Ich scrolle, wie beinahe jeden Tag durch Social Media und lasse mir die schönsten Urlaube, neusten Modetrends und hunderte, perfekte Leben anderer ausspielen. Während ich in dieser scheinbar perfekten Welt versinke, vergleiche ich mein Leben mit denen, die strahlend ihre neusten Dinge in die Kamera halten. Ich habe seit Jahren das gleiche Handy, keine produktive Morgenroutine und schaffe es erst recht nicht, mich jeden Tag gesund zu ernähren. Unsicher wandert mein Blick durch mein Zimmer, denn ich habe auch keinen Fernseher oder andere materielle Luxusgüter, zumindest nicht jene Art, die ich in beinahe jedem Clip gezeigt bekomme.
Dass ich stattdessen einige Aufnahmen aus glücklichen Momenten an den Wänden hängen habe, in denen mein Handy und Social Media keine Rolle gespielt haben, weil ich mit anderen, realen Menschen gefeiert und gelacht habe, bemerke ich nur kurz.
Ich scrolle weiter und mir begegnet eines der Videos, bei denen die Sicht vor meinen Augen verschwimmt und ich plötzlich Nässe auf meinen Wangen spüre. Schon wieder eine schlechte Nachricht. Die nächste Meldung über Gewalt, Krieg oder Katastrophen. „Kann nicht einmal alles gut sein? Warum sind Menschen so?“, frage ich mich und wische mir über die Augen.
Das Schlimmste ist allerdings, wenn diese Nachrichten so eine Reaktion nicht einmal mehr in mir auslösen. Manchmal starre ich auf die Buchstaben von dem Beitrag über den Ausgang irgendeiner Wahl und es regt sich nichts mehr in mir. Diese Wut, die einst da war, ist verschwunden. Überschattet von Ernüchterung und Pessimismus. Jeder erzählt mir, dass mir die beste Zeit meines Lebens noch bevorsteht, aber in Momenten wie diesen frage ich mich, ob sie wirklich recht haben. Das ist die Welt, in der ich aufwachse. Eine, die von Hass, Gewalt und Krisen bestimmt wird. Wo soll zwischen diesem ganzen Leid die beste Zeit meines Lebens stattfinden? Zwischen Trümmern und Trauer, weil der Krieg nicht so weit weg war, wie wir einst vermutet hatten? Frustriert stelle ich mir diese Fragen, obwohl ich genau weiß, dass sie mir niemand beantworten kann.
Ein weiteres Mal bewegt sich mein Finger auf dem Display, ich weiß nicht einmal warum. Vielleicht weil ich das Gefühl habe, nichts verpassen zu dürfen. Aber vielleicht auch nur, weil der Algorhythmus dafür sorgt, dass ich nicht wegschauen kann und doch immer weiter Videos anklicke und Nachrichten lese. Die Aufnahme, die jetzt vor meinen Augen erscheint, ist fake. KI, wie mittlerweile viel zu viele Videos. Ich weiß, dass meine Oma das nicht erkennen würde, aber noch kann ich es. Irgendwie bin ich froh, aber gleichzeitig frage ich mich, wie lange es wohl dauert, bis meine Generation auch nicht mehr zwischen Realität und künstlicher Intelligenz unterscheiden kann.
Seufzend mache ich mein Handy aus und schließe die Augen. Mir ist schlecht von all den Nachrichten, die mich ungefiltert erreicht haben. Schwere liegt auf meinem Herzen, weil ich das Leid nicht beenden kann und zusehen muss, wie es immer größer wird. Und dann, ein Video weiter sehe ich die neuesten Produkte meiner Lieblingsmarke, die bald auf den Markt kommen und danach ein süßes Katzenvideo, als würde das alles perfekt zusammenpassen und wäre nicht eine ironische, gegensätzliche Mischung unseres Alltags.
Vor lauter Angst, Weltschmerz und den neuesten Trends vergaß ich, wie so viele andere, zu leben. Im Hier und Jetzt. Momente zu genießen und dankbar für mein Leben zu sein, statt immer nur Mitleid für das der anderen zu haben. Ich sollte die Leere in mir, die durch Social Media entstanden ist, mit Momenten füllen, die mit dem Handy nichts zu tun haben. Diese Erkenntnis endlich, nach viel zu langer Zeit begreifend, fiel mein Blick zurück auf die Fotos an der Wand über meinem Bett. Plötzlich waren sie nicht mehr zu wenig oder langweilig, sondern immer eine Erinnerung an das, was wir viel zu oft vergaßen: Das Leben fand nicht auf irgendwelchen Apps statt, sondern direkt vor unserer Haustür.