Mit stumpfen Waffen

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Paul, 15 Jahre

Ich blickte mich um, wo war ich gelandet? In der Luft lag ein beißender, schwefeliger Geruch, und zu meinen Füßen lagen ein silbernes Schwert und ein hölzerner Schild. Ich hob meinen Kopf und musste zu meinem Entsetzen feststellen, dass ich vor dem Eingang einer monumentalen Höhle stand. In der Höhle schien sich auch der Ursprung dieses ekelhaften Gestanks zu befinden. Doch noch bevor ich mich intensiver damit beschäftigen konnte, bereitete mir dieser unheilverkündende Schlund im Gestein erneut Sorgen, weil eine liebliche Mädchenstimme daraus erscholl. Als ich diese Stimme hörte, lächelte ich unwillkürlich, und es fühlte sich so an, als würde ich von einer fremden, unnachgiebigen Hand in den Berg gezogen. Diese fast schon melodische Stimme zog mich so sehr in ihren Bann, dass ich erst gar nicht erfasste, dass sie flehentlich um Hilfe rief. Erst nach dem zweiten Schrei wurde mir dies bewusst. Doch das änderte nichts an dem unwiderstehlichen Drang, sofort ins Dunkle zu rennen, die Schreihälsin so schnell wie möglich zu Gesicht zu bekommen und sie aus dieser offenbar sehr unangenehmen Situation zu befreien.
Und ohne weiter nachzudenken, hob ich den Schild und das Schwert vom Boden auf und rannte ins Ungewisse.

Nach wenigen Metern schlug mir ein Hitzeschwall, begleitet von einem gleißenden Licht, entgegen. Doch mich konnte nichts mehr aufhalten, ich rannte einfach weiter, bis ich einen riesigen Raum betrat. Dieser war nur spärlich von ein paar Fackeln beleuchtet. Zu meinem Entsetzen lehnten an den Wänden mindestens drei Dutzend menschliche Gerippe. Mit dieser beunruhigenden Tatsache konnte ich mich jedoch nicht lange aufhalten, da die Stimme erneut nach Hilfe rief. Wenn ich meinen Ohren Glauben schenken konnte, war das Mädchen, nach dem mein Herz sich so sehr sehnte, fast schon zum Greifen nah. Wenn ich mich nicht täuschte, war sie direkt hinter der nächsten Ecke. Also rannte ich dem mulmigen Gefühl in meinem Bauch zum Trotz mit erhobener Waffe und gezücktem Schild um besagte Ecke. Und da war das Mädchen mit der betörenden Stimme. Sie hatte tiefblaue Augen, und ihr langes, blondes Haar trug sie offen, sodass es ihr fast bis zu den Hüften fiel und ihre elegante, fast schon grazile Figur perfekt betonte. Ein ungehaltenes Schnauben riss mich aus meinem tranceähnlichen Zustand, und widerwillig musste ich meinen Blick abwenden. Der Kontrast hätte gravierender nicht sein können, denn neben dieser gar vollkommenen Schönheit stand ein hässlicher, fast abscheulicher Drache, welcher mich ungehalten taxierte. Ich stand einfach nur da, mit meinem erhobenen Schwert in der einen und meinem hölzernen Schutz in der anderen Hand, und starrte die Furie an. Dann fiel mir auf, dass eben jene ein Gesicht hatte, und was beinahe noch beängstigender war: Ich kannte dieses Gesicht. Es war jenes meiner Geografielehrerin. Die Bestie wollte mir offenbar keine Zeit zum Denken lassen, denn sie holte tief Luft, um mich mit dem nächsten kräftigen Ausatmen bei lebendigem Leibe zu flambieren. Doch bevor dies geschah, wollte ich noch einen letzten Blick auf die Grazie werfen und ihr wenigstens einen poetischen Satz von meinen Lippen bescheren. Und so sah ich noch einmal zu ihr hin, schaute ihr tief in die Augen und sagte: „Alter, bist du scharf.“ Noch bevor ich mich über diese unflätigen Worte ärgern konnte, bekam ich eine Ohrfeige, dass mir kurz Hören und Sehen verging. Das eben noch so verängstigt dreinschauende Gesicht der Prinzessin war einer erzürnt dreinblickenden Fratze gewichen, welche mit einer nicht mehr ganz so lieblichen Stimme schrie: „Du Schwein, glaubst du wirklich, dass du mich damit kriegst.“ Und auch der Rest meiner Umgebung rasant veränderte sich. Der Drache trug auf einmal einen Schal und ein T-Shirt. Aus den schroffen Felswänden wurden glatte Sichtbetonwände, und die Gerippe an der Wand transformierten sich zu erheitert dreinblickenden Jugendlichen, welche an Tischen saßen. Und auch ich blieb nicht verschont. Aus meiner stattlichen Rüstung wurden ein Pulli und eine Jeans. Außerdem mussten die eben noch so stolzen Waffen in meinen Händen Lineal und Atlas weichen. Wie konnte das passieren? Eben hatte ich noch mit Schwert und Schild eine bildhübsche Prinzessin aus den Fängen eines garstigen Drachen befreit, und jetzt sitze ich hier im Geographieunterricht, mit erhobenem Lineal und meinem Atlas vor der Brust, vor meiner erzürnten Geografielehrerin, und meine Traumfrau starrt mich einfach nur noch angeekelt an.

Autorin / Autor: Paul