Elaine

Beitrag zum Schreibwettbewerb "Total digital" von Veronika, 45 Jahre

Elaine war im Hühnerstall, um die Eier zu holen. Die Hühner liefen dabei gackernd um sie herum und scharrten im Sand. An die Wand war eine Rinne montiert, die durch computergesteuerte Schütten gefüllt wurde. Da echte Körner zu teuer waren, bestand das Futter aus kleinen, grauweißen Kugeln. Sobald es freigegeben wurde, eilten die Hühner herbei und verzehrten es. Währenddessen prüfte die Stallanlage den Zustand der Tiere. Jedes Huhn hatte ein Chip-Implantat, das Auskunft über den Gesundheitszustand geben konnte. Durch den Retina-Laser, den Elaine am Kopf trug, wurde sie informiert, dass Huhn Nummer 14 an Kalkmangel litt. Es blinkte rot und daneben wurden die Messdaten angezeigt.

Die junge Frau zog den Laser vom Kopf. Sie wollte davon nichts wissen. Fast die ganze Nacht hatte sie für die Schule gelernt. Irgendwann war sie darüber eingeschlafen. Jetzt am Morgen müsste sie dringend weiter lernen, um ihr Pensum zu schaffen, aber sie hatte keine Lust. Lieber sammelte sie 23 Eier ein. Eine gute Leistung für 30 Hennen, die in ihrem Leben nicht einen einzigen Wurm aus der Erde gezogen hatten. Elaine verpackte die Eier in eine Zellulosekiste und lief aus dem Gehege.

Der Hühnerstall befand sich in der Agrarkuppel des Hofes, die ein Areal von 150 m Breite und 250 m Länge umspannte. Hier waren auch ein Stück Wiese für zwei Kühe und Ackerboden mit Gemüse angelegt. 40 m hohe Pfeiler stützten das bionisch konstruierte Polycarbonatdach. Es war warm, der Klimaregulator lief mit der Einstellung  »Mediterraner Frühling«. Auf dem gesamten Gelände außerhalb der Kuppel waren für den enormen Energieverbrauch Sonnenkollektoren aufgestellt. Elaine stieg über die Gleitschienen der Pflüg-Roboter hinweg, um auf den Hauptweg zu gelangen. Er führte zum Tunnel, der die Agrarkuppel mit der Wohnkuppel verband. Dort veränderte sich das Klima. Es wurde kühler. In der Wohnkuppel sorgten ein aufgelockerter Architekturstil aus Alukarbon und Glas für Licht, bunte Bilder von Obst und Gemüse für Behaglichkeit.

Hier griff die junge Frau zu einer uralten Strickjacke aus Schurwolle. Die Gartenschuhe aus Kunststoff tauschte sie gegen ein paar graue Filz-Socken. Dann brachte Elaine die Eier zur automatischen Einlagerungs-Station. Von dort wurden die wertvollen Bioprodukte mit Echtheitszertifikat an reiche Industrielle verkauft.

Jetzt war es Zeit für ein Frühstück. An den Wänden des Esszimmers hingen Monitore mit bunten Aquarienfilmen. Links neben dem Eingang war die Essensausgabe. Elaine stellte sich davor. Nach einem kurzen Brummen gab eine Klappe einen Teller mit rosa gefärbtem Mus frei. Eine Frauenstimme meldete sich: »Miss Berryland, es ist jetzt der zweite Tag Ihrer Regel, Sie haben erhöhten Eisenbedarf. Ihr Erdbeer-Quark wurde entsprechend substituiert. Guten Appetit!«  Elaine nahm den Teller aus dem Gerät.

Diese Pampe hatte noch nie eine echte Erdbeere enthalten. Und erst dieser blöde, verräterische Chip! Sie mochte das Ding in ihrer linken Schulter nicht. Andererseits wollte sie es auch nicht missen, schließlich gab es rund um die Uhr auf ihre Gesundheit acht.

Sie setzte sich an den Tisch. An jedem Platz befand sich ein Touchscreen, der grünes Gras mit rosa Gänseblümchen zeigte. Elaine berührte ihren Bildschirm, die Anzeige wechselte:  »Hallo Elaine«, erschien nun, »du hast 2 neue Nachrichten.« Unter der Mitteilung standen in großen Lettern die aktuellen Neuigkeiten. Die Preise für Gemüse waren wieder erhöht worden. Nun kosteten drei Möhren so viel wie ein Paar Schuhe. Elaine tippte auf das Briefkastensymbol. Die erste Nachricht kam von der Schule mit Durchschlag an ihre Eltern. Widerwillig wählte Elaine den Button »Anzeigen«:

To: Elaine Berryland
Subject: Ergebnis Ihrer Prüfung in Mathematik am 15. März 2113

Sehr geehrte Miss Berryland,
leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass Ihre Lösungsansätze in Analysis Ihrem genetischen Leistungspotential nicht entsprechen. Daher werden Sie die Prüfung am 24. Juni 2113 wiederholen.
Bitte quittieren Sie diese Mitteilung mit Ihrer Signatur.

MfG,
W. Miller,
Highschool of Economy and Fruit Design, mathematischer Sektor

Genetisches Leistungspotential! Elaine knurrte. Mathe war langweilig. Axiome pauken, Beweise nachvollziehen, Sätze anwenden ... Wahrscheinlich hatten ihre Eltern die Nachricht noch nicht gelesen, sonst wäre schon ein Donnerwetter über sie hereingebrochen. Sie sah sich die zweite an. Es war eine Laser-Botschaft von ihrer Freundin Victoria. Elaine legte den Retina-Laser wieder an und rief die Nachricht auf.

Der Schriftzug »Paradise« erschien vor ihr, darunter saß eine schlanke Frau mit einem Katzenkopf und Feenflügeln an einem kleinen Bistrotisch und schnurrte: »Hi Elaine, schon gehört? Biochemie wird verschoben. Irgendwelche Hacker haben die Prüfungsaufgaben in Umlauf gebracht. Naja. Jedenfalls haben wir jetzt ein bisschen mehr Zeit.« Die Katzenfrau streckte sich, während viele rote Herzchen wie Seifenblasen um sie herum schwebten. »Ach, ich genieße das! Komm doch auch ins Paradise, dann können wir ein bisschen chatten! Wie war übrigens Mathe? Hast du dein Ergebnis schon? Ich habe es geschafft! Fast die ganze Schule hat mich geliked! Naja, sie haben ja auch nicht so viel von mir erwartet. Wir sehen uns!« Die Katze winkte.

Elaine seufzte. Sie zog die Knie unter das Kinn, schlang ihre Arme darum und blickte durch das Fenster zu den Hühnern in der Agrarkuppel. Genetisches Leistungspotential! Ihre Eltern hatten sie gezeugt, damit sie später einmal den Hof führen konnte. Sie hatten dafür die beste DNA-Synthese-Anstalt der Region aufgesucht. Elaine sollte ihrem Vater auch bei der Bioforschung helfen, wenn sie ihr Studium abgeschlossen hatte. Wenn! Zuerst einmal musste sie die Highschool bestehen.

Plötzlich projizierte ihr der Laser das Gesicht ihres Vaters ins Auge. »Elaine«, sagte er streng, »deine Mutter und ich müssen mit dir reden. Du bist sofort bei uns im Arbeitszimmer! Und ich meine damit nicht digital!« Elaine nickte und stand auf. Sie wusste, was nun kommen würde.