Schockraum
Autor: Tobias Schlegl
Ungekürzte Lesung mit Oliver Rohrbeck
„Schockraum“ von Tobias Schlegl ist eine eindringliche Geschichte. Sie behandelt ein ernstes Thema. Gleichzeitig wirkt sie sehr realitätsnah, mit vielen unglaublich detaillierten Szenen. Nebenbei erfährt man unter anderem auch viel über Krankheiten, Verletzungen, Behandlungsbeginne und die Vitalwerte von Patient:innen. Nichtsdestotrotz sind neben unschönen Situationen und Fehlern auch menschliche Wärme, Zusammenhalt und so einige Lacher Teil der Geschichte.
In Wirklichkeit ist ein Schockraum ein spezielles Behandlungszimmer in der Notaufnahme, in welchem lebensbedrohliche Verletzte versorgt werden. Es bleibt, bis zum Schluss, ein zentrales Motiv der Geschichte.
Thema der Geschichte ist die psychische Situation eines Rettungssanitäters in der Großstadt. Protagonanist ist der junge Rettungssanitäter Kim. Er funktioniert weitgehend im System und in seinem Beruf, auch das Privatleben scheint auf den ersten Blick in Ordnung. Doch das ist vielleicht nur Fassade…
„Schockraum“ ist in der Ich-Perspektive verfasst, und so fährt man als Zuhörende im RTW mit, macht so einiges an krassen Ereignissen gemeinsam mit dem Protagonisten mit, fühlt seine Gedanken und Emotionen.
Im Laufe der Geschichte wandelt sich das Blatt, vieles wirkt merkwürdig: Der Protagonist hat Albträume und gruselige Tagträume, ist nicht mehr ganz bei der Sache. Kim leidet, und da einem – wie auch dem Protagonisten durch Verdrängung – das Hintergrundwissen fehlt, leidet man mit. Man fragt sich immer wieder, was nicht stimmt, warum Kim immer mehr neben der Spur ist und was er da verdrängt. Man ahnt, dass in der Vergangenheit etwas Schlimmes passiert sein muss.
Besonders intensiv empfand ich die Szene, als sein bester Freund Benny ihm eröffnet bzw. ihn daran erinnert, dass Kim doch seit einem halben Jahr von seiner Freundin Marie getrennt ist und sie wieder bei ihren Eltern wohnt. Er hatte also sogar das Ende der Beziehung im Berufsstress und im Verdrängungsprozess seines Traumas vergessen… das hat einem wirklich ein Schaudern verursacht!
Sein bester Freund Benny, mit seinen eigenen privaten Problemen, ist wirklich ein schöner Halt und Gedanke in der Geschichte. Er war tatsächlich auch mein Lieblingscharakter, Ein wenig unrealistisch fand ich aber, dass Kim sonst keine Freundschaften hat- für eine Person seines Alters doch eher untypisch. Insgesamt fand ich auch die Freundschaft durch Benny sehr stark gehalten, wohingegen Kim – auf den ersten Blick – mehr gezogen als gegeben hat. Er hätte auch mehr Kontakt zu seinen Eltern, auch nur durch Telefonate, in Anspruch nehmen können. Gleichzeitig gehören eine gewisse Isolation und weniger Reden wohl auch zum mentalen Bild des Protagonisten.
So richtig warm werden konnte ich nicht mit Lucy, einer jungen Frau, mit der Kim ganz langsam eine neue, stabile Beziehung eingeht. Sie wirkte auf mich zu ekstatisch und naiv. Sehr einschneidend fand ich – wie auch Benny in der Geschichte –, dass Kim nach einem Urlaub für sie sogar seinen bisherigen Alltag aufgibt. Das fand ich etwas schade, aber aus seiner Perspektive verständlich. Es zeigt auch die Tatsache, dass alle für ihr Glück selbst verantwortlich sind.
Ein kleiner Kritikpunkt: Kim hat vor der Geschichte ein intensives traumatisches Ereignis bei einem Einsatz erlebt und gemäß seiner Erzählung auch im Moment des Geschehens schon stark emotional und physisch reagiert. Ich empfand es von seiner Arbeitsstelle unmittelbar danach und auch von seinem Bekanntenkreis im späten Nachhinein nicht in Ordnung, dass ihm nicht dringend zu einer Therapie geraten wurde, um das Erlebte zu verarbeiten. Eine Alltagsflucht stellt eigentlich keine langfristige Lösung dar… selbstverständlich soll „Schockraum“ ein transparentes Bild von der aktuellen Lage von Rettungssanitätern zeichnen, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass auch diesem Personal – wie auch anderen Berufsgruppen – nicht professionell geholfen werden kann.
Insgesamt fand ich die Geschichte von Tobias Schlegl, selbst Sanitäter, sehr wichtig und eindrucksvoll erzählt, und empfehle die Lektüre oder auch die Hörbuch-Fassung gelesen von Oliver Rohrbeck, wärmstens weiter!
*Erschienen bei Osterworld Audio*
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Autorin / Autor: Margherita - Stand: 19. Oktober 2026