Perspektiven

Welche Perspektive eignet sich am besten, um den Leser auf eine fiktionale Reise mitzunehmen?

Wer im Roman die Hauptrolle spielen soll, wissen die Autoren in der Regel, ehe sie zu schreiben beginnen. Andere wiederum fragen sich: Wie viel Subjektivität oder Objektivität ist angebracht? Welche Perspektive eignet sich am besten, um den Leser auf eine fiktionale Reise mitzunehmen? Zur Auswahl stehen folgende Möglichkeiten: der auktoriale Erzähler, der Ich-Erzähler oder die 3.Person als Trägerin der Perspektive. Aus der Sicht der 2.Person könnte man natürlich auch erzählen. Allerdings ist der Gebrauch des Du relativ selten in Romanen, was u. a. daran liegt, dass es nicht einfach ist, eine Geschichte aus dieser Perspektive zu schreiben.

Zunächst mal zum auktorialen Erzähler: Diese Perspektive gewährt dem Autor die Freiheit, in die Köpfe aller Figuren, auf die er sich konzentriert, Einblick zu gewinnen und somit den Leser an den Gedanken der Figuren teilhaben zu lassen. Wie es scheint, ist der Erzähler nahezu überall, wo sich seine Figuren aufhalten.
Besonders beliebt war diese Perspektive im neunzehnten Jahrhundert. Nicht selten kommt es in Klassikern vor, dass der auktoriale Erzähler nicht nur die Gedanken diverser Figuren verrät, überdies neigt er auch zum ausgiebigen Kommentieren des Beobachteten, wobei er sich auch die Freiheit herausnehmen kann, auf bevorstehende Ereignisse hinzuweisen. Wer mit dieser Perspektive arbeitet, kann den Leser direkt ansprechen und ihn ins Vertrauen ziehen wie in folgendem Beispielsatz: Lassen Sie mich Ihnen erzählen, wie Gustav seinen verloren geglaubten Bruder wiederfand.

*Ein kurzer Überblick*
Trotz der genannten Vorteile gibt es einiges, was gegen diese Perspektive spricht. So ermöglicht sie beispielsweise nicht, den fiktiven Traum zu träumen, das heißt, in die erfundene Welt komplett einzutauchen. Wenn man „den Autor reden hört“, ist man nicht mitten im Geschehen.¹ Sobald ich als Leserin direkt angesprochen werde, habe ich das Gefühl, in die Rolle einer Beobachterin hineingedrängt zu werden, die vom Autor des Werkes aufgehalten wird, während sich die Situation im Roman zuspitzt. Wenn man also die auktoriale Perspektive wählt, läuft man Gefahr, dass der Leser nicht emotional Anteil nimmt.

Ist jedoch der Ich-Erzähler Träger der Handlung, wird der Leser schon auf der ersten Seite in das Geschehen gesogen. Nicht nur Schreibanfänger schätzen den Ich-Erzähler, wie Sol Stein meint. Sowohl die gehobene Literatur, als auch die Unterhaltungsliteratur bedienen sich gerne dieser Perspektive. Um nur ein paar Beispiele zu geben: Viele Autoren und Autorinnen von heiteren Romanen schreiben gern aus der Sicht der Protagonisten. Auch viele Jugendbücher bevorzugen diese Perspektive, unabhängig davon, ob der Plot in der fiktiven Realität, im Genre Science-Fiction oder Fantasy angesiedelt ist.

Wenn wir an den Gedanken und Empfindungen des Erzählers teil haben, wenn wir die Umgebung mit seinen Augen sehen, sie durch ihn spüren, riechen und hören, wenn er uns seine Ängste und Hoffnungen etc. mitteilt, so haben wir das Gefühl, dem Erzähler nahe zu stehen. Wir versetzen uns in ihn und fühlen mit ihm. Letzteres ist sogar auch dann der Fall, wenn der Autor aus der Sicht eines Menschen schreibt, den wir nicht einmal sympathisch finden, oder mit dem wir uns schlichtweg nicht identifizieren können und wollen. Manchem Autor gelingt es sogar, den Leser bis zu einem gewissen Grad emotional zu binden, selbst wenn der Ich-Erzähler Menschen bewusst gefährdet oder tötet.²

Entscheidet man sich für den Ich-Erzähler, so muss man darauf achten, dass der Protagonist (bzw. die Protagonistin) meist dort präsent ist, wo etwas geschieht, was den Plot vorantreibt oder für ihn entscheidend ist. Grundsätzlich gilt, dass der Protagonist das Geschehen selbst erleben soll, d. h. wenn sich Konflikte anbahnen und die Spannung wächst. Anders verhält es sich, wenn eine ausgelassene dramatische Szene bewirkt, dass die Spannung im Verlauf der Geschichte höher ausfällt. Dass der Kommissar eines Krimis nicht zwangsweise in das Zimmer stolpern muss, in dem gerade jemand ermordet wird, versteht sich daher von selbst.

Laut Sol Stein besteht bei der Ich-Perspektive die Gefahr, den Protagonisten plump zu präsentieren. Was die äußere Erscheinung angeht, so gilt es schon lange als verpönt, den Protagonisten in den Spiegel blicken zu lassen und die Haar- und Augenfarbe, sowie weitere äußere Merkmale zu beschreiben. Was die Persönlichkeit des Protagonisten angeht, so kann der Leser genervt sein, wenn der Protagonist ein besonders schlechtes oder übertrieben tolles Bild von sich macht und dadurch vielleicht wie ein Schwächling oder wie ein Angeber klingt. Autoren von Schreibratgebern empfehlen daher, den Protagonisten durch eine andere Figur darzustellen, wofür sich beispielsweise ein kurzer Dialog eignet.

Ein weiterer Nachteil dieser Sichtweise liegt darin, dass der Horizont des Protagonisten begrenzt ist. Was sich woanders abspielt, könnte der Protagonist natürlich durch eine andere Figur erfahren. Dennoch ginge die Spannung verloren.

Es wird stets davor gewarnt, wichtige Tatsachen bis zum Schluss vor dem Leser geheim zu halten, weil man als Autor hofft, dem Roman dadurch Würze zu verleihen. Wenn man dem Leser vorenthält, dass jener Ich-Erzähler, der im gesamten Roman den Brandstifter sucht, in Wirklichkeit selbst das Haus bei vollem Bewusstsein und aus einem für ihn vollkommen verständlichen Grund in Brand gesteckt hat, und erst am Ende damit herausrückt, wird sich der Leser veräppelt fühlen. Sollte der Protagonist jedoch gehandelt haben, ohne sich an die Tat zu erinnern, da er an einem Gedächtnisverlust litt, oder wegen einer schweren psychischen Krankheit, die er nicht erkennt, da er sich für geistig normal hält, so ist es etwas anderes.

Meistens bevorzugen die Autoren eines Thrillers, eines Abenteuer- oder Actionromans das personale Erzählen. Indem man die Geschichte aus der Sicht der dritten Person erzählt, entsteht zwischen dem Leser und dem Protagonisten eine Distanz, die der Ich-Erzähler wiederum nicht ermöglicht. Als Autor genießt man die Freiheit, die Leser am Gefühlsleben und an der Gedankenwelt des Protagonisten eingeschränkt teilhaben zu lassen. Indem man auf eine, vielleicht in regelmäßigen Abständen auch auf zwei Figuren fokussiert, lässt man in Maßen Subjektivität zu, die bewirken kann, dass der Leser den Protagonisten sympathisch findet und / oder sich mit ihm identifiziert.

Zu bedenken ist, dass das personale Erzählen aus der Sicht der 3.Person nicht dieselbe Nähe wie der Ich-Erzähler schafft. In den Ich-Erzähler kann man sich leichter hineinversetzen. Man nimmt seine Umwelt mit seinen Sinnen wahr. Mit ihm fühlt man sich eher verbunden als mit dem frei erfundenen Protagonisten Jonas im folgenden Satz: Knurrend schlug Jonas die Tür hinter sich zu. Als er zum Fenster stampfte, hörte er noch immer, wie sie über ihn lachten. In diesem Satz erscheint Jonas uns etwas distanziert.

*Kombinationsmöglichkeiten*
Welcher Standpunkt verwendet werden soll, ist nicht einfach zu beantworten. Wählt man eine Perspektive, die den Lesern als ungeeignet erscheint, kann der Roman Punkte verlieren. Um es sich mit den Lesern nicht zu verscherzen, rät Sol Stein, eine Textpassage des Manuskripts aus verschiedenen Perspektiven zu schreiben. Auf diese Weise findet man eher heraus, wie viel Subjektivität und Objektivität einem wirklich zusagt.

In Kreativ Schreiben unterstreicht der freie Autor und Dozent Fritz Gesing, dass mehrere Perspektiven einen Roman bereichern können. Erst versetzt man sich in den einen, dann in den anderen Protagonisten und hin und wieder vielleicht sogar auch in den Antagonisten.
Dadurch, dass die Hauptfiguren, in deren Haut man zeitweise schlüpft, unterschiedlich denken und handeln und in verschiedene Abenteuer geraten, gelangen sie an bestimmte Informationen, die den weiteren Verlauf des Plots aufregend gestalten können. Denselben Effekt erreicht man allerdings auch, indem man dem Leser einige Informationen zunächst verweigert und schließlich häppchenweise serviert.

Wenn man sich also für mehrere Handlungsträger entscheidet, so sollte man natürlich aus der Sicht Desjenigen schreiben, „der von den Ereignissen in dieser Szene am stärksten betroffen ist“.³

Viele Leser empfinden es als angenehm, wenn sich höchstens drei verschiedene Handlungsstränge von Zeit zu Zeit abwechseln. Ebenso schätzen es die Leser, wenn man die Kontinuität wahrt; Wenn man sich für die Perspektive der 1.Person entschieden hat, dann fährt man mit dieser Perspektive auch bei den anderen Hauptfiguren fort. Neigt man jedoch zum Standpunkt der 3.Person, so sollte dieser Standpunkt beibehalten werden.

Dass beispielsweise die Ich-Perspektive manchmal mit der der 3.Person kombiniert wird, findet man auch immer wieder in modernen Romanen. Wenn aus der Sicht des Ich-Erzählers erzählt wird, fühlen wir uns dem Protagonisten näher. Wechselt der Autor nach mehreren Seiten zum zweiten Protagonisten, dessen Alltag wir aus der Sicht der 3. Person erleben, entsteht ein gewisser Abstand zum Protagonisten. Diese Kombination kann durchaus reizvoll sein, auch wenn sie nicht bei allen Lesern beliebt ist.

¹ Stein, Sol, Über das Schreiben, 2010, Zweitausendeins, S. 215
² S. 209 f.
³ S. 214

Autorin / Autor: Carolina Hein