Das Baumhaus

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Juni, 13 Jahre

Nur noch ein letzter Swipe, nur noch ein letztes Video! Oder zwei? Ich liege auf meinem Bett. Das grellweiße Licht meines Handys strahlt mir mitten ins Gesicht. Ich bin wie in Trance. Jedes neue Video zieht mich in seinen Bann. Ans Aufhören denke ich nicht. Wozu auch? Immer mehr Videos erscheinen auf meinem Handy. Das Handy hält mich gefangen. Plötzlich ruft meine Mutter nach mir, doch ich beschließe, sie zu ignorieren. Das Video ist gerade wirklich spannend. Wenn es wichtig ist, wird meine Mutter schon von selbst kommen, und wenn nicht, ist das auch kein Problem. Und tatsächlich: Nachdem meine Mutter mich ungefähr zehnmal gerufen hat, steht sie irgendwann in meinem Türrahmen. Anders, als ich erwartet habe, sieht sie nicht sauer, sondern eher besorgt aus, doch ich erkenne auch ein bisschen Enttäuschung in ihrem Blick. Wortlos und mit ernster Miene gibt sie mir ihr Handy. Wer ist am anderen Ende? Und warum will diese Person ausgerechnet mit mir sprechen? Habe ich Mist gebaut? Eine Frauenstimme ertönt. Erst kann ich die Stimme nicht zuordnen, doch dann erkenne ich sie. Am anderen Ende ist Vanessa – die Mutter meiner besten Freundin Amelie.

Ihre Stimme habe ich schon lange nicht mehr gehört, schließlich besuche ich Amelie fast gar nicht mehr. Aber das muss ich ja auch nicht. Wir sehen uns jeden Tag in der Schule und nachmittags können wir einfach schreiben. Das ist sowieso viel entspannter. Ihre Mutter klingt extrem besorgt: „Amelie ist weg. Sie hat erfahren, dass ich und ihr Vater uns nun endgültig scheiden lassen wollen. Daraufhin ist sie wortlos aus der Tür gelaufen, ohne Handy. Sie ist schon seit Stunden weg. Hast du vielleicht eine Ahnung, wo sie sein könnte?“
Wo könnte Amelie sein? Ich habe keine Ahnung. So viele Fragen schießen mir gleichzeitig durch den Kopf. Ist etwas passiert? Überlegen ihre Eltern schon lange, sich scheiden zu lassen? Und warum weiß ich davon nichts?

Ich denke daran, wie viel Spaß wir früher zusammen hatten, wie wir alles miteinander geteilt haben. Besonders einen Sommer habe ich in Erinnerung. Damals hatten ihre und meine Eltern entschieden, nicht in die Ferien zu fahren, sondern stattdessen zu Hause zu bleiben. Erst fanden wir das total doof, doch dann kam Amelie eine Idee: Wir könnten uns doch unser ganz eigenes Baumhaus bauen. Und das taten wir dann auch. Es wurde der beste Sommer meines Lebens. War es auch Amelies bester Sommer? Ist sie vielleicht dort? „Ich habe eine Idee“, sage ich zu Amelies Mutter. So schnell ich kann, ziehe ich mir meine Schuhe an.
Die Zweige unter meinen Füßen knacksen. Ich höre Vögel zwitschern. Seit Ewigkeiten war ich nicht mehr hier, aber den Weg kenne ich noch genau. Je tiefer ich in den Wald hineinlaufe, desto mehr Erinnerungen strömen durch meinen Kopf. Dort sehe ich die Schaukel, die wir uns selbst gebaut haben, und dort unsere Schnitzerei in der Baumrinde. Ich könnte jetzt mein Handy anmachen und Musik hören, aber wozu?

Dann entdecke ich Amelie. Wie ich es vermutet habe, sitzt sie in unserem Baumhaus. Sie hat mich noch nicht gesehen. Will Amelie überhaupt, dass ich sie finde? Oder will sie alleine sein? „Bitte nicht erschrecken“, höre ich mich sagen, doch natürlich erschreckt sie sich trotzdem.
Ihren Blick kann ich nicht deuten. Ich sehe so viele Emotionen gleichzeitig.
Meine Beine bewegen sich ganz von alleine. Ohne ein Wort zu sagen, steige ich die Leiter hoch und setze mich neben sie. Ich weiß nicht, wie lange wir beide so nebeneinander sitzen, doch dann fängt sie an, von den letzten Monaten zu erzählen.
Ich bin erschrocken, wie viel ich nicht mitbekommen habe. Klar, es gab ein paar Anzeichen, ein paar Nachrichten: „Boah, meine Eltern nerven so“ oder ab und zu ein trauriger Smiley, aber was wirklich los war, das wurde durchs Handy einfach verschluckt.

Aber jetzt erzählt Amelie. Jetzt konzentriere ich mich auf das Hier und Jetzt. Jetzt höre ich zu!

Autorin / Autor: Juni