Als Mara zurück aus ihrem Auslandssemester kam, sah ich Alexa das erste Mal seit zwei Jahren wieder. Ich wusste erst überhaupt nicht, wie ich mich gegenüber ihr verhalten sollte, denn Alexa und ich hatten schon immer ein kompliziertes Verhältnis. Erst waren wir sehr lange Feinde (vielleicht sogar Erzfeinde), dann Freunde und zum Ende hin etwas komplizierteres, etwas mehr als Freunde.
Sie stand wie meistens alleine in der Ecke, also ging ich auf sie zu und stellte mich neben sie. Sie umarmte mich sofort und grinste mich an. Ich zückte eine Zigarette aus meiner Tasche und zündete sie an. “Rauchst du jetzt?” fragte sie und ich schüttelte den Kopf: "Partyraucher". Sie sah mich mit einem skeptischen Blick an: “Du weißt, wie schlecht das für dich ist, oder?” Typisch Medizinstudentin. Ich rollte die Augen und nickte: “Machen alle in Bremen.” Dann bemerkte ich den dicken Verband um ihre Hand.
„Uh, das sieht schmerzhaft aus. Was ist da passiert?“ “Wir mussten Nudel einschläfern und er hat nochmal fest zugebissen nach der Narkosespritze.” antwortete sie. Nudel war ihr Pudel, der mit ihr aufgewachsen war. Ich biss mir auf die Lippe. Ich war nie empathisch genug für solche Gespräche. Ich gucke mich suchend nach Mara um; wo ist dieses Mädchen, wenn man sie braucht?
Also war ich auf mich alleingestellt. “Oh, das klingt grausam, tut mir voll leid für dich.”
Ich überlege, ob ich ihr eine Umarmung anbiete, aber weiß nicht, wie es gerade um uns steht, da ich sie ja so lange nicht mehr gesehen hatte. Gott sei Dank kam in dem Moment Mara und holte uns zum Kartenspielen in den Garten und den Rest des Abends hatten wir andere Freunde als Puffer zwischen uns. Aber als wir uns dann nach Hause machten, fuhren wir zusammen mit dem Bus und die stockende Konversation mit Alexa ging weiter. Es war so merkwürdig zwischen uns und ich wusste nicht, wie man unsere Beziehung in Worte fassen konnte. So vieles waren wir schon, so eine lange Geschichte hatten wir, und nun standen wir da und hatten uns nichts mehr zu sagen. Nachdem wir schon einmal Fast-Liebhaber waren.
Sie redete weiter über ihren toten Hund und ich habe probiert, mich auf das Gespräch zu konzentrieren, aber versank in Gedanken über unsere Geschichte. Ich kann nicht genau sagen, wann ich zum ersten Mal bemerkt habe, dass Alexa in mich verknallt war. Vielleicht war es, als wir dieses Kartenspiel gespielt haben und sie mich immer gewinnen lassen hat und mich dabei angegrinst hat. Oder als sie sich schöner als je zuvor gemacht hat für meinen Geburtstag und mit einem selbstgemachten Geschenk ankam, was keiner übertreffen konnte. Wir kannten uns schon seit Ewigkeiten und waren schon alles einmal - Fremde, Feinde (vielleicht sogar Erzfeinde), Freunde und nun, wollte sie etwas mehr werden? Es hätte mich nicht überrascht.
Jedenfalls hat es kein anderer kommentiert, also war ich mir nicht sicher, ob ich mir das alles einbilde. Und dann hatten wir diesen Urlaub im Sommer, wo wir in einem Bett schlafen mussten und spätestens da habe ich erwartet, dass jetzt was von ihr kommt. Ich hatte gehofft, dass sie den ersten Schritt macht,weil ich sie nicht gerne genug mochte, um mich potenziell zu blamieren und ein "Nein" als Antwort zu bekommen.
Mittlerweile wünschte ich, ich hätte sie damals gefragt, was sie fühlt. Einfach nur um zu wissen, wie sie sich wirklich fühlte und mich nicht mein ganzes Leben lang zu fragen, wie zwischen uns eine Beziehung ausgesehen hätte.
Es wäre bestimmt schön gewesen, seine ersten Erfahrungen mit einer Person zu haben, die man schon so innig kennt. Wir waren sehr kompatibel von unseren Interessen her, hätten tagelang über Bücher reden können.
Als ich ihr wieder zuhörte, redete sie immer noch über Nudel. Und ich verstehe, dass das für sie wichtig war, aber sie konnte über nichts anderes mehr reden. Ich hab mich gefragt, was sie jetzt so für Hobbys hat oder was sie für neue Leute kennengelernt hat, seitdem wir nicht mehr in der gleichen Stadt wohnen. Es würden bestimmt introvertierte Menschen sein. Die interessiert sind an Wissenschaften und Mathe. Meine neue Freundesgruppe ist ganz anders: extrovertierte Sozialwissenschaftler.
Sie war in der Schule so schlau und konnte beides gut, die Natur- und Geisteswissenschaften. Aber nun hat sie sich ja ganz klar für eins entschieden. Es fühlt sich so an, als war das auch eine Entscheidung gegen mich. Gegen ein Leben, was wir hätten zusammen führen können. So wie wir jetzt sind, würden wir absolut nicht zusammen passen. Ich denke von allen Sachen, die wir schon mal waren - Feinde, Freunde, vielleicht etwas mehr- war es auf jeden Fall am schlimmsten, was wir gerade waren. Wir hatten so viel zusammen durchgemacht, nur um am Ende Fremde zu sein. Fremde, die so viele Erinnerungen zusammen haben, dass es wehtut. Fremde, die keine normale Konversation mehr hinbekommen, obwohl sie mal jeden Tag zusammen verbracht haben. Fremde, die in parallelen Universen wirklich alles andere sein können. Aber in dem hier sind wir nur zwei Fremde, die sich wünschen, dass sie’s nicht wären.