Livia schreibt im Stehen, an das Regal gelehnt. Der Regen prasselt gegen die Scheibe und die Tinte verläuft ein wenig, wo ihr nasser Ärmel das Papier streift. Wenn sie zu lange überlegt, schreibt sie gar nicht.
An die Person, die dieses Buch gerade in der Hand hält,
ich wohne seit elf Tagen in dieser Stadt. Ich weiß inzwischen, dass der Kater von nebenan immer morgens um fünf Uhr miaut, dass die Straßenbahn in der Kurve vor dem Bahnhof quietscht und dass es hier öfter regnet als im Wetterbericht angekündigt. Ich kann aber niemandem davon erzählen. Mein Handy ist erstaunlich still.
Heute stand vor mir an der Kasse ein älterer Herr, der leise ein Lied gesummt hat. Immer nur die ersten drei Töne, dann hat er neu angefangen. Die Kassiererin hat mitgesummt. Ich habe mich gefragt, wie lange man irgendwo wohnen muss, bis jemand bei einem mitsummt.
Dieses Buch hat mich durch vier Umzüge begleitet. Beim letzten hat mir niemand beim Tragen geholfen. Ich habe es nie zu Ende gelesen. Ich höre immer auf Seite 210 auf, weil ich ahne, dass danach etwas kaputtgeht. Vielleicht traust du dich weiter als ich. Und wenn du magst, erzähl mir etwas, das wirklich passiert ist. Ich lege das Buch zurück und schaue in einer Woche nach.
– jemand, der neu ist
Kurz vor Ladenschluss räumt Mila das Tauschregal auf. Ein Buch steht verkehrt herum, und als sie es umdreht, klappt es von allein auf. Seite 210. Ein gefaltetes Blatt segelt zu Boden. Sie hebt es auf und liest den ersten Satz. Beim zweiten vergisst sie das Aufräumen.
An jemanden, der neu ist,
ich habe deinen Brief auf dem Boden zwischen den Regalen gelesen. Sonst finde ich in diesen Büchern nur alte Kassenbons.
Den Mann kenne ich. Herr Albrecht, Brötchen und Zeitung, jeden Morgen. Ich summe immer mit. Das Lied hat seine Frau früher gesungen. Seit sie tot ist, kann er nur noch den Anfang. Letzte Woche hat er mich gefragt, wie es weitergeht. Ich wusste es nicht.
Du wolltest etwas Echtes. Bitte sehr: Letzten Winter ist meine beste Freundin weggezogen. Wir wollten uns schreiben. Ihr letzter Brief liegt seit März ungeöffnet auf meinem Schreibtisch, weil ich nicht wissen will, ob er ein Abschied ist. Seitdem lese ich immer zuerst das Ende. Ich muss wissen, wer am Schluss noch da ist, bevor ich mich traue, jemanden zu mögen. So, als hätte ich Angst vor Geschichten. Oder vor dem Leben. Vielleicht habe ich das auch.
Seite 210 habe ich übrigens gelesen. Und die danach. Ich verrate dir nichts. Aber ich habe ein Eselsohr hineingemacht, an der Stelle, an der es wieder gut wird. Falls du dich irgendwann traust.
Du schreibst dein g wie eine kleine Acht. Ich habe es mit dem Finger nachgezogen. Frag nicht.
– jemand, der zuerst das Ende liest
Sechs Tage lang geht Livia am Laden vorbei, ohne hineinzugehen. Am siebten Tag nicht mehr. Das Buch steht noch da, gerade diesmal, als hätte jemand es mit Absicht so hingestellt. Sie nimmt nur den Brief heraus und liest ihn in der Straßenbahn, die in der Kurve vor dem Bahnhof quietscht. Sie merkt erst an der Endhaltestelle, dass sie hätte aussteigen müssen. Am nächsten Morgen schiebt sie ihre Antwort zwischen die Seiten.
An jemanden, der zuerst das Ende liest,
ich muss dir etwas gestehen. Gestern stand ich neben dir am Regal. Du kamst mir bekannt vor, aber ich weiß nicht, woher. Dann hast du mein Buch aufgeschlagen, kurz gelächelt und es zurückgestellt, als hätte dich jemand ertappt. Auf dem Heimweg habe ich mir vier Versionen ausgedacht, was ich hätte sagen können. Die beste war „Hi“.
Übrigens habe ich weitergelesen. Bis zu deinem Eselsohr. Es war nicht so schlimm. Du hattest recht.
Wenn du willst, bin ich am Donnerstag um sechs hier. Ich halte das Buch in der Hand, aufgeschlagen auf Seite 210. Du musst nichts sagen. Du kannst einfach so tun, als würdest du etwas suchen. Wenn du nicht kommst, lese ich das Buch zu Ende. Das hätte ich ohne dich nie getan. Und es ist in Ordnung. Das stimmt nicht, aber ich schreibe es trotzdem.
Ich glaube, der alte Mann hat heute vier Töne gesummt.
– L.
Donnerstag, kurz vor sechs. Der Regen hat aufgehört, die Pflastersteine glänzen im letzten Licht. Livia steht vor dem Tauschregal, das Buch in den Händen, und liest denselben Satz zum zwölften Mal, ohne ein Wort zu verstehen.
Schritte, langsam, dann ganz nah. Jemand stellt sich neben sie und zieht wahllos ein Buch aus dem Regal.
In der Jackentasche der Fremden knistert Papier. Kein Kassenbon.
Eine Weile sagt keine von beiden etwas.
Dann, leise, summt Mila drei Töne. Dieselben wie damals an der Kasse.
Und Livia summt den vierten.