Die Farben des Dreivierteltakts

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Fiona Apelt, 20 Jahre

„Da da da daa, da da …” haucht eine Melodie durch das Haus. Es ist Sonntag, warme Sonnenstrahlen durchfluten das Haus. Der Geruch von Pflaumenmus auf dem Herd umhüllt die Süße des bevorstehenden Tages. „Da da da da da, da di da…” säuselt es weiter. Ein Orchester lädt zum Tanze ein, zum Tanz auf dem Feld, zwischen den schönsten Blüten.
Unbemerkt wippe ich erst mit der Hand mit, doch schon bald wiegt mein Körper im sanften ¾-Takt – hin, hin und her – hin, hin und her. Hach, denke ich, so fühlte es sich an, Kind zu sein. Die Musik, der Duft – als wäre ich wieder 10. Leider ist dieses Gefühl irgendwann verschwunden. Naja, ich bin ja auch kein Kind mehr!
Diese „Kindheit” ist wohl einfach irgendwann vorbei.

Wobei … sich dieses Jahr schon die ganze Zeit verdächtig nach Früher anfühlt. Die Vögel singen, die Natur duftet, ja auch die Farben der Welt leuchten wieder bunter. Die Welt wirkt sogar bunter als der Filter auf Instagram.
Seitdem spaziere ich auch wieder öfter. Gut, es liegt vielleicht auch ein bisschen daran, dass ich nicht mehr den ganzen Nachmittag an meinem Schreibtisch mit Hausaufgaben beschäftigt bin und mir all diese schönen Dinge nicht nur auf meinen Bildschirmen ansehen kann. Die Welt auf Instagram ist bunter als am Schreibtisch, aber die echte Welt bunter als online.
„Da da da daa, da da …“ flüstert es wieder. Sogar das Orchester klingt fröhlicher als in den letzten Jahren. Ich setze mich auf mein Bett und genieße das Gefühl.

Mein Bein wippt immer noch, den süßen Klängen ist einfach kein Widerstand gewachsen. Aber woher kommen sie überhaupt? Ich folge der inzwischen nächsten, vertrauten Melodie durch die Wohnung und auf einmal höre ich sie – die Stimme meiner ersten Liebe. Ich habe sie lange nicht gehört.

Die Meditation! Nein, nicht die, mit der ich laut Influencern den besten Start in den Morgen habe. Sie singt die Méditation aus der Oper Thaïs, so zart, dass ich plötzlich einen tiefen, friedlichen Moment der Heilung spüre. Ich summe mit. Langsam wiege ich mit, diese Melodie und die Stimme … sie sind einfach unwiderstehlich! Dieses Glücksgefühl, meine alte Liebe wiederzufinden, überwältigt mich. Wie eine Ballerina gleite ich tanzend durch das Zimmer. Sie singt, sie singt so wunderbar, dass ich mich ihr ergebe.

Ich greife zu meiner Geige und stimme mit ein. So wie ich die Melodie nie vergessen habe, haben auch meine Finger sie nicht vergessen. Etwas zögerlich, um sie ja nicht zu übertönen, lasse ich meinen Bogen über die Saiten streichen. Zusammen vertiefen wir uns in das Stück, gleiten Takt für Takt, Zeile für Zeile.
Naja – sie klingt etwas glatter als ich. Lange hatte ich keine Zeit mehr für meine Geige, zumindest kam es mir immer so vor. Man holt sie nicht wie das Handy aus der Hosentasche und legt sie nach zwei Minuten wieder weg. Man stimmt sie, man spielt sich ein, man übt.

Außer heute, da umarme ich sie und träller gemeinsam mit meiner ersten Liebe. Es muss nicht gut klingen. Es muss nicht professionell klingen. Es darf etwas quietschen und der Finger mal etwas daneben liegen, denn ich spiele nur für mich. Und vielleicht, vielleicht spiele ich eines Tages wie der Solist im Radio meine erste Liebe – die Geige. Damals habe ich sie gehört, mich verliebt und gelernt, sie zu spielen. Mit der Zeit, bis nachmittags Schule und dann Social Media scrollen, habe ich sie nur noch gehört und geliebt. Aber nicht mehr gespielt. Und lange dachte ich, sie zu hören sei das Gleiche.

Aber die Farben auf Social Media, sie sind nicht ganz so leuchtend und vor allem nicht so echt wie beim Spazieren. Auch das Gefühl der Geige lässt sich nicht ersetzen. Die besten Kopfhörer klingen nicht wie eine live gespielte Geige.
All diese Dinge kann man online zwar sehen und hören, aber eben nicht fühlen. Dieses Gefühl ist nicht das Gefühl der Kindheit. Es ist das Gefühl des wirklichen Lebens.