie mich einsperren oder schützen sollen. Es gibt keinen Ort, an den ich gehen könnte. Wenn ich aus dem Panoramafenster schaue, sehe ich eine wunderschöne Landschaft. Einen weißen Sandstrand, einen lichtdurchfluteten Hain oder einen traumhaften See. Aber keine Zivilisation. Es gibt keine anderen Häuser, keine anderen Menschen. Ich muss bleiben, weil ich nirgendwo hingehen kann.
Es macht mich traurig.
Jeden Tag macht es mich traurig...
Ich taste nach dem Smartphone, welches auf meinem Nachttisch liegt, drohe in Panik zu geraten, als ich es nicht gleich zu greifen bekomme, beruhige mich jedoch, sobald es in meiner Hand liegt und gebe hastig den Pin ein.
173 neue Nachrichten.
Ich seufze. Einerseits freue ich mich, nicht allein zu sein. Andererseits habe ich keine wirkliche Lust darauf, belanglose Kommentare und Postings zu lesen und mit einem Kommentar zu versehen. Es ist ja nicht so, dass meine Freunde jeden Tag was Spannendes erleben würden.
Lustlos gehe ich mein Dashboard durch. Einen Großteil überfliege bzw. ignoriere ich. Die Einträge meiner engeren Freunde werden natürlich von mir gelesen, auch wenn ich mich zwei Minuten später schon nicht mehr an den Inhalt erinnern kann. Es ist gerade nicht so viel los.
Die Gruppen, in die ich eingetragen bin, sind noch nicht aktiv. Kaum jemand ist online. Wahrscheinlich müssen die Leute erst wachwerden. Es ist jeden Morgen so.
Bis dahin kann ich die Zeit sinnvoll nutzen. Ich bringe meinen Status auf den neusten Stand; ändere den Eintrag in der Betreffzeile von „Schlafend“ auf „Gerade aufgewacht“; und poste einen Spruch auf meiner persönlichen Seite. Ich schreibe, dass diese Wände mich ankotzen und hoffe auf Zustimmung. Danach folgt ein Foto von meinem Zimmer.
Meine private Message Box ist voll. Letzte Nacht haben ein paar Leute geantwortet, mit denen ich so eine Art Brieffreundschaft pflege. Wir sind so gut wie nie zur selben Zeit online und daher ergibt sich nicht die Möglichkeit zum direkten chatten. Stattdessen schicken wir längere Textnachrichten. Ist ganz entspannt. Ich mache es lieber so, als immer nur zu chatten. Aber heute fasse ich mich kurz. Es ist nicht mein Tag, ich habe keine Lust, lange Sätze zu formulieren.
Nachdem ich die letzte Message verschickt habe, logge ich mich erneut in den Chat ein. Fünf Leute sind online:
„Moin. Was läuft?“
„Gestern voll abgestürzt.“
„Was? Schon wieder? XD“
...
Ich logge mich wieder aus. Mir ist die Lust vergangen, denn ich weiß, dass es auf den gleichen Mist hinausläuft, den wir jedes Mal bequatschen.
Wieso muss ich überhaupt kommunizieren? Ich sehe keinen Sinn darin.
Just in diesem Moment vibriert das Smartphone in meiner Hand: neuer Kommentar auf meiner persönlichen Seite.
Plötzlich werde ich wütend. Ich frage mich, welcher Vollidiot nichts besseres zu tun hat, als meine sinnfreien Beiträge zu kommentieren. Eigentlich will ich es auch gar nicht wissen. Es ist irgendjemand von meinen 405 Freunden. Oder waren es schon 416? Keine Ahnung. Ich habe den Überblick verloren.
Genervt knalle ich das Handy auf den Nachttisch, drehe mich auf die Seite, starre es feindselig an. Woher kommt diese plötzliche Aggression? Ich erkenne mich selbst nicht wieder, kann jedoch auch nichts unternehmen, um meine Gefühle in eine andere Bahn zu lenken.
Das Handy vibriert. Immer und immer und immer wieder. Nachrichten, die mich erreichen, doch ich bringe es nicht über mich, sie zu lesen. Langsam drehe ich durch. Wenn nur dieses Klingeln aufhören würde... Zum ersten Mal kommt mir der Gedanke, dass ich zu viele Freunde habe und ich alles löschen müsste, was mich mit den anderen Leuten verbindet. Meine Seite, meinen Account, meine E-Mail Adresse, über die alles läuft.
Doch dazu müsste ich das Smartphone bedienen und das bringe ich nicht über mich.
Das Handy vibriert immer weiter. Ich habe Angst, dass es nie mehr aufhört. Ich will es beenden. Jetzt. Sofort.
Ich überwinde mich, nehme es in die Hand, schleudere es mit voller Wucht gegen die Wand, an der es zerschellt. Es fällt zu Boden und selbst von meinem Bett aus kann ich erkennen, dass es vollkommen hinüber ist.
Oh Gott. Warum? Ich weiß nicht, warum ich das getan habe. Vielleicht drehe ich durch.
Mein Herz wird schwer und ich vergieße bittere Tränen. Ich kann nicht aufhören zu weinen. Während ich mir die Bettdecke über den Kopf ziehe, beschleicht mich das beklemmende Gefühl, dass die Wände näher rücken.

Autorin / Autor: Anne, 17 Jahre