Das Mädchen von früher

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Aurelia, 15 Jahre

Als sie Jahre später klingelt und sagt, dass es ihr leid tut, habe ich ihr nicht verziehen. Aber im Nachhinein war unsere Freundschaft es wert. Sie wird immer eine wichtige Person in meinem Leben bleiben, auch wenn ich diese Freundschaft verloren habe. Die Erinnerungen an unsere gemeinsamen Abenteuer überwiegen den Verlust. Und nur deshalb bin ich auch jetzt noch für sie da. Auch wenn ich ihre letzte Wahl bin oder gerade, weil sie niemanden hat als mich.
Wir gehen in den Süßigkeitenladen, den ich kenne, seit wir vor fünf Jahren weggezogen sind, sie aber nicht. Wir kaufen die Süßigkeiten von früher und für mich noch andere, weil ich keine Gelatine mehr esse. Wir setzen uns auf eine Bank, auf der ich Mittwochs immer Musik höre bis ich meine Schwester abholen muss. Sie kennt die Bank nicht. Sie kennt meine Schwester nicht.
Dann fahren wir mit der S-Bahn los, dieser einen bestimmten, in der meine Freundin, eine Freundin von hier, ein Filzstift-Herz an die Tür gemalt hat. Nur ich sehe es, weil ich weiß, wo es ist. Sie versteht es nicht, als ich es ihr zeige, weil sie nicht dabei war. Wir setzen uns hin, es geht aus der Stadt raus in den Wald, der genau zwischen uns liegt, und den ich noch manchmal besucht habe, um sie zu vermissen. Aber wir reden nicht, nicht so wie früher immer auf der Fahrt zu unserem kleinen Baumhaus im Wald. Wir schauen in verschiedene Richtungen und schweigen. Jetzt würde ich gerne etwas sagen, aber mir fällt nichts ein. Also warte ich noch ein bisschen länger und sie wartet auch. Wir stehen auf, als wir das kaputte Licht im Tunnel sehen, weil das jetzt die gleiche Strecke wie früher ist und wir sie beide kennen. Das erste Mal haben wir irgendwie wieder was gemeinsam. Wir schauen uns an und lächeln. Ich verstehe wieder, warum wir beste Freundinnen waren.
Aber die Haltestelle ist leer und es ist seltsam, weil wir als Grundschulkinder nie im Dunkeln hier waren.
Trotzdem gehen wir drei Meter in den Wald und schauen hoch zu unserem Baumhaus, das nicht mehr aussieht wie vor fünf Jahren und gerade zerfällt. Jetzt fällt mir ein, was ich fragen kann: „Willst du reden?“ Es ist nichts langes oder kreatives und ich weiß auch nicht, was ich tun soll, wenn sie ja sagt.
„Nein“, sagt sie. Sie sieht wieder so traurig aus und ich verstehe sie gut, weil ich Einsamkeit kenne. Eine Weile schweigen wir wieder.
„Ich weiß nicht, was ich will.“
Ich weiß es auch nicht. Ich umarme sie und frage mich gleichzeitig, ob es seltsam ist, jemanden zu umarmen, den man Jahre nicht gesehen hat. Aber ich glaube, sie findet es gut. Sie umarmt mich zurück und ich höre ein bisschen auf mich zu versteifen.
„Wollen wir hoch?“, frage ich. Weil das Baumhaus kaum noch existiert, setzen wir uns auf die Zweige. Wir öffnen die Süßigkeiten und essen sie. Sie beißt den Gummibärchen den Kopf ab, wie wir es früher immer getan haben, aber meine vegetarischen Gummibärchen haben keinen Kopf. Ich lehne mich zu ihr, nehme mir eins von ihren und reiße den Kopf ab. Ihre Lippen formen ein Lächeln, aber ihre Augen lächeln nicht mit. Sie glitzern im letzten Licht des Abends. Weint sie? Ich will nicht nachfragen, weil das doch komisch wäre, aber nach Zögern rutsche ich zu ihr. Unsere Arme berühren sich. Das ist auch komisch. Früher war es nie komisch. Der Wald rauscht und gibt uns eine Hintergrundmusik, macht die Stille weniger still. Ein Vogel singt uns ein Lied.
Jetzt fängt sie doch an zu reden. Vielleicht ist das gut, weil ich dann nicht reden muss.
„Irgendwie versteht mich niemand mehr. Ich stehe immer nur daneben und höre zu. Ich habe das Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Und das schlimmste ist, dass ich mich auch selbst hasse. Ich wünschte, ich könnte einfach mit ihnen über ihre Themen reden und ich wünschte, ich hätte dir nie dieses Gefühl gegeben. Es ist ein Scheißgefühl.“ Wir schweigen. Warum, würde ich gerne fragen. Warum haben wir uns dann in der Grundschule so auseinandergelebt, wenn du es auch nicht wolltest? Aber es käme mir blöd vor.
„Wir müssen nicht darüber reden“, sage ich. „Wir können auch einfach zusammen nicht darüber reden.“
Jetzt gerade denke ich, dass es nicht ihre Schuld war, dass wir uns seit fünf Jahren nicht gesehen haben. Vielleicht war es gut. Ich denke, manchmal lebt man sich einfach auseinander und verändert sich. Aber man muss ja nicht gleich sein, um einfach für jemanden da zu sein. Wir müssen nicht plötzlich wieder Freundinnen sein. Wir können hier im dunklen Wald aneinander gelehnt sitzen und einfach füreinander da sein. Nur jetzt und heute.

Autorin / Autor: Aurelia