Es tut immer noch weh.
Dass ich gerade mit Menschen an einem Tisch sitze, mit denen ich mich einmal die Woche in einem Café treffe. Dass mich eine von ihnen zu meinem Geburtstag einlädt und es sich so seltsam anfühlt. Unreal, wie etwas, was nicht sein sollte. Ich verstehe nicht, warum sie das tun.
Es tut weh, dass ich erst jetzt, seitdem ich die Schule abgeschlossen habe, anfange, jemand zu sein. Dass sie die Gelegenheit hatten, herauszufinden, was sie mögen, was ihre Hobbys sind, Partys, Freundschaften. Die Klischeeteenagerzeit, die ich eigentlich auch haben wollte. Ihr Selbstbewusstsein auf Kosten von meinem. Mit sie meine ich nicht die Menschen, die ich momentan um mich herumhabe, sondern diejenigen, deren Taten sich in mein Bewusstsein gekrochen haben. Ich habe zu viel über Neurobiologie gelernt, weil ich herausfinden wollte, wie sie meine Gehirnstruktur verändert haben, sodass meine Psyche nun das ist, was sie eben ist.
Ihr Selbstbewusstsein auf Kosten von meinem. Ich habe in der Zeit, in der ich eine Teenagerzeit hätte haben können, zuhause gesessen, voller Angst davor, sie am nächsten Tag wieder zu sehen.
Ich habe mittlerweile Freund*innen (oder versuche, mich davon zu überzeugen), einige von ihnen sind wie ich autistisch. Ich rede über mein aktuelles Interesse (Fankultur) und sie hören zu, stellen Fragen. Einer sagt, dass er meine Begeisterung liebt. Ich nehme an, dass er sich eigentlich über mich lustig macht, indem er das sagt. Obwohl das eigentlich keinen Sinn ergibt. Wenn man einen nicht kleinen Teil seiner Schulzeit damit verbracht hat, dass Leute einem Komplimente gemacht haben, nur um sich dann über seine Reaktion lustig zu machen, fühlen sich Komplimente irgendwann wie eine Bedrohung an. Weil ich es gewagt habe, sie ernst zu nehmen.
Jetzt reden wir über Schulfreundschaften und ob sie sich gehalten haben oder nicht. Ich möchte gerne erzählen, dass sich meine definitiv nicht gehalten haben (im Sinne von: Sie haben nicht existiert), einfach weil ich will, dass meine Freund*innen mehr über mich wissen. Wie das in Freundschaften vermutlich normal ist. Aber ich vertraue ihnen nicht genug. Alles, was ich sage und tue, kann gegen mich verwendet werden, kann zur Grundlage von Mobbing werden. Vielleicht werde ich irgendwann das Vertrauen aufgebaut haben, das ich brauche, um anderen Menschen davon zu erzählen. Doch aktuell schäme ich mich noch zu sehr dafür, und über meine Interessen zu reden ist schon schwer genug.
Schuld. Vielleicht wird das immer ein Gefühl sein, das ich auf mich beziehe, wenn ich an sie denke. Schuld, die diejenigen gesehen haben, die von diesem Papier wussten, dass ich die Kommuniziert-Seltsam-Diagnose habe. Die mir erklärt haben, dass es eben die normale Reaktion von normalen Schüler*innen sei, wenn man eine autistische Person in der Klasse habe und gemobbt werden eben meine Rolle in der Gesellschaft sei.
Mittlerweile bin ich in Therapie, habe weitere psychische Diagnosen. Meine soziale Angststörung ist eine davon. Es tut immer noch weh, dass sie vermeidbar gewesen wäre, da sie sich als Reaktion auf meine Schulzeit entwickelt hat. Aber ich versuche, an mir selbst zu arbeiten. Auch wenn es mir auf die Nerven geht, wie nervös ich immer bin, wenn andere Menschen um mich herum sind. Auch wenn ich mich frage, wie lange es noch dauern wird, bis ich akzeptiere, dass ich mit Menschen befreundet sein darf. Dass es die Realität ist, dass ich Freund*innen habe, die mich mögen und meine Art, zu kommunizieren, wertschätzen. Dass es auch anders geht.
Bis dahin versuche ich, zu atmen.
Ich bin auf dem Weg dahin. Und bis zu dem Zeitpunkt ist es immer noch ein irgendwann.
Eine von uns, die wir am Tisch sitzen, macht einen Witz. Wir lachen zusammen. Der Anklang eines Gefühls, dass ich ein Teil von ihnen bin.