Weggeschaut

Einsendung zum Schreibwettbewerb "Eine angelehnte Tür" von Beltz & Gelberg und LizzyNet

Für einen Menschen ist eine Tür eine Barriere. Barrieren überwindet man nicht. Barrieren sind da, um sie nicht zu überwinden. Man respektiert sie. Man glaubt an sie. Die Tür ist so eine Barriere.
Fremde Türen gehen einen eben nichts an. Es ist, als ob ein Aufkleber angebracht wäre: „Privat - Kein Zutritt“. Wie in einem Restaurant oder einer Arztpraxis mit angrenzender Wohnung. Es ist etwas Intimes, was dahinter ist. Es ist etwas Neues. Nur skrupellose Menschen greifen zum Knauf einer fremden Tür und drehen ihn. Darauf hoffend etwas zu finden, das sie bereichert, über den Fremden erhebt oder noch neugieriger macht.
Doch in diesem Fall war alles anders. Türen, die offen stehen. Türen, die angelehnt sind. Sie lassen die Barriere schmelzen. Jeder Zentimeter, den eine Tür offen steht, verkleinert die unsichtbare Grenze. Die Hemmungen gehen verloren. Da stand ich vor dieser angelehnten Tür. Von hinten hörte ich das Klappern des Geschirrs. Unsere Wohnungstür stand noch offen.

Der Schulweg war lang. Ich ging früh morgens los. Die halboffene Tür hatte mich erstarren lassen. Die Nachbarn gingen nie aus dem Haus. Sie waren alt. Ich war nicht interessiert an Menschen.
Heute war niemand auf dem Flur. Kurz war ich erleichtert. Dennoch machte die Tür mir zu schaffen. Diese Menschen lebten neben uns und wir wussten doch gar nichts von ihnen. Hatten sie eigentlich Kinder? Ich hatte nie welche gesehen.
Leise zog ich unsere Wohnungstür zu und lauschte bei den Nachbarn. Neugierig tapste ich auf den Spion zu, der in der Tür angebracht war. Durch einen Spion zu schauen, das ist doch ganz normal, dachte ich mir. Jeder würde das tun.

Der Spalt blieb mir aber eine Hürde. Durch den Spion war nichts zu sehen. Der Spion war ja immerhin auch für die umgekehrte Richtung vorgesehen und somit nutzlos für mich. Einen Versuch hätte ich mir dennoch nicht verkneifen können. Ich setzte mich schnell an den Fuß der Treppe. Vielleicht schliefen die Nachbarn noch. Ich lauschte nochmals. Nichts war zu hören. Hatte eigentlich ein anderer Nachbar oder der Hausmeister einen Ersatzschlüssel für die Wohnung? Vielleicht war ihnen etwas passiert. Ich stand wieder auf, ging nochmal zum Spion. Es roch weder nach frischem Kaffee noch nach frischen Brötchen. Gefrühstückt hatten sie also noch nicht. Vielleicht mochten sie aber auch keinen Kaffee und keine Brötchen. Vielleicht bevorzugten sie Brot oder Toast. Vielleicht hatten sie gestern auch lange ferngesehen und einfach noch nicht ausgeschlafen. Hatten sie überhaupt einen Fernseher? Vielleicht hörten sie lieber Radio. Vielleicht kamen sie mit den modernen TV-Geräten nicht zurecht oder sie hatten kein Geld für so etwas. Hatten sie überhaupt Geld? Rentner bekommen ja nicht mehr all zu viel. Es könnte jedoch sein, dass eines ihrer Kinder Arzt oder Ingenieur ist und sie gut versorgte.

Aber schlafen die denn wirklich so lange?
Wenn ich nicht zur Schule müsste, würde ich ewig schlafen. Aber irgendwann verliert man doch den Sinn aus den Augen. Irgendwann steht man gar nicht mehr auf. Hatte dieses Ehepaar noch einen Sinn vor Augen? Vielleicht war es die Freude, sich immer wieder neu zu entdecken, vielleicht die Angst auf die letzten Tage noch etwas zu verpassen, vielleicht der Wille noch möglichst viel zu erleben oder vielleicht war es die Routine, mit der auch die Sonne jeden Morgen wieder und wieder aufgeht.
Vielleicht sahen sie aber auch keinen Sinn. Sah ich einen Sinn? Ist es nicht auch eine Art Routine, jeden Morgen zur gleichen Zeit zur Schule zu gehen? Ist das Nichtstun nicht genau das Gleiche, wie jeden Tag das Gleiche tun? War mein junges Leben nicht genau so sinnvoll bzw. sinnlos wie das dieser Rentner? Wie sahen die zwei eigentlich
aus? Ich war die ganze Zeit auf und ab gegangen. Die Gedanken flogen mir davon. Wie gesagt, Menschen interessieren mich nicht besonders. Es gibt fast 7 Milliarden Menschen. Warum sollten diese zwei mich interessieren? Der Spalt ließ mich nicht los. Ich ging abermals zum Spion, stellte mich auf die Zehenspitzen, wollte in die Wohnung blinzeln und erschrak, als die Tür durch einen plötzlichen Windstoß zugeschlagen wurde.

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Autorin / Autor: Lara, 17 Jahre - Stand: 5. Mai 2010