Wann wir Wut erkennen
Studie untersuchte, wie Menschen Anzeichen von Wut bei anderen erkennen und verarbeiten
Zeichnung: Sarema Babayeva
Glück, Traurigkeit, Ekel, Überraschung, Angst, Verachtung und Wut. Dies sind die Grundemotionen, die wir in der Regel mit Gesichtsausdrücken in Verbindung bringen. Sie gelten als universell und helfen uns dabei, die Emotionen und Absichten anderer schnell zu deuten. Unter diesen Emotionen spielt Wut eine besonders wichtige Rolle, da sie oft auf zwischenmenschliche Bedrohung oder Konflikte hindeutet.
Obwohl Wut zu den Gefühlen gehört, die wir in Gesichtern am leichtesten erkennen, ist in der Forschung relativ wenig darüber bekannt, wie diese Signale wahrgenommen werden und wie sich die Verarbeitung von Person zu Person unterscheiden kann. Liliana Capitão führte nun mit Unterstützung der Bial-Stiftung eine Studie am Zentrum für Psychologieforschung der Universität Minho durch. Sie untersuchte dabei, ob individuelle Unterschiede im Umgang mit der eigenen Wut damit zusammenhängen, wie wir diese Emotionen bei anderen erkennen.
An der Studie nahmen 60 gesunde Erwachsene teil, die zwei Aufgaben zur Emotionsverarbeitung lösen sollten. Bei der einen wurde ihre Fähigkeit zum bewussten Erkennen von Gesichtsausdrücken bewertet. Bei der anderen wurde gemessen, wie lange es dauerte, bis verschiedene Gesichtsausdrücke erkannt wurden, nachdem sie zunächst durch konkurrierende visuelle Reize verdeckt worden waren. Außerdem wurden verschiedene Wutausdruck-Arten untersucht, zum einen die Tendenz, Wut nach außen zu zeigen oder sie zu verbergen.
Ist es Wut oder Angst?
Die Ergebnisse zeigten je nach Aufgabe ein unterschiedliches Muster. Als die Teilnehmer:innen unverdeckte Gesichter betrachteten und gebeten wurden, das gezeigte Gefühl zu identifizieren, erkannten sie wütende Gesichter genauer als ängstliche. Wurden die Mimiken jedoch zunächst durch andere visuelle Reize verdeckt, gelangten ängstliche Gesichter schneller ins Bewusstsein als wütende Gesichter.
Auch individuelle Unterschiede der Teilnehmer:innen spielten eine große Rolle: Diejenigen, die ihre Wut eher nach außen hin zeigen, erkannten wütende Gesichtsausdrücke treffsicherer als ängstliche. Im Gegensatz dazu brauchten diejenigen, die dazu tendieren, ihre Wut zu unterdrücken, länger, um wütende Gesichter wahrzunehmen als ängstliche oder neutrale, wenn die Gesichtsausdrücke anfänglich durch andere visuelle Reize verdeckt waren.
Wut-Signale werden offenbar nicht einheitlich verarbeitet. „Die Art und Weise, wie jede Person mit Wut umgeht, hängt damit zusammen, wie sie diese bei anderen wahrnimmt“, sagt Liliana Capitão. Es sei wichtig, Emotionen aus einer mehrdimensionalen Perspektive zu betrachten und individuelle Unterschiede in Modelle einzubeziehen, die die Wahrnehmung und Regulierung von Wut erklären sollen. Denn die Beschäftigung mit dem Thema Wut sei bedeutend für die psychische und kardiovaskuläre Gesundheit, zwischenmenschliche Beziehungen und die Anpassung an das soziale Umfeld und bleibe eine große Herausforderung für die aktuelle Forschung.
Die Ergebnisse wurden in dem Artikel „The anger you see and the anger you don’t: awareness and expression styles in facial emotion processing“ veröffentlicht, der in der Fachzeitschrift „Cognition and Emotion“ erschienen ist.
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Autorin / Autor: Pressemitteilung / Redaktion; Bild: LizzyNet - Stand: 23. Oktober 2026