Zwetschgen

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Hannah Burckhardt, 26 Jahre

Jeder Raum in diesem Haus riecht ein wenig anders. Das Zimmer von Halimedes Mitbewohnerin riecht nach Rauch in Kleidung und Vorhängen, von Lagerfeuer oder Zigaretten. Das Zimmer ihres Mitbewohners riecht nach Rasierwasser, Männerparfüm, es erinnert mich an seinen neugierigen Blick auf mir. Der dunkle Flur riecht nach altem Holz. Der Garten riecht nach Regen und Herbstäpfeln, nach dem süßen und frischen Geschmack meiner Kindheit. Die Zwetschgen sind noch nicht ganz reif, trotzdem zerplatzen die säuerlichen Aromen fröhlich in meinem Mund. Ich erwische eine wurmbefallene und der vergorene Saft läuft mir wie Likör das Kinn hinab. Die Zwetschgen sind so blau wie mein Kleid.

Halimedes Zimmer ist kühl und riecht nach Halimede. So roch vor vielen Jahren ihr bunter Schal, den ich morgens anzog, um den Geruch den ganzen Tag über bei mir zu haben. Er erinnerte an die dunkle Wohnung von Großeltern, doch ich liebte ihn. An anderen Tagen roch sie wie Blut und Fleisch, nur ohne Schmerz und Tod. Nie jedoch roch sie wie ein Apfelbaum oder wie ein Frühlingsmorgen.
Darüber zu schreiben, ist leicht. In einem weisen Buch steht: „Nur, was schwierig ist, bereitet Freude.“ Muss ich also über schwierige Dinge schreiben?

Meine Therapeutin sagte, ich solle meine Eifersucht, meine Fantasien von Dreiecksbeziehungen zu Literatur machen. Eine schwierige Sache ist die Fantasie, ihn Halimede wegzunehmen. Ich weiß natürlich, dass ich ihn nicht verführen könnte. Verführen wie eine Sirene mit dunkelblondem Haar und dunkelblauen Schuppen, die das Ufer heraufkriecht und den Mund öffnet. Eine Zwetschge in den Mund nimmt, aufisst.

Ich hoffe, dass er sich von dieser Sirene nicht verführen lassen würde. Ich hoffe, dass er keine Frau will, die ihm immer offensteht. Ich hoffe, dass er Halimede wirklich liebt und sich wirklich kümmert – um sie und um andere – und stark und ehrlich ist. Echtes Verliebtsein ist vielleicht der freundschaftlichen Liebe ähnlich: Sie ist der Wunsch, gehalten zu werden.

Was ich für Halimede empfinde, ist kein echtes Verliebtsein. Echtes Verliebtsein wünscht Glück. Echtes Verliebtsein lenkt mich nicht ab, ist nicht ungerecht. Doch ich kann nicht aufhören, sie zu bewundern. Ich kann nicht aufhören, mir ihre Liebe zu wünschen – wahrscheinlich, weil ich glaube, sie würde diesen wunden Punkt tief in mir heilen. Dabei weiß ich nicht, ob überhaupt etwas diesen wunden Punkt heilen kann.

Echte Liebe war zwischen uns, als sie mich in den Arm nahm und mir sagte, ich könne ihr alles sagen, all meine verrückten Gefühle, sie würde sie verstehen. Als sie auch danach nicht vor mir zurückwich, sondern ganz dicht vor meiner Nasenspitze stehenblieb. Da wusste ich: Sie meint es ernst. Ich kann ihr vertrauen. Und wenn ich mich danach versteifte, um ihr ja nicht das Gefühl zu geben, ich wolle sie berühren, da beugte sie sich über ihren Sessel und umarmte mich, lag in unbequemer Position über mir. „Jetzt komm doch mal zu mir ins Bett, du bist viel zu weit weg“, sagte sie. Und auf einmal sprach ich nicht mehr von der Bewunderung. Ich sprach von wichtigen Dingen.

Ich stehe auf der obersten Treppenstufe und blicke auf dunkelgrüne Blätter und lilafarbene Zwetschgen, die sich im Wind wiegen, wie eine Piratin auf die weite See.

Autorin / Autor: Hannah Burckhardt