Take me home

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Jasmin Lottar, 15 Jahre

„Dark and dusty, painted on the sky
Misty taste of moon shine … “


Münder sind offen, formen Worte, entlassen sie hinaus. In die dunkle Stille der Nacht, die uns wie eine steinerne Mauer umgibt.
Wir lachen, singen, reden, füllen das große Nichts um uns herum und reißen sie ein.

„Teardrops in my eyes
Country roads, take me home”


Ich blicke in Gesichter von Menschen, Bekannten sowie Unbekannten, Freunden und Familien, ich sehe:
Glühende Augen, zu Lächeln verzogene Lippen, im Feuerschein funkelnde Gesichter.
In unserer Mitte: Ein unberechenbares Geschöpf aus Flammen, das uns jeden Moment verschlucken könnte, bis bloß noch dunkle Asche von uns übrigbleibt. Jedoch wirkt das Lagerfeuer gerade eher wie ein Bekannter, vielleicht sogar ein Freund, der seine strahlenden und zugleich schützenden Arme um uns schließt. Ich weiß, ich muss mich nicht fürchten, ich bin nicht allein - alles ist gut.
Und vielleicht ist das auch der Grund, aus dem mein Geist sich genau diesen Abend ausgesucht hat, um eine Reise in meine Vergangenheit anzutreten – denn sonst kann ich mir nicht erklären, warum plötzlich seltene Bilder in den Flammen erscheinen.

„ All my memories gather 'round her”

Du und ich.

Lachend im Regen, bewaffnet mit einem Regenschirm in der Hand, der sicherlich bereits besser Tage gesehen hat.

Naja, und wie das Schicksal es mal wieder so will, haben sich in diesem Sturm anscheinend nicht nur der Wind, sondern auch unser treuer – eigentlich wasserfester – Begleiter gegen uns verschworen. Mein ungläubiges Gelächter, dein ehrliches Schmunzeln, zwei Augenpaare, die sich anfunkeln … und plötzlich ist alles egal. Die Kälte der Regentropfen, die unsere Haut benetzen, tritt in den Hintergrund und verblasst, weicht einer wohligen Wärme.


Das Bild verschwimmt, wackelt, beginnt durch die Flammen zu glühen, es wechselt.

Du und ich.
Du fegst über den Platz, Schläger in der Hand, immer nach dem Ball jagend, der durch die Lüfte schießt.
Ich tue es dir gleich, versuche deine Bewegungen nachzuahmen, will auch diese Leichtigkeit spüren, von der du so oft geschwärmt hast.
Und tatsächlich fühle ich sie:
Die Magie, die in der Luft liegt, wenn man nur noch ein Ziel hat.
Du rufst mir Anweisungen zu, ich bewege mich nach deinen Worten.

Sekunden werden Minuten, verwandeln sich in Stunden.
Zeit – hier gleich der Wolke aus rotem Staub, die sich um uns herum bildet.


Rot.

Du und ich.
Ich renne, spüre jeden einzelnen Grashalm unter meinen nackten Füßen sowie dein ungläubiges Kopfschütteln in meinem Rücken.
Mein Körper vollführt Pirouetten, mir ist es egal, ob andere Menschen mich so sehen.
Und endlich lässt du es auch zu, läufst hinter mir, während ich grinse.
Wir lachen ohne Grund, tanzen ohne Sinn, singen ohne Text und Melodie.
Oder doch?
Was, wenn es nun endlich wir beide sind, die beginnen, ihren eigenen Song zu schreiben?


Im Wind wehende Haare verwandeln sich in lodernde Flammenzungen – doch ich will mehr, brauche mehr von dem, was wir oft vergessen.
Meine Augenlider schließen sich wie von selbst und ich dringe weiter hinein, in das unendlich komplexe und verwinkelte Universum meiner Erinnerungen.

Du weinst nicht, ich schaue dich an.
Du sprichst nicht, während ich dich innerlich darum flehe, es zu tun.
Stumm geworden bist du, jetzt, obwohl es eigentlich so viel zu sagen gäbe. Antworten, Erklärungen oder einfach bloß simple Worte, die beweisen, dass du noch da bist, lebst und nicht bloß existierst, so wie du immer gesagt hast.
Du schaust aus dem Fenster deines Zimmers und ich schließe die Augen, versinke in der Stille deiner Gefühle, die du versuchst zurückzuhalten.
Doch ich bin da und gehe nicht weg - ich habe dir das immer gesagt, doch wahrscheinlich hast du mir nicht geglaubt.
Du kämpfst, während ich innerlich verabscheue, dass ich in diesem Moment nichts anderes für dich tun kann, als da zu sein und zu warten, bis du mich brauchst.

Bitte, ich flehe dich an,
lass es zu.

„Take me …

Plötzlich wird mein Sichtfeld wieder scharf.

… to the place I belong”

Ich blicke auf und sehe dich endlich an.
Du lächelst, deine Finger klebrig von den zuckrigen Marshmallows in deiner Hand – wie sehr wir beide diese Camping-Tradition lieben.
„Alles gut?“ – fragen deine Augen, wortlos drücke ich dich ganz fest.
Denn ja, es ist alles gut, ist es vielleicht schon immer gewesen. Ich habe bloß nie erkannt, dass ein wahres Gut nicht bedeutet, keine schlechten oder schwierigen Momente überstehen zu müssen, sondern, dass es darauf ankommt, wie und mit wem man alle durchlebt. So oft dachte ich, ich sei allein und so oft habe ich die Augen vor der Wahrheit verschlossen.
Denn du warst es immer.
Egal wie, wann oder wo.

„The place where I belong.”












Autorin / Autor: Jasmin Lottar