Stadt auf dem Meer

Einsendung zum Wettbewerb 2050 - Stadt meiner Träume von Tyro, 17 Jahre

Sie wirkt auf Fremde wie ein Mahnmal. Wie eine Bedrohung. Wie eine Warnung. Ihre riesige Gestalt wirft einen großen Schatten auf die Fluten unter ihr, und von der Ferne betrachtet sehen die meterhohen Wellen, die an ihren Mauern brechen, kraftlos und winzig aus.
Doch bedrohlich ist an ihr nur die Größe, ansonsten gibt es nichts, was gefährlich sein könnte.
Das Fundament ist fest mit dem Meeresgrund verankert, sodass die Stadt fix an einen Standort gebunden ist. Darüber befinden sich Massen an Beton, sie verleihen der Konstruktion noch mehr Stabilität und auch Gewicht, damit sie unter Wasser bleibt und nicht aufschwimmt.
Die Untergeschosse werden nicht bewohnt und es gibt auch keine Arbeitsplätze für die normalen Einwohner, hier sind nur einige Labore der Wissenschaftler sowie die Kontrollzentrale der Wächter zu finden.
Von hier aus werden die Aufnahmen, sowohl Ton als auch Video, die zu jeder Zeit und in der ganzen Stadt angefertigt werden, überwacht und in Notfällen sendet der gerade zuständige Aufseher einen Hilfstrupp zu der entsprechenden Stelle los.
Über der Wasseroberfläche kommt ein gigantischer Zylinder zum Vorschein, er bildet sozusagen das „Erdgeschoss“ der Stadt. Hier befinden sich die Lagerhallen für die Nahrungsmittel und die Aufbewahrungshallen für Kleidung, Werkzeug und sonstige Materialien.
Der darüber folgende Abschnitt der Stadt ist der größte und höchste, er macht etwa dreiviertel der Gesamthöhe aus, deshalb wird er auch Zentrum genannt und ist in Sektoren unterteilt. Dieser Teil der Stadt ist im Sommer klimatisiert und wird im Winter beheizt. Er ist vollständig verglast, und jede der Wohnungen der Stadt hat Ausblick nach draußen. Obwohl der Begriff „Zimmer“ passender wäre, denn die meisten der Wohnungen bestehen aus einem schlicht eingerichteten Raum mit lediglich einem Bett und einem Kasten, nur wenige haben ein eigenes Bad oder sogar ein zweites Zimmer, das als Wohnzimmer oder Arbeitszimmer genutzt wird.
Doch  keiner der Bewohner verbringt viel Zeit in seinem eigenen Bereich, entweder sie befinden sich an ihrem Arbeitsplatz oder treffen sich mit anderen.
Die meiste Zeit des Tages arbeiten alle Einwohner, die jüngeren besuchen eine der Schulen und werden dafür ausgebildet, später als Erwachsene einmal die Stadt zu versorgen, erhalten und auszubauen.
All diese Einrichtungen sind auf die Sektoren aufgeteilt, in jedem ist eines der Fachgebiete angesiedelt. Diese arbeiten in gewissen Bereichen natürlich zusammen, doch grundsätzlich ist jeder nur für sich selbst zuständig. Es gibt unter anderem die Fachgebiete Medizin, Landwirtschaft, Elektrotechnik und Informatik, Forschung, Produktion und Weiterverarbeitung von Metall, Holz, Kunststoff und neuen Materialien, Instandhaltung und auch Kommunikation, und all diese Bereiche stellen die Ausbilder selbst für die Schulen zur Verfügung.
Die Grundausbildung befindet sich in der Mitte der Sektoren, die Kleinsten erhalten hier ihre Allgemeinbildung, erst später entscheiden sie sich für ein Fachgebiet und machen direkt dort in einer der Spezialisierungsschulen ihre Fachausbildung.
Viel Freizeit haben die Stadtbewohner bei ihren geordneten Tagesabläufen nicht, doch die wenige, die sie haben, verbringen sie meistens mit ihren Freunden oder Familien. Sie haben viele Orte zur Auswahl, an denen sie Zeit für Spiele, Gespräche, Unterhaltung und Lernen haben.
In den Speisesälen sitzen sowieso immer alle  beisammen und essen zusammen. Die Gemeinschaftsräume sind mit Sofas und Tischen ausgestattet, doch manchen ist der Trubel in diesen Räumen groß, sodass sie in die kleineren Aufenthalts ausweichen, wo sich höchsten ein paar Leute treffen.
Doch das Dach ist der Lieblingsort der meisten Bewohner, es ist auch der Bereich, für den die Erbauer den Großteil der Zeit verwendet haben.
Über die riesige Fläche sind große Parks und Wiesen angelegt, in einer Ecke findet man sogar einen kleinen Wald vor. Diese Grünflächen sind auf mehrere Etagen aufgeteilt, die nach oben hin immer kleiner werden, die Ebenen sind also stufenförmig angeordnet.
Auch wenn sie künstlich angelegt sind, so wirken die Grünanlagen doch ziemlich real, ebenso wie die kleinen Bäche und Seen, die mit klarem Wasser gefüllt sind.
Die Kieswege knirschen unter den Füßen der Leute, die darüber schreiten, und bahnen sich ihre Wege durch die Wiesen und Parks. Zwischendurch sieht man kleine Springbrunnen oder überdachte Sitzgelegenheiten, die Schutz vor Regen und Sonne bieten.
Ein Stockwerk unter den Freiflächen befindet sich eine überdachte Halle, die rundum verglast ist und ebenfalls bei Bedarf beheizt oder klimatisiert wird, hier drin kann man den Ausblick von oben genießen oder einfach entspannen, wenn ein Unwetter herrscht oder die Hitze draußen unerträglich wird.
Auch wenn alle Städte einzeln stehen und so aussehen, als ob sie komplett voneinander isoliert wären, so sind sie doch miteinander verbunden. Nicht nur durch die Magnetschwebebahnen, die in den Verbindungsröhren zwischen den einzelnen Städten fahren oder die Stege, auf denen man von einer zur anderen Stadt gehen kann.
Sondern auch die Menschen untereinander verstehen sich gut, sie können von einem Standort zum nächsten reisen und sich mit den dortigen Bewohner austauschen und unterhalten oder deren verschiedenen Lebensstile kennenlernen.
Aber das wichtigste ist, dass sich die Menschen seit der Großen Zerstörung gegenseitig unterstützen, helfen und vor allem respektieren.
Der Krieg hat riesige Schäden hinterlassen und unzählige Menschenopfer gefordert, viele Gebäude, Städte und ganze Staaten wurden zerstört.
Seitdem hat die Welt allmählich begonnen zu begreifen, dass gegenseitige Abschlachtung keine Lösung ist, denn einen weiteren Krieg in diesem Ausmaß würde die Menschheit nicht überleben.

Zurück

Autorin / Autor: von Tyro, 17 Jahre