Zweisam schweigen

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Antonia Seidel, 20 Jahre

Heiß ist es an diesem Tag. Nicht wahr? Nur hier im Schatten ist es erträglich. Über uns das schützende Blätterdach.
Wir lachen gemeinsam. Du bringst mir mein Lächeln zurück.
Ich hatte es für eine lange Zeit verloren geglaubt.
Es bleibt nun in mir.
Lachen bringt Trost. Worte können heilen.
Doch gehen wir gemeinsam aus diesen Momenten heraus.
Nehmen wir uns die Zeit, aus der Zeit zu gehen.
Existieren wir neben ihr.
Was passiert?
Alles ist ruhig.
Nichts zu hören, außer meine eigenen Gedanken in mir und deine Atmung neben mir.
Leicht und sanft hebt und senkt sich dein Brustkorb.
Du bist verbunden mit dem festen Boden, auf dem du liegst.
Dein ruhiges Atmen geht über in meine Gedanken.
Wir liegen auf dieser Erde.
Dieselbe Erde, auf der alles existiert.
Worte sind leicht gesagt.
Dort oben der weite Himmel und wir hier unten.
Klein und unbedeutend für die schnelle Welt da draußen.
Was bleibt uns?
Still stehen kann die Welt nicht mehr.
Wir sind schneller, als jemals zuvor. Was ist aus ihr geworden?
Was aus uns?
Wir können die Welt nicht stoppen.
Doch zweisam schweigen wir und die Welt wird langsamer.
Was bleibt noch wahrhaftig?
Ein Versprechen. Gemeinsam durch Stilles und Lautes.
Wenn die Welt aus den Fugen gerät, was fügt sie wieder zusammen?
Eine Bindung zueinander.


Vertrauen.
Vertrauen in dich. Kein Hinterfragen. Ich kenne dich.
Ich sehe dich so, wie du bist.
Ich erwarte nichts, deshalb schweige ich.
Und ich weiß, dass du dasselbe denkst.
Wir formen keine Worte, die der Wind davon tragen kann.
Sie wären verschwunden und verloren. Für immer.
Hier ist es leise.
Hier haben wir ein Gesicht.
Ohne dich anzuschauen, sehe ich dich.
In der Stille lernen wir Mensch zu sein.
Was ist aus dem Warum geworden?
Wir haben aufgehört danach zu fragen.
Warum?
Wir haben verlernt, was es bedeutet,
diese Frage zu stellen.
Haben Angst davor.
Was würde passieren, wenn wir uns umschauen,
nicht mehr sehen und verstehen,
wie wir an den Ort gekommen sind,
an dem wir gerade stehen?
Wollten wir werden, wer wir sind?
Darum.
Wir verlieren Zeit.
Siehst du dort die Schatten?
Sind es Fehler? Nein.
Nur Konturen.
Konturen, die unser Leben greifbar machen.
 

Doch ich liege hier. Bei dir.
Die Sonne zwischen den Schatten.
Das Licht unserer Bindung in mir.
Keine Lügen.
Keine Wahrheiten.
Einfach sein.
Zeit kehrt zurück.
Wir leben jetzt.
Meine Gedanken weichen.
Was bleibt?
Und in uns entsteht Erinnerung.
Erinnerung an diesen Tag.
An das Schweigen.
An das, was verbindet.
Still im Herzen.
Für immer in mir.
Zeitlos.

Autorin / Autor: Antonia Seidel