Ein Freund in der Ferne

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Sliwa, 15 Jahre

Nichts tun kann ich am besten. Manche lieben Abenteuer oder wollen einen aufregenden Beruf. Ich aber nicht. Nach der Schule werde ich einen ruhigen Job machen. Ich bin einfach nicht für Trubel gemacht. Wie jede Pause schlenderte ich gemächlich den Schulflur entlang. In Richtung des rot gestrichenen Treppenhauses. Mit ist bewusst, dass mich dort nichts erwartet. Niemand wird dort sein und mein Tag wird wie gewohnt weitergehen. Trotzdem näherte ich mich dem roten Treppenhaus immer weiter. Als ich ankam, konnte ich meinen Augen kaum trauen. Eliska Svoboda stand wirklich da und wartete auf mich. Sie ist eher klein für ihr Alter und wirkt dadurch unscheinbar. Völlig verkrampft stand sie da und blickte sich nervös um. Doch als sie mich erblickte, bildete sich ein strahlendes Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie lief auf mich zu und schlang ihre Arme um mich."Endlich bist du da! Ich dachte schon, du kommst gar nicht. Du hast mich ziemlich lang warten lassen! Ich freue mich so so sehr, dich zu sehen", redete sie auf tschechisch auf mich ein. Überfordert mit der Situation versuchte ich, sie von mir zu lösen und antworte auf tschechisch: "Ja, ja. Ich freue mich auch, dich zu sehen." Auf dem Weg zum Schulhof starrte mein Freund, der kein tschechisch kann, mich und Eliska ungläubig an. Ich und Eliska sind das ungleichste Paar, das man sich nur vorstellen kann. Ich bin komplett in mattes Grau gekleidet, während Eliska in bunten Tönen strahlt. "Woher kennst du dieses Mädel?", fragte er mich. "Als ich mal wieder meinen großen Bruder in Tschechien besucht habe, ist sie mir über den Weg gelaufen. Sie hat mir erzählt, dass sie bald nach Deutschland ziehen würde. Zufällig sollte sie sogar an meine Schule gehen. Also haben wir abgemacht, uns an ihrem ersten Schultag am roten Treppenhaus zu treffen. "Wie jede Pause setzten wir uns an eine ruhige Ecke des Schulhofs, um ein bisschen zu diskutieren und Späße zu machen. Doch diesmal nörgelte Eliska an mir rum: "Dein Tschechisch ist zwar perfekt, aber dein Akzent ist schrecklich. Daran müssen wir bisschen arbeiten." "Dein Deutsch ist auch nicht viel besser. Ich glaube Deutsch lernen hat mehr Priorität", konterte ich. Doch Eliska neckte mich weiter: "Dass du dich in den Ferien bisschen gehen lässt, ist okay. Aber in der Schule? Hier musst du bisschen anständiger wirken." Sie nahm mir meine Schieber Mütze vom Kopf und strich meine verfilzten Haare zurecht. Ich muss wohl die Meckerei über mich ergehen lassen. Die Schulglocke klingelte und wir machten uns auf den Rückweg in die Klasse. Doch als wir fast am Schulgebäude ankamen, blieb Eliska stehen. Ich ließ meinen Freund vergehen. Eliska stand regungslos da und war kurz davor zu weinen."Was ist los?", fragte ich sanft. Überraschenderweise umarmte sie mich und presste ihr Gesicht gegen meine Brust. Wahrscheinlich, um ihre Tränen zu verdecken. Ich erstarrte. "Ich habe Angst!", schluchzte sie gegen mich. "Die ersten zwei Stunden waren schrecklich. Ich habe versucht, irgendwie den Lehrer zu verstehen und mitzuarbeiten. Aber die ganze Zeit haben mich Mitschüler angequatscht. Auch wenn ich Deutsch könnte, hätte ich kein Wort rausgebracht." Sie machte eine kurze Pause. "Ich habe Angst vor sozialen Interaktionen! Schon in Tschechien hatte ich keine Freunde. In der Schule habe ich nie geredet. Sogar mit meiner Mutter und meinen Schwestern rede ich nur zwei Sätze pro Tag. Du bist der einzige Mensch, mit dem ich unbeschwert reden kann. Ich weiß auch nicht warum, vielleicht liegt es an deiner schusseliegen, unkomplizierten Art. Ich bin ganz allein in einer Klasse, voller fremder Menschen, die nicht meine Sprache sprechen. Das stresst mich unheimlich sehr. Ich habe niemanden. "Langsam legte ich meine Arme um sie und improvisierte: "Du hast mich." Sie schaute ungläubig zu mir hoch. Tränenflüsse liefen ihr Gesicht runter. "Du hast doch selbst gesagt, ich bin die einzige Person, mit der du unbeschwert reden kannst. Ignoriere deine Mitschüler und fokussiere dich auf deine Aufgaben. Und wenn du es nicht mehr aushältst, denk daran, ich bin nur ein paar Klassenräume weiter. Im Nachhinein wird es viel weniger schlimm sein." Ich strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Komm, gehen wir rein. Du wirst sehen, es wird nicht so schlimm sein. Nach der Schule warte ich auf dich und begleite dich Nachhause", versprach ich. Eliska wischte sich die Tränen weg. Ich nahm ihre Hand und zog sie vorsichtig Richtung Schulgebäude. Nichts tun kann ich wohl für die nächste Zeit vergessen.

Autorin / Autor: Sliwa