Wo wir waren, wie spät es war, wer noch so da war… davon bekam ich nichts mehr mit. Aber eines war ganz klar, drängte sich mir förmlich auf – ich wollte nicht, dass dieser Moment jemals endete, alles war perfekt, ihre grinsenden Mundwinkel, die Sonnenstrahlen um uns herum brachen und warfen einen milchigen, orange-gelben Strahl um uns und wir lachten, worüber war uns egal, alles war uns egal – in Augenblicken vergaßen wir alles um uns herum, alle Tränen, die sich in den letzten Tagen und Wochen ihren Weg über unsere Wangen hinab zum Kinn gebahnt hatten und dort abtropften oder sorgfältig von unserem Gegenüber abgewischt wurden. Beide waren wir glücklich, doch was wir taten, war falsch, für alle die uns begleitet haben, für alle, die mit uns gelitten hatten oder uns zum Leiden brachten und eigentlich hätten wir uns schlecht fühlen müssen – aber so unfair es auch war, was wir taten, es fühlte sich richtig an, es fühlte sich echt an und keine von uns beiden hätten diese wenigen Minuten des Glücks missen wollen, wir bereuten nichts und das würden wir nie. Was von uns erwartet wurde, war egal, solange wir einander tief in die Augen blickten, uns war egal, was wir versprochen, ja geschworen hatten, die Euphorie über die gemeinsame Zeit, so kurz sie auch war, überwältigte uns und wir konnten uns lange nicht fassen. Unser eigenes Glück war egal, solange es der anderen gut ging, dann würde es einer selbst auch gut gehen.
Allein der Gedanke, sie loslassen zu müssen, ließ mir Tränen in die Augen schießen, ich wusste ja, wie unsere Gefühle biologisch zustande kamen und wenn ich daran dachte, dass diese Freiheit, dieses Glück, diese Emotionen irgendwann abklingen würde, löste das enorme Trauer in mir aus, so dass ich weinte, allein, in meinem kleinen Zimmer, für das ich mich so sehr schämte, in dem Haus, in das ich mir geschworen hatte nie irgendjemanden einzuladen – wir erzählten uns alles, doch ich brachte es nicht übers Herz, das anzusprechen. Auch wenn mich ihre Reaktion darauf so sehr interessierte, aber die Angst, sie damit zu verletzen, war größer als mein Mut, als meine Aufrichtigkeit.
Und dann trafen wir uns wieder, es war nur eine eineinhalb bis zweistündige Fahrt, die uns trennte, und doch tat es immer so weh loszulassen, das Gefühl einander auch nur für eine Woche nicht zu sehen, nicht die Anwesenheit, die Anteilnahme der anderen fühlen zu können schnitt mir jedes Mal tief ins Fleisch, und dann war da diese Angst, die Angst diesen Menschen, der mir alles bedeutete, viel mehr als mein eigenes Leben, der Mensch der mich antrieb weiterzumachen, mir meine übrigen Ängste und Unsicherheiten nahm. Wenn wir uns sahen, war die Angst weg, alle Hürden, die uns voneinander trennten waren vergessen.
Die Mischung aus Angst davor, diesen einen, ganz besonderen Menschen zu verlieren, war auch verbunden mit dem Wunsch, sie glücklich zu machen, und das um jeden Preis. Klar war, dass ich sie nicht zwingen würde, mit mir zu sein, sie sollte glücklich sein, ihr sollte die Welt zu Füßen liegen, mir war klar, dass ich sie nicht an mich ketten wollte, alles, was ich mir wünschte, war sie glücklich zu sehen; auch wenn das bedeuten würde, dass ich nicht mit ihr, nicht bei ihr sein würde. Immer wenn unsere Finger ineinanderglitten, wenn wir uns tief in die Augen sahen, die Welt um uns herum verschwamm, immer wenn ihre zärtlich gesprochenen Worte sich wie Balsam auf meine Seele legten, dann spürte ich Wärme und das milchige, orange-gelbe Licht brachte ihre Augen zum Funkeln und wieder verschwand die Angst, da war kein Zweifel, da war nur das Gefühl, da war die Gewissheit, dass es jemanden gibt, der alles für einen tun würde und die Sicherheit, dass man das nie ganz in Anspruch nehmen würde. Wir waren füreinander da, wir waren glücklich und frei – niemand konnte uns trennen, nichts diese Wellen des Glücks, die, wann immer ich in ihre wundervollen Augen blicke, über mich hereinplätschern, aufhalten.
Wir betrogen uns selbst, wir betrogen andere, aber wir taten es gemeinsam, wir waren nicht allein.
In Liebe – A.