Was wäre, wenn ich damals nicht vor meinen Gefühlen weggelaufen wäre?
Was wäre, wenn es mir egal gewesen wäre, was die anderen über mich denken?
Vielleicht wäre dann alles anders gekommen.
Ich habe mich selbst zerstört, nicht auf einmal, sondern Stück für Stück. Ich wollte dazugehören und niemanden enttäuschen, daher wurde ich zu jemandem, der ich nie sein wollte. Tag für Tag setzte ich diese Maske auf, bis ich selbst nicht mehr wusste, wer dahintersteckt.
Früher war ich anders.
Ich erinnere mich an einen Sommer, in dem meine Schwester und ich fast jeden Abend auf der alten Holzbank hinter unserem Haus saßen. Wir erzählten uns dumme Geschichten und lachten, bis uns der Bauch wehtat. Damals dachte ich, es würde für immer so bleiben.
Bis ich merkte, dass es nicht mehr reichte, einfach ich selbst zu sein.
Es fing mit Kleinigkeiten an.
„Warum bist du eigentlich immer so laut?“
„Irgendwie bist du anders.“
Am Anfang lachte ich darüber. Irgendwann nicht mehr.
Ich begann, meine Worte, meine Kleidung und sogar mein Lachen infrage zu stellen. Ich sagte meine Meinung nicht mehr und lachte über Dinge, die ich gar nicht lustig fand.
Ich wollte nicht auffallen. Ich wollte einfach nur dazugehören.
Also sagte ich die Treffen mit meiner Schwester ab. Auf ihre Nachrichten antwortete ich erst „später“, dann mit „morgen“ und irgendwann gar nicht mehr.
Ich verschwand lieber in meinem Zimmer und scrollte stundenlang durch Tik Tok. Es war leichter, anderen beim Leben zuzusehen, als mich mit meinem eigenen auseinanderzusetzen.
„Hey, was machst du denn da?!“
„Hm?“
Langsam hob ich den Kopf.
Es war meine Schwester.
„Du wirst ja komplett nass! Was soll das, Jason?“
Ihre Stimme klang genervt, doch in ihren Augen lag etwas.
Sorge.
Der Regen lief mir über das Gesicht. Ich wusste nicht mehr, ob es die Tropfen waren oder meine Tränen.
„Ich…ich weiß nicht weiter.“
Sie trat näher.
„Jason, was ist passiert?“
Ich sah auf den Boden
„Nichts. Ich habe nur nachgedacht.“
Sie schwieg einen Moment, dann hielt sie ihren Regenschirm über mich.
„Du weißt, dass du immer mit mir reden kannst, oder? Wir stehen uns nicht mehr so nah wie früher, aber ich bin trotzdem für dich da.“
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
„Ich weiß nicht mehr, wer ich bin“, flüsterte ich. „Oder wer ich sein möchte.“
Meine Stimme brach.
„Ich habe euch alle enttäuscht. "Es…es tut mir leid.“
Zwei Tränen liefen über mein Gesicht.
„Ich wollte einfach nur dazugehören und jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich so noch sein will.“
Meine Schwester nahm mich in den Arm. Ohne Vorwürfe. Ohne Fragen.
Seit Jahren hatte ich ihre Nachrichten ignoriert, mich zurückgezogen und trotzdem war sie jetzt hier.
Bei mir.
Im Regen.
„Du musst nicht der Mensch sein, den alle in dir sehen wollen, Jason“, sagte sie leise. „Du musst nur wieder herausfinden, wer du selbst bist.“
Ich schloss die Augen.
„Du hast so lange versucht, für alle anderen jemand zu sein“, fuhr sie fort, „dass du vergessen hast, dass du für mich nie jemand anderes sein musstest.“
Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich Erleichterung.
Ich dachte an den Jungen, der einfach gelacht hatte, wenn ihm danach war. Der seine Schwester genervt hatte und sich nie darum kümmerte, ob andere ihn mochten.
Vielleicht war dieser Junge nie verschwunden
Vielleicht hatte ich ihn nur zu lange versteckt.
Der Regen fiel noch immer.
Aber zum ersten Mal war es mir egal, was andere über mich dachten.
Ich musste nicht sofort wissen, wer ich sein wollte. Vielleicht musste ich nur aufhören, jemand zu sein, der ich nicht war.
Meine Schwester hielt mich noch immer fest und ich ließ es zu.
Ich musste niemandem etwas beweisen.
Nicht meinen Freunden.
Nicht den Menschen, deren Meinung mich so lange verfolgt hatte.
Nicht einmal mir selbst
Ich war einfach Jason.