Lizzynet intern

Meine metaphorischen Brüste

Einsendung zum Wettbewerb #netzheldin von Kim, 16 Jahre

Ich habe eine Frage. Vielleicht auch mehrere.

An Sie, der mir in Kommentardebatten unter Blog-Posts über die Geschlechterunterschiede beim Zusammenbauen von IKEA-Schränken Schätzchen, du bist bitchy unterstellt.

An Sie, der Wenn Du mit den Jungs spielen willst, dann mach keine "ich bin ein aber ein Mädchen"-Aussagen. Wenn Du das doch machen willst: "Show your boobs" zu mir sagt. Der sich später damit rechtfertigt, das sei metaphorisch gemeint gewesen, er wolle lieber meine Argumente hören.

An Sie, der das auch noch mit boobs sind aber (hoffentlicht) die größten argumente einer echten Frau ;) kommentiert. Der meint, durch den Zwinker-Smiley würden seine – Frauen und die deutsche Rechtschreibung – verachtenden Kommentare weniger widerlich.

An Sie, der sich mit Rechtschreibung auskennt, und mit Etikette, und außerdem mit ganz vielen halbseriösen Studien, die belegen, dass Frauen, die sich gegen traditionelle Geschlechterrollen auflehnen, im Mutterleib zu viel Testosteron abbekommen haben. Der mir auf hormoneller Ebene erklären will, warum Unterdrückung, gegen die ich mich wehre, für andere Mädchen okay ist. Der Links und Links und noch mehr Links im Gepäck hat, und mich fragt, wo ich denn bitte die Unterdrückung von Frauen sähe, während ich in den Kommentaren drum herum als Schätzchen und bitchy und boobs beleidigt werde.

Genau Sie. Sie alle. Hallo. An Sie habe ich Fragen.

Wenn Sie mir ins Gesicht sehen müssten. Wenn Sie mir in der U-Bahn oder im Supermarkt oder im Wartezimmer begegnen würden. Wenn ich offline sagen würde, was ich online gesagt habe, denn ich sage offline, was ich online sage.

Würden Sie mich Schätzchen nennen? Würden Sie mir unterstellen, ich sei bitchy? Würden Sie mich in aller Öffentlichkeit auffordern, Ihnen meine metaphorischen Brüste zu zeigen? Würden Sie mir, mit Brüsten, Biologie-Leistungskurs und Wut im Bauch, vorschlagen, ich sei Feministin wegen [irgendwas mit Testosteron]?

Genau Sie, Sie alle, hinter Ihren Tastaturen. Würden Sie?

Vermutlich würden Sie mich offline nicht mal duzen. Sie wissen sich ja zu benehmen. Sie nennen niemanden Schätzchen oder bitchy oder argumentieren mit boobs und Zwinker-Smileys. Sie bezeichnen sich als anständige Leute, und Sie sind definitiv keine Sexisten. Wenn man Sie fragt, sind Sie bestimmt für Gleichberechtigung der Geschlechter. Offline. Nicht wahr?

Und warum nicht online? Wohin flieht Ihr Gehirn, sobald Sie eine Computermaus in die Hand nehmen? Macht das Internet Sie dumm?

Bitte, erklären Sie mir das. Erzählen Sie, genau Sie, Sie alle, dass Sie an Internet-Tourette leiden. Oder dass Ihre Katze über die Tastatur gelaufen ist und zufällig Wörter wie Schätzchen und bitchy produziert hat. Oder dass Ihr Internetbrowser vom Geist Ihres sexistischen toten Großvaters besessen ist. Lassen Sie sich was einfallen.

Denn ansonsten muss ich, müssen alle Mädchen und Frauen online und offline, damit rechnen, dass Sie, genau Sie, Sie alle uns täglich in der U-Bahn oder im Supermarkt oder im Wartezimmer in die Augen sehen und uns am liebsten Schätzchen und bitchy nennen würden, dass Sie uns über unseren Testosteronhaushalt aufklären und unsere metaphorischen Brüste sehen wollen. Und das wollen Sie nicht, oder? Sie sind doch anständige Leute. Sagen Sie doch. Sind Sie doch.

Oder?

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