Dieser Gang ist eine Sackgasse. Ich sitze wie immer am Ende auf dem Fensterbrett und schaue auf den Hof. Zwischen mir und dem Stiegenhaus sind nur noch, durch die große Pause, der leere Physiksaal, der Kunstsaal und ein Klassenraum. Hier oben ist nie jemand während der Pause. Alle anderen gossipen unten mit ihren Freunden oder spielen Fußball. Ich sehe, wie ein paar Leute aus der Parallelklasse sich in einer Gruppe zusammenstellen und dann plötzlich alle in eine Richtung schauen und lachen. Höchstwahrscheinlich Gossip über wen anderen, der auch einfach nur er selbst sein will. Ich presse meine Stirn gegen die kühle Fensterscheibe und atme tief durch. Die haben ja keine Ahnung, wie es ist, jeden Tag eine Maske aufrecht zu halten, sodass niemand dahinter schauen kann. Erst jetzt merke ich, dass ich die ganze Zeit über die Kastanie gestrichen habe, die ich vor ein paar Tagen im Wald gefunden habe. Ich hole sie raus und halte sie in das Licht. Sie ist noch ganz frisch.
Plötzlich höre ich dumpfe Schritte auf den Stufen. Dann kommt Charlie um die Ecke. Ich beobachte, wie er immer näher kommt.
"Magst du den haben, mir schmeckt er nicht?“
Ich greife wortlos danach und reiße die Packung auf. Ich weiß genau, dass seine Mutter ihm zwei eingepackt hat, weil ich sonst nichts esse, am Anfang habe ich mich noch geweigert, aber Charlie ist standhaft geblieben. Irgendwann habe ich aufgegeben und ihn einfach genommen. Seitdem ist es fast ein Ritual.
Ich schaue wieder nach draußen und ich spüre seinen Blick auf mir aber ich drehe mich nicht zu ihm um.
“Eigentlich bist du wie eine Kastanie, du schützt dich auch mit Stacheln gegen die Welt, aber innerlich bist du einfach nur jemand, der niemandem was tut.”
Ich schmunzle und schaue wieder nach draußen.
„Wie spät ist es eigentlich?“
Charlie schaut auf sein Handy: „Wir haben noch 10 Minuten.“
„Ok!“
„Ist das da unten der Bastard Finn und seine Gruppe? Haben die dich wenigstens heute in Ruhe gelassen?“
„Haha, du bist echt witzig Charlie, warum sollten DIE mich in Ruhe lassen, aber … witzig ist es schon, denen fällt nichts mehr ein, heute wieder so ein Basic Spruch wie: "Bist du jetzt eigentlich ein Junge oder Mädchen, echt, die haben wirklich nichts drauf.“
Eine Hand streicht über meine Schulter, dann höre ich ihn schnaufen und dann legt er seinen Kopf auf meine Schulter.
„Hey Grayson, … hey … ähm … ich habe das für dich, ich weiß nicht, ob dir es gefällt, aber … aber … vielleicht hilft es dir?“
Hmm, ich drehe meinen Kopf und schaue ihn an. Er schaut mich nur kurz an und bricht dann den Blickkontakt ab.
Es raschelt und er zieht ein kleines Sackerl hervor. Langsam reicht er es mir und vermeidet den Blickkontakt.
Charlie, hey du machst mir langsam Angst, ist da ne Bombe oder so drin? So kenne ich ihn gar nicht, normalerweise ist er immer richtig selbstbewusst. Auch wenn er auch in der Schule nur versucht, diese Mauer aufrechtzuerhalten, um nicht zur Zielscheibe zu werden, wie ... wie ich
Nein, nein … natürlich nicht.
Ich öffne langsam das Sackerl und hole 4 Armbänder und ein weiteres kleines Sackerl hervor. Die Armbänder sind in drei Farben: Rosa, Blau und Gelb, sowie ein regenbogenfarbenes. Im kleinen Sackerl sind Anhänger, welche graviert wurden.
„Warte was, warum die Armbänder und Anhänger?“
Also … jedes Armband steht für ein Geschlecht, Rosa für weiblich, … Blau für männlich, Gelb für Nonbinary … und das Regenbogenfarbige, wenn irgendwie gar nichts passt.
…Je nachdem wie du dich fühlst, kannst du das Armband anziehen und die passenden Pronomen und den passenden Namen hinhängen, also ob Gray, Grayson oder ein anderer. Wenn du noch andere Pronomen oder Namen brauchst, gib Bescheid, ich mache dir welche.
Ich vergesse komplett, dass wir auf einem schmalen Fensterbrett sitzen und falle Charlie um den Hals. Kurz darauf spüre ich den kalten Fliesenboden.
„Du hast diese Armbänder selber gemacht, wirklich echt du bist wahnsinnig.“
„Jaja, ok, kannst du bitte von mir runtergehen?“
„Ja, sorry, aber was … wieso?“
„Was heiß hiert: was wieso?“
„Warum die Armbänder, das wäre nicht notwendig gewesen und du hast die selber gemacht.“
„Damit ich weiß, wie ich dich ansprechen muss. Und ja, ich habe die selber gemacht, du weißt ja, ich bin ein großer Fan von Schmuck herstellen.“
„Ach du Scheiße, ich liebe dich wirklich. So, wo ist das gelbe Armband mit der Aufschrift: No Pronouns. Du hast sicher so eins gemacht oder … hast du doch?“
"Ja, natürlich war das das erste, was ich gemacht habe!”