Marley

Beitrag zum Schreibwettbewerb echt? jetzt! von Noelle Falkner, 23 Jahre

Marleys Lippen hauchen Erdbeerquallen an meine Zimmerdecke. Ringe schweben über unseren Gesichtern, mal Nebelschwaden, mal kleine Wolken. Aber am liebsten lässt sie Quallen tanzen, das weiß ich. Ein Quallentanz im pinken Neonlicht, zu Depeche Mode im Hintergrund.
„Du auch?“ Sie hält mir die Vape entgegen.
Ich schüttle den Kopf, winke ab. Meine Eltern würden ausrasten und anders als Marley kümmert mich das. Ich schabe mich vom Bettlaken, Slow Motion, öffne das Fenster und lasse die Quallen in die stille Nacht gleiten. Kühle Luft schlägt mir entgegen und legt den Geschmack von November und ungesagten Worten auf meine Zunge.

Ich blicke hinüber zu meinem Bett. Marley liegt dort wie ein Stillleben. Als hätte sie jemand am Kragen gepackt und drapiert, in zerrissenen Strumpfhosen und verwaschenem T-Shirt. Die Converse hat sie systemlos vor das Bettende geworfen, die Beanie obendrauf, den Rucksack voller Alibis daneben. Ich weiß nicht, ob sie ihn mitnimmt. Noch weniger, ob sie heute Nacht wieder in meinem Bett liegt.
Wenn Marleys Eltern sie sprechen wollen, wird sie unter der Dusche stehen, gerade einen Spaziergang machen. Vielleicht noch schlafen. Neben mir.
„Nico und ich, das ist was Besonderes.“ Marley nimmt einen Zug und schickt die nächste Qualle los. „Sowas wie Seelenverwandtschaft, you know? Das Universum wollte, dass wir uns begegnen.“ Die Wörter perlen von ihren Lippen und mit ihnen all die stummen Versprechen, die Marley dieser Nacht gibt. Und Nico.

Ich atme keine Quallen, ich hauche stumme Schreie aus.
Egal, wie oft ich mich für Marley entscheiden würde. Das Universum steht gegen mich.
Sie löst sich aus dem Kunstwerk und wirft die langen Beine über die Bettkante. Als würde Mona Lisa aus dem Bilderrahmen steigen, einfach so. Rote Locken ergießen sich über ihren Nacken, als sie mich über die Schulter hinweg anblickt, künstliche Wimpern und ein echtes Gesicht.
Marley ist schön. Schöner, weil sie nicht weiß, dass sie es ist.
„Machst du mir die Haare?“ Sie streift ein Haargummi von ihren schmalen Handgelenken und hält es in meine Richtung. „Ich … will nicht, dass er das sieht, wenn ich die Mütze…“

„Klar.“

Marley sinkt auf den weißen Vorleger, ich greife nach der Bürste auf meinem Schminktisch und setze mich hinter sie aufs Bett. Wir kennen unsere Choreografie, sie entwirrt mit der Bürste ihre feinen Haarlängen, ich beobachte sie dabei. Meine Knie berühren kantige Schulterblätter. Da ist keine Rundung an diesem Menschen, nichts Weiches, nur Entweder-oder, Ganz-oder-gar-nicht.

Sie legt die Bürste neben sich, lehnt ihren Kopf nach hinten und schließt die dunklen Augen. Wir lassen uns fallen.
Niemand sonst darf Marleys Haare machen. Dabei sind das solche, die man flechten will. Herbststürme kräuseln sich auf ihrem Kopf, Wirbel um Wirbel, Locke um Locke. Meine Fingerkuppen rakeln hindurch, teilen sie in drei, legen frische Stoppelfelder frei. Ich flechte sie weg. Von außen nach innen, erst links, dann rechts. Mehr lichte Stellen kommen zum Vorschein. In den letzten Tagen muss es schlimmer geworden sein. Marley sagt immer, das ist nicht sie. Nicht ihre Finger und nicht ihre Pinzette. Das sind die Unwetter in ihrem Kopf und der Schneesturm vor ihrer Zimmertür, ihre Eltern, und außerdem, es sind doch nur die Haare, die sich nicht richtig anfühlen, und bei ihr sind das eben einige. Ich arbeite mich an ihrem Kopf entlang, so lange, bis die Stoppelfelder bedeckt sind, und wickle das Haargummi dreimal um das kurze Zopfende. Überlege, ob ich nochmal von vorn anfangen soll, nur damit sie nicht geht, nicht zu Nico. Mein Herz will das so, und den Rest von mir will es nicht fragen, weil es weiß, dass er recht hat.

„Fertig“, kommt es über meine Lippen.

Marleys Fingerspitzen fahren über die verschlungenen Strähnen, vielleicht auf der Suche nach einem falschen Haar. Sie halten sich zurück. „Danke.“
Ich helfe Marley auf, bedeutungsloses Händehalten, und sie zieht ihre Beanie auf und ihre Sneaker an. Stumm sehe ich zu, wie sie zwei Schleifen bindet. Will Doppelknoten in ihre Schnürsenkel machen, solche, die sie nicht aufkriegt.
„Warte“, sage ich, als Marley die Türklinke schon in der Hand hat.
Ich gehe hinüber zum Schminktisch, hole eine kleine, runde Zinndose aus der Schublade und tauche meine Fingerkuppe ein. In andächtigen Bewegungen streiche ich den Lipgloss über ihre Unterlippe, so rot wie ihre Erdbeerquallen schmecken. Für mich zu viel, für Marley genau richtig. Ich wusste das schon, als ich ihn gekauft habe.

„Du bist die Beste.“ Ein Lächeln legt sich auf ihre Erdbeerlippen.
Vielleicht habe ich gehofft, sie würde mich mit ihnen küssen. So lange, bis genau die richtige Menge Farbe auf meinen Lippen klebt.

Autorin / Autor: Noelle Falkner