Raum Nr. 14

Einsendung zum Schreibwettbewerb "Eine angelehnte Tür" von Beltz & Gelberg und LizzyNet

Alles begann am Tag 5857 meiner Existenz, um 15:32, als ich Raum Nr. 13 betrat und merkte, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte. Aufmerksam ließ ich meinen Blick umherwandern und suchte nach dem Ursprung meines Gefühls. Raum Nr. 13 war universell betrachtet nichts Besonderes, eine Verbindung zu anderen, wichtigeren Räumen, Räumen, in denen ich aß, schlief, lernte. Lernte, das Erbe meiner toten Rasse würdig zu tragen, denn ich war der Letzte, der letzte Mensch, das letzte humanoide Individuum. Und darauf war ich stolz.
„Ist stolz eine Eigenschaft oder eher eine Emotion?“, dachte ich, während ich weiter nach der Quelle meines Unmutes suchte. Raum Nr. 13. Ein Raum, wie jeder andere und doch auch wieder nicht. Denn in Raum Nr. 13 fand man die Tür zu Raum Nr. 14, einer der zehn verbotenen Räume, die zu betreten mir strengstens untersagt waren. Meine Meister hatten mir nie den Grund für dieses Verbot erläutert, doch… DAS WAR ES! Die Tür zu Raum Nr. 14! Sie war nicht, wie es hätte sein sollen, verschlossen, oh nein, sie war angelehnt. „Eine angelehnte Tür!“, frohlockte ich in Gedanken, „Das ist des Rätsels Lösung!“ Aber welches Rätsels Lösung? Die Meister hatten für Tag 5857 kein neues Rätsel angekündigt. Eine angelehnte Tür, die zu einem der zehn verbotenen Räume führte. Mein Herz begann höher zu schlagen. Die Rätsel, welche mir meine Meister etwa alle fünf Tage stellten, dienten dazu, das Gelernte einzusetzen und meinen Verstand zu schulen. „Denn ohne Verstand bist du nichts!“, pflegten sie zu sagen, „Erst, wenn er messerscharf ist, kannst du weitergehen!“ Weitergehen! Ich wusste bis heute nicht, was damit gemeint war, doch in diesem Moment spielte das alles keine Rolle. Ich starrte gebannt auf das Messingschild mit der Nr. 14, fragte mich, ob ich eine Verletzung der Regel riskieren sollte. Was würde passieren? Wäre der Verlust zu hoch? Meine Strafe zu hoch? Verstohlen sah ich mich um. Wie ein Verbrecher, ein Gesetzesbrecher, ein Böser. Und lief zur Tür. Schnell.  Packte die Klinke, riss sie weit auf und schlüpfte hinein, hinein in Raum Nr. 14, einen der zehn verbotenen Räume.
Das Erste, was mein Gehirn registrierte, war die Dunkelheit hier. Eine dämmrige, bedrohliche Dunkelheit, die einzig und allein durch einen Strahl silbernen, kegelförmigen Lichts durchbrochen wurde, welches einen mit unzähligen Papierstapeln belagerten, hölzernen Schreibtisch beleuchtete. Von Neugier gepackt steuerte ich auf das Objekt zu. Dokumente, Zeitungsartikel, Berichte, verfasst in Sprachen, die ich kannte und nicht kannte. Vom Zahn der Zeit befallene Akten, Ordner und Bücher. Staub wirbelte auf, als ich sie ohne jegliches System zu durchforsten begann, suchte, ohne zu wissen, wonach eigentlich. Nach einer gefühlten Ewigkeit stieß ich auf Etwas, das meinen Puls erneut in die Höhe trieb: Ein fetter, arg mitgenommen aussehender schwarzer Ordner mit der grellen, roten Aufschrift: TOP SECRET! Englisch, die letzte Weltsprache meiner Rasse, bevor sie dem Schlund des Verderbens zum Opfer gefallen war. Mit zitternden Fingern schlug ich den Deckel zurück und sah… Passfotos. Passfotos von fünf identischen Gesichtern. Mein Herz schien vor Entsetzen ein paar Schläge auszusetzen. Mein Gesicht. Das war mein Gesicht. Fünf mal. Flach atmend las ich die klein gedruckten Texte neben jedem Bild. Stanley Hawkins, USA; Timo Schneider, Germany; Raóul Lambért, France; Juan Fernandéz, Spain; K777, Iceland. Island… Soweit ich wusste, der Ort, an dem ich mich hier befand. Zutiefst bestürzt blätterte ich weiter, las Satzfetzen, kleinere Abschnitte und mit jedem Wort, das ich gegen meinen Willen aufsog, wuchs das Entsetzen in mir. Auf einmal verstand ich, dass mein gesamtes Leben eine einzige Lüge war, eine einzige große Lüge. Die Welt, von der ich geglaubt hatte, sie wäre zerstört, existierte, war intakt. Individuum… ich starrte auf die fünf identischen Gesichter, meine Gesichter und da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Klone. Sie hatten mich geklont. Gleich fünfmal.
Und als ich das begriff, stieß ich einen Schrei voller Wut aus, packte den Ordner und zerriss seinen Inhalt. Papierschnipsel lagen auf meinen Schultern, als ich schwer atmend zum Ausgang lief. Eine dämonische Stimme in meinem Kopf schrie immer wieder die fünf Namen, diese fünf verderbten Namen.
Hinter mir fiel die Tür zu  Raum Nr. 14 mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Reglos stand ich da, seltsam ruhig. Weitergehen… Mit einem Mal begriff ich das Wort. Weitergehen. Ja, ich würde weitergehen. Ich war bereit. Denn alles was ich wollte, war Rache…

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Autorin / Autor: Dana, 15 Jahre - Stand: 14. Mai 2010